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Wissen Wissenschaft
06/14/2021

Kann ein Gentest das eigene Covid-19-Risiko vorhersagen?

DNA aus einer Speichelprobe soll Hinweise liefern, wie groß die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Krankheitsverlauf ist.

von Elisabeth Gerstendorfer

Wollen Sie wissen, wie hoch Ihr Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ist?

Die australische Firma Genetic Technologies bietet seit Kurzem in den USA einen Gentest an, der genau das feststellen soll. Dazu wird DNA aus einer Speichelprobe auf Veränderungen bestimmter Genabschnitte untersucht und mit bekannten Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen der Person kombiniert.

Das Ergebnis gibt an, wie wahrscheinlich es ist, dass man zu jenen zehn bis 15 Prozent der Menschen zählt, die im Krankenhaus mit einem schweren Covid-Verlauf behandelt werden müssen oder daran versterben.

Zahlen

Basis des 175-US-Dollar-teuren Gentests ist eine sogenannte Assoziationsstudie, die allerdings noch nicht wissenschaftlich begutachtet wurde. Die DNA von 2.200 britischen Covid-Patienten, die mit einem schweren Verlauf im Krankenhaus behandelt wurden, sowie von 5.400 Patienten, die zwar infiziert waren aber nur einen milden Verlauf bzw. gar keine Symptome hatten, wurde hinsichtlich 116 SNPs – das sind Veränderungen in der DNA (siehe unten) – untersucht.

Die Abfolge der Basenpaare an einem DNA-Strang enthält die genetische Information, die uns als Menschen ausmacht. Kommt es zu einer Veränderung eines einzelnen Basenpaares, wird das als SNP bezeichnet (kurz für Single Nucleotide Polymorphism, auf Deutsch Einzelnukleotid-Polymorphismus, gesprochen „Snip“)

Meist ist eine Variation der Basen harmlos. Sie kann aber auch zu Veränderungen führen, was sich etwa in einer Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Krankheitserregern oder gegenüber Medikamenten äußern kann

Sieben davon wurden bei einer signifikanten Zahl der Patienten mit schwerem Verlauf entdeckt. In der Speichelprobe des Gentests wird nun also nach diesen sieben gesucht. Gemeinsam mit Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen fließen sie in ein statistisches Modell ein, das den Wahrscheinlichkeitswert liefert.

Kritik

Laut dem Unternehmen kann dieser für manche Personen sogar 98 Prozent betragen – sie hätten bei einer Infektion ziemlich sicher einen schweren Verlauf. Humangenetiker Michael Speicher von der MedUni Graz sieht den Test jedoch kritisch. „Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau, wie viel Einfluss die genetischen Faktoren tatsächlich auf das Erkrankungsrisiko haben. Es ist relativ schwierig, sie einwandfrei zu identifizieren, da jeder für sich nur einen geringen Einfluss hat.“

Andere Faktoren

Bekannte Risikofaktoren wie Atemwegserkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes oder das Alter bestimmen den Krankheitsverlauf deutlich mehr – das zeige auch die dem Test zugrunde liegende Studie. Auch Männer und Übergewichtige haben ein größeres Risiko, wie frühere Studien zeigen.

Hinzu kommt, dass der Test ausschließlich auf Daten von 50- bis 84-Jährigen beruht, verkauft wird er jedoch bereits für ab 18-Jährige.

Würde jemand zu uns in die Genetik-Beratungsstelle kommen, der unter 50 Jahre alt ist, könnte ich den Test aufgrund der mangelnden Daten nicht empfehlen.

Michael Speicher | Humangenetikean der MedUni Graz

Speicher weiter: "Die klinischen Faktoren wie Bluthochdruck, Lungenerkrankungen oder Diabetes sind viel wichtiger als die genetischen Faktoren".

Der Humangenetiker würde den Test auch bei sich selbst nicht anwenden. Denn es ist unklar, wie das Ergebnis genutzt wird. Das Unternehmen wirbt damit, dass etwa Entscheidungen über die Behandlung und über Impfprioritäten auf Basis des Tests getroffen werden könnten. Dafür sieht Speicher keine Grundlage.

Aufklärung fehlt

Problematisch könnte sein, dass Menschen ihr Verhalten aufgrund des Testergebnisses ändern, etwa bei geringem Risiko sorglos werden und auf eine Impfung verzichten oder bei hohem Risiko große Ängste entwickeln. „Genetische Untersuchungen sollten immer erst nach einem Beratungsgespräch stattfinden. Die Aufklärung über das Ergebnis ist sehr wichtig, und zwar bevor man sich auf einen Gentest einlässt“, betont Speicher. Der Covid-Gentest findet ohne Beratung statt.

Sinnvolle Tests

Genetische Tests sind laut dem Experten nur dann sinnvoll, wenn ihre Aussage eindeutig wissenschaftlich bewiesen und die angegebene Wahrscheinlichkeit hoch ist. Ein Beispiel: Eine gut erforschte Mutation am Gen BRCA1 erhöht das Risiko für Brustkrebs auf 80 Prozent, jenes für Eierstockkrebs auf 50 Prozent. Bekannt wurde das vor allem durch die Schauspielerin Angelina Jolie, die sich testen und anschließend vorsorglich beide Brüste amputieren sowie die Eierstöcke entfernen ließ. So kann das Risiko ausgeschlossen werden. Ein anderes etabliertes Einsatzgebiet ist die Huntington-Krankheit, eine neurologische Erkrankung, die – wenn ein Elternteil erkrankt ist – zu 50 Prozent an Kinder weitergegeben wird. „Wir können fast mit Ja/Nein-Muster untersuchen, ob jemand diese Erkrankung bekommen wird. Sie bricht meist mit 40 Jahren aus. Wenn ein 20-Jähriger nun erfährt, dass er die Huntington-Krankheit bekommen wird oder eben nicht, hat das Einfluss auf die Lebensplanung.“

Nicht immer gibt es Vorsorgeprogramme oder Therapieoptionen wie im Fall der unheilbaren Huntington-Krankheit. Es bleibt die Hoffnung, dass ein therapeutischer Ansatz gefunden wird. Speicher: „Viele genetischen Fragestellungen sind sehr komplex und es braucht mehrere Gespräche, da es für die Betroffenen sehr viele Informationen sind, die auch emotional belasten.“

Risken vorhersagen

Die Frage nach genetischen Varianten, die das individuelle Erkrankungsrisiko beeinflussen, wie beim Covid-Gentest, gewinnt jedenfalls zunehmend an Bedeutung. „Das ist ein sehr aktives Forschungsfeld, in dem es noch wenig Daten gibt. Das wird in den nächsten Jahren mehr und mehr kommen, um dann Erkrankungsrisiken besser vorhersagen zu können.“ Zu Diabetes gebe es etwa schon relativ große Studien, sodass „wir wahrscheinlich in den nächsten Jahren viel besser in der Lage sein werden, zu bestimmen, wer ein besonders hohes Risiko hat“, sagt Speicher.

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