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Wissen Wissenschaft
03/01/2021

Neandertaler waren Plaudertaschen wie wir

Forscher untersuchten das Hörvermögen unserer Cousins und schlossen auf deren Sprache.

„Wir glauben, dass wir nach mehr als einem Jahrhundert Forschung eine schlüssige Antwort auf die Frage nach der Sprachfähigkeit der Neandertaler geben können.“ Das sagt Ignacio Martinez von der Universidad de Alcalá in Spanien und veröffentlicht jetzt gemeinsam mit internationalen Kollegen eine Untersuchung im Fachmagazin Nature. Der Anthropologie-Professor der Binghamton University, Rolf Quam, fasst die Kernbotschaft zusammen: „Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Neandertaler die Fähigkeit hatten, menschliche Sprache wahrzunehmen und zu produzieren.“

Die Forscher zäumten das Pferd quasi von hinten auf: Sie rekonstruieren, wie die Neandertaler hörten, um heraus zu finden, wie sie kommuniziert haben. Sie erstellten 3D-Modelle sowie eine virtuelle Rekonstruktion des Ohrs und verglichen alles mit dem modernen Menschen. Ein Computerprogramm schätzte dann die Hörfähigkeiten und die Frequenzbereiche beider Spezies ein.

„Die Neandertaler besaßen ein Kommunikationssystem, das genauso komplex und effizient war wie die Sprache des modernen Menschen“, glaubt Studienautorin Mercedes Conde-Valverde und begründet das mit dem vermehrten Gebrauch von Konsonanten, auf den die Forscher auch schließen. Konsonanten verbessern die Effizienz der Kommunikation, also die Fähigkeit, eine klare Botschaft in kürzester Zeit zu übermitteln.

Rückblick

Bereits seit 1983 verdichten sich die Anzeichen, dass Neandertaler sprechen konnten. Damals wurde in einer Höhle in Israel ein Neandertaler-Zungenbein gefunden. Der kleine Knochen sitzt an Muskeln und Bändern, die eine Artikulation mit der Zunge möglich machen. Weil das Zungenbein aussieht wie unseres, schloss man, dass der Neandertaler anatomisch in der Lage war zu sprechen.

Später haben Genetiker des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie einen weiteren Anhaltspunkt für das Sprachvermögen der Neandertaler entdeckt. Sie besaßen wie der moderne Mensch auch das Sprachgen FoxP2, noch dazu in der gleichen Variante wie wir. Die Forscher rätseln jedoch, wie umfangreich ihr Wortschatz war.

Einige Forscher nahmen an, dass schon die Neandertaler ihr Wissen mündlich an ihre Nachfahren weitergegeben haben. Ein Indiz dafür findet sich in den Pyrenäen. Dort wurden 4.000 Wisente getötet – eindeutig zu viele für ein einmaliges Jagdglück. Über Jahrhunderte hinweg müssen hier Neandertaler immer im Herbst an der gleichen Stelle den Tieren den Weg ins Tal abgeschnitten haben. Das spricht dafür, dass sie Organisationstalent besaßen, gut planen konnten und darüber redeten.

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