Biodiversität: "Ohne Mücke gibt es keine Schokolade"

Kakaobaumblüten sind schwierig zu bestäuben.
Die Mücke ist ein Elefant: Das Aussterben jeder noch so kleinen Spezies hat große Auswirkungen. Eine Biologin erklärt die Zusammenhänge.

Theobroma cacao ist ein haariges Wunder der Natur. Die immergrüne Pflanze aus der Gattung der Kakaobäume bringt tausende Blüten hervor. Die Einflugschneise zur Narbe ist aber so eng, der Weg so beschwerlich, dass einzig zwei winzige Bartmücken-Arten die Bestäubung übernehmen können.

Buchtipp

„Ohne Mücke keine Schokolade“, schließt die deutsche Biologin Frauke Fischer plakativ und beantwortet damit teilweise, was sie mit dem Titel ihres kürzlich erschienenen Buches fragt: „Was hat die Mücke je für uns getan?“ (oekom, 20,60 €). Gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Hilke Oberhansberg lässt sie „Endlich verstehen, was biologische Vielfalt für unser Leben bedeutet“. Der Untertitel ist Programm: Es geht auf 220 Seiten kurzweilig und fundiert zu. Die Mücke wird zurecht zum Elefanten.

Sechstes Massenaussterben

Derzeit gibt es vermutlich acht Millionen Arten weltweit. Für jede tickt die Uhr; die mittlere Lebenserwartung einer Spezies beträgt zehn Millionen Jahre. Für manche wird sie jetzt verkürzt. Denn der Mensch verursacht gerade das sechste Massenaussterben in der Geschichte des Blauen Planeten. Er verändert Lebensräume, übernutzt Ressourcen, befeuert den Klimawandel und reduziert durch ökonomische Gewinnmaximierung die natürliche Vielfalt.

Vielfalt Leben

„Biodiversität ist mehr als Artenvielfalt. Der Begriff meint auch die genetische Vielfalt und die Vielfalt von Ökosystemen“, führt Fischer im Gespräch mit dem KURIER und im ersten Kapitel ihres lexikalischen Werks aus: „Biodiversität arbeitet stoisch gegen rasche Veränderungen an, bis es eben nicht mehr geht.“ Bis ein Ökosystem kippt, bis das ganze World Wide Web of Life aus dem Gleichgewicht gerät, bis es keine Bartmücken und keine Kakaobohnen mehr gibt. 35 Prozent der Welternährung basieren übrigens auf der Bestäubung durch Tiere.

Der Mensch profitiert

Doch Biodiversität schmeckt nicht nur abwechslungsreich, sie schützt ebenso vor Katastrophen. Auwälder etwa, selbst Heimat für spezielle Flusskrebse, Fische und Wasservögel, bewahren vor Überschwemmungen. In Städten wiederum wirken Grünoasen gegen die Erderwärmung. Bäume erbringen eine Kühlleistung, die mit Haushaltsklimageräten mithalten kann. Apropos Technik: Auch sie profitiert von dem Reichtum an natürlichen Vorbildern. Autolacke mit der Struktur eines stets sauberen Lotusblattes lassen Tropfen abperlen, Torpedos zischen mit der dynamischen Form von Pinguinen ab.

„Essen, Wohnen, Energie ... Im zweiten Teil des Buches wollten wir die Bezüge zu allen wichtigen Lebensbereichen herstellen“, fasst Fischer zusammen. Überall läuft es biodivers besser. Auch in der Gesundheit. „Natürlich können Mücken Krankheiten übertragen. Sie auszurotten würde aber massiven Schaden anrichten“, sagt Fischer. Man fälle ja auch nicht den Baum, von dem der Vogel aufs Auto kackt. Ein sorgsamer Schutz vor den Blutsaugern muss im Sinne der Vernetzung von Spezies reichen. Gerade Insekten sind ein unverzichtbares Glied in der Nahrungskette. Sie sättigen Vögel, Fledermäuse, Frösche, Fische & Co. Ohne Mücken weniger Arten; ohne Abwechslung in Fauna und Flora weniger paradiesische Reiseziele.

Artenschutz geht alle an

„Wir wollten mit dem Buch nicht negativ sein. Wir wollten erklären, dass wir die Vielfalt oft unbedacht zerstören und unsere eigene Existenz damit gefährden“, umreißt Fischer ihr Konzept. „Und wir wollten zeigen, was passieren muss, damit das nicht geschieht.“ Schutzgebiete schaffen, renaturieren, Nachzuchten auswildern, nachhaltig wirtschaften und Handel treiben, Verantwortung übernehmen... Kapitel III schlägt ausführlich Lösungen vor. Der Mensch kann viel für die Mücke tun.

 

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