Nationaler Fanatismus, Rassenhass und Antisemitismus sind in der Gesellschaft verankert, bevor Adolf Hitler und die Nationalsozialisten ihren Aufstieg beginnen.

© ORF/ORF/Spiegel TV

Wissen Wissenschaft
02/23/2020

Hitlers Kindheit: "Es war unmöglich, ihn sympathisch zu finden"

Ein größenwahnsinniger Schulabbrecher, der sich schon als Bub nichts sagen ließ: Ein neues Buch zeigt, wie ein Kind aus Braunau zum Massenmörder wurde

von Barbara Mader

Geprägt hat ihn nicht erst Deutschland. Nationaler Fanatismus, Rassenhass und Antisemitismus sind in der Gesellschaft verankert, bevor Adolf Hitler und die Nationalsozialisten ihren Aufstieg beginnen. Die Historiker Hannes Leidinger und Christian Rapp haben sich in einem Buch und einer dazugehörigen Ausstellung  mit Adolf Hitlers Familie, Kindheit und Jugend in Braunau und Wien auseinandergesetzt und zeigen, wie er charakterlich und weltanschaulich beeinflusst wurde.

Hannes Leidinger, Christian Rapp: Hitler. Prägende Jahre. Residenz Verlag 224 Seiten, 24 Euro

KURIER: Als Hitler 1889 auf die Welt kommt, erlebt die Politik den Aufstieg der großen Ideologien. Wenn aber die politischen Prozesse so mächtig sind, warum soll man sich mit der Person Adolf Hitlers beschäftigen? Besteht dabei nicht die Gefahr, die Verantwortung der Gesellschaft auf den Einzelnen zu konzentrieren?

Christian Rapp: Nein, weil Hitler eine Art Zerrspiegel der Gesellschaft seiner Zeit ist. Er spricht nur radikaler aus, was andere denken, ob es der Judenhass, der übersteigerte Nationalismus oder der Rassismus ist. Man kann ihn gar nicht aus der Gesellschaft herauslösen. Gerade deshalb ist es so wichtig, sich mit Hitlers Aufwachsen zu beschäftigen.

Hannes Leidinger: Es gibt keinen Zweifel daran, dass Regime dieser Zeit auch ohne Hitler antisemitisch waren. Das Thema ist überall da. Hitler muss das nur abrufen.

Birgt eine derartige Auseinandersetzung mit der Person Hitlers nicht die Gefahr einer Mythenbildung?

Rapp: Im Gegenteil, wir können viele Mythen entkräften. Es wird deutlich, dass diese Person zum einen eine unauffällige, eigenartige Existenz gewesen ist, die ohne den Ersten Weltkrieg möglicherweise nie von sich reden gemacht hätte. Andererseits ist er ein Schlüssel in diese Epoche. Wir wissen viel von dem, womit er sich beschäftigt hat und wir wissen viel über sein Milieu. Wir können ihn als typische Figur für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beschreiben. Typisch etwa, wenn er im August 1914 sagt: Gott sei Dank bricht dieser Krieg aus. Und ich kann mich endlich bewähren und meine persönlichen Probleme lösen, indem ich mich in der Schlacht als Held zeige. Manche Biografien machten ihn zum Niemand. Wir zeigen, dass Hitler schon vor dem Ersten Weltkrieg daran gedacht hat, politisch tätig zu werden.

Leidinger: Viele Hitler-Biografien schreiben vom Führer-Mythos, von dieser Erhöhung, an der er auch selbst gearbeitet hat. Wir zeigen den Sonderling, der als Persönlichkeit eher abschreckend ist und in keine Gemeinschaft findet, der aber schon früh alle Charaktereigenschaften hat, die er dazu braucht, um diese schreckliche monomanische Führerfigur zu werden.

Wo und wie wurde der Grundstein für seine Radikalisierung gelegt?

Leidinger: Sein Deutschnationalismus, geprägt von Georg Schönerer, ist früh, mit 15, 16 erkennbar. Das beschreibt schon sein Schulfreund.

Rapp: Das Milieu des radikalen Deutschnationalismus, in dem Hitler in Linz lebte, war anti-tschechisch und antisemitisch. Noch stärker radikalisiert wurde er in Wien, wo der antisemitische Karl Lueger Bürgermeister war: Als Lueger in seinem Antisemitismus nachließ, tauchte eine Gruppe auf, die wir nun erstmals identifiziert haben: Der Bund der Antisemiten, 1904 gegründet von Lueger-Anhängern, die forderten, dass er wieder radikaler wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Hitler hier Mitglied war. Als Lueger stirbt, sind die Sozialdemokraten die erfolgreichste politische Gruppierung. Er ist von Franz Schuhmeier, einem großartigen Redner und Arbeiterführer, wahrscheinlich ebenso beeindruckt wie von der Organisation, den Ritualen und der Festkultur der Sozialdemokratie. Nach den Linzer Jahren ist Hitler mit mehreren Lagern in Berührung gekommen.

Leidinger: Und der Antisemitismus war damals das verbindende Element aller Lager. Hitler fühlte sich ganz generell von der Idee des überparteilichen Volkstribuns angezogen, wie der gleichnamige Held in der von ihm bewunderten Wagner-Oper Rienzi.

Die in Österreich beliebte Erzählung, laut der Hitler erst in Deutschland zu dem wurde, was er war, ist also nicht haltbar?

Rapp: Sie ist unhaltbar. Den Antisemitismus hat Hitler nicht erfunden. Er war hier omnipräsent.

Leidinger: Hitler hat 25 Jahre in Österreich verbracht und hier wahnsinnig viel aufgenommen. Fast alles, was er in Deutschland später macht, kommt aus der österreichischen Erfahrung.

Gibt es beim jungen Hitler frühe Warnsignale für seine spätere Entwicklung?

LeidingerJa. Schon der Firmpate sagte: Es war unmöglich, diesen Buben sympathisch zu finden. Auch sein Lehrer erinnert sich an den schwierigen Buben. Ein finsterer Bursche, der ihm oft Angst machte und wirklich boshaft gewesen sein soll. Er wird von allen als schwieriger Charakter beschrieben. Das könnte auch mit dem Tod des Vaters zusammenhängen. Der Vater hat ihn sicher geprügelt, war damit zu dieser Zeit aber kein Einzelfall. Vielmehr wurde er von seinem Sohn als Herrscher bewundert und als er stirbt, lässt sich der Bub von niemandem mehr etwas sagen. Da ist er 13. Die Mutter verhätschelt ihn und es entsteht früh ein sehr starrer Charakter. Seine Schulkollegen berichten, dass er auch beim Spielen immer den Führungsanspruch gestellt hat. Er ist ihnen auf die Nerven gegangen. Das ist keine Dämonisierung, das sagen alle Zeitzeugen.

Das Lernen hat ihn gar nicht interessiert?

Leidinger: Nein, da war er meist total passiv. Hyperaktiv war er nur in seinem Führungsanspruch. Sein Freund schildert das auch – es hieß: „Widersprich dem Adi ned!“ Wer dass tat, wurde niedergebrüllt.

Wie sehr hat ihn seine misslungene Künstler-Karriere beeinflusst?

Rapp: Sobald er als Maler abgelehnt wurde, dachte er, er sei ja eigentlich Architekt. Dabei hatte er nicht einmal die Realschule abgeschlossen. Er sah sich daraufhin als Städtebauer. Völlige Realitätsverweigerung.

Leidinger: Jede Niederlage führte in eine noch größere Megalomanie. Er flüchtete überall in eine Fantasiewelt. So ging er ja auch mit Frauen um, um sich ja nicht mit einer Kritik auseinandersetzen zu müssen.

Sie haben sich ein Jahr lang sehr intensiv mit der Person Hitlers auseinandergesetzt. Was macht das mit einem?

Leidinger: Ich glaube, wir brauchen jetzt eine Therapie.

Tipp: Hannes Leidinger und Christian Rapp haben sich in einem Buch und einem  Ausstellungsprojekt mit der Kindheit und Jugend von Adolf Hitler auseinandergesetzt. Elektronische  Recherchetools brachten neue Erkenntnisse. Jenseits psychologischer Spekulationen stellen die Autoren Hitlers Kindheit und Jugend im sozialen und kulturellen Kontext dar. Museum NiederösterreichHaus der Geschichte in St. Pölten: Der junge Hitler. Prägende Jahre eines Diktators. 29. Februar bis 9. August 2020. Infos:  museumnoe.at