© WWF / Vincent Sufiyan

Wissen Wissenschaft
12/07/2019

Naturschutz in den March-Auen: Wo Pferde die Landschaft pflegen

Am Grenzfluss zur Slowakei ermöglichten Bagger und Huftiere die Rückkehr gefährdeter Arten.

von Hedwig Derka

Gut getarnt im dichten Winterfell stehen die „kleinen Pferdchen“ friedlich im kahlen Gestrüpp. Der Tag ist ebenso Grau in Grau. Auch die Pappeln und Ulmen, die auf der struppigen Ebene kleine Baum-Inseln bilden, haben ihre Blätter verloren. Die mächtigen Storchennester sind verlassen, Europas größte Kolonie ist schon im August nach Afrika aufgebrochen. Hin und wieder rufen Reiher, Grünspecht oder Eisvogel in die Stille. Die unzähligen Insekten, die es im Frühling und Sommer brummen lassen, haben sich längst in ihre Winterquartiere verkrochen: Herbstzeit im Naturschutzgebiet Untere Marchauen.

Life+ Projekt um 3,5 Millionen Euro

Eine Autostunde östlich von Wien wurde in den vergangenen acht Jahren ein Paradies wiederbelebt, das hunderten Tier- und Pflanzenarten – darunter gefährdete wie Schwarzmilan, Urzeitkrebs und Hügelnelke – ein neues Zuhause nach altem Vorbild gibt.

Nun gilt das Life+ Projekt „Renaturierung Untere March-Auen“ von viadonau, WWF und Landesfischereiverband NÖ als abgeschlossen. 3,5 Millionen Euro wurden investiert.

Wiese

„Die Natur hat sich viel schneller Platz zurückerobert als gedacht. Jetzt muss es weitergehen“, sagt WWF-Projektleiter Michael Stelzhammer, während er auf sein Handy schaut. GPS-Daten, die ein Sender um den Hals der Leitstute übermittelt, haben den Landschaftsplaner direkt zur Herde geführt. Die urtümlichen Huftiere, die 2015 in den Auen angesiedelt wurden, fressen etwas abseits vom „Storchenweg“. Auch zwei Fohlen sind dabei. Mittlerweile pflegen 19 Koniks mit ihren Futtervorlieben die reaktivierten Weideflächen. Derzeit schlagen sich die gebürtigen Polen mit trockenen Lanzettastern aus Amerika den Bauch voll.

„Der Traktor würde alles gleichmäßig mähen. Die Pferde sind wählerisch, das gibt der Wiese Struktur und schafft eine irrsinnige Vielfalt an Lebensräumen, die z.B. Heuschrecken, Wachtelkönig und Wiedehopf zugutekommt“, sagt Stelzhammer und hebt eine halb verrottete Trinkflasche auf. Die regelmäßigen Überschwemmungen halten nicht nur den sandig-offenen Boden feucht, der deregulierte Grenzfluss bringt auch viel Müll mit. Die Pferde ziehen sich bei Hochwasser auf eine höher gelegene Koppel zurück. Besucher sehen vom Damm auf einen idyllischen Weiher. Zwei Schwäne paddeln im Schilf. Biber lassen sich nicht blicken. Dafür haben Wildschweine auf ihren Trampelpfaden schwarze Erde tief aufgewühlt.

„Das Auenreservat des WWF ist 1.100 Hektar groß, 150 ha davon sind Wiese, der Großteil ist Wald mit 850 ha“, sagt Stelzhammer und pflückt eine Brennnessel ohne Brennhaare: „Die wächst nur hier.“ Einst nutzten vor allem Forstwirte die Pracht-Allee von Schloss Marchegg. Heute dürfen heimische Bäume alt werden. Manch Jahrhunderte alte Eiche ist am Sterben. Bemoostes Totholz liegt neben dem schnurgeraden Weg. Ein Spaziergänger in Hundebegleitung grüßt. Für Vierbeiner besteht Leinenpflicht. Für alle gilt: 10 Meter Abstand zu den Koniks.

Etwas weiter stehen Amerikanische Eschen und Eschenahorn. Ihre Stämme sind auf Augenhöhe geschält. Dieses Ringeln hungert die unerwünschten Arten aus und gibt ortsüblichen Weiden und seltenen Wildobstbäumen eine Chance.

„Wir betreiben keine Forstwirtschaft“, erklärt Stelzhammer beim Verlassen des Reservats. Südlich von Marchegg wurden die gravierendsten Eingriffe in die gezähmte Natur vorgenommen. Vor drei Wochen baggerten am linken Nebenfluss der Donau noch schwere Baumaschinen. In langer Arbeit wurden Tonnen an Material verschoben, Dämme ein- und Uferblöcke weggerissen. Jetzt sind insgesamt vier Altarme wieder mit der March verbunden. Alles fließt. „Wir haben 7,5 Kilometer neue Wasserläufe geschaffen.

Die Vielfalt an regionalen Fischarten ist fast vollständig. Vor allem aber haben sich die Bestände erholt“, erklärt Stelzhammer was dem Auge vom Ufer aus verborgen bleibt. Bitterling bis Zander tauchen durch die Unterwasserwelt – sehr zur Freude der lokalen Fischer, sie waren zu Beginn des Projekts doch skeptisch. Auch Flussmuschel, Donaukammmolch und Rotbauchunke profitieren von der Dynamik. „Der erste Meilenstein ist gelungen. Jetzt kommen Jahre der wissenschaftlichen Nachbetreuung. Und Folgeprojekte mit viadonau und den slowakischen Nachbarn“, zieht Stelzhammer Resümee über das Riesenprojekt. Der Tag ist immer noch Grau – die Aussicht auf kommendes Frühjahr rosig.

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