Forscher vom Ludwig Boltzmann Institut haben gemeinsam mit der Firma 7reasons rekonstruiert, was vor 3.600 Jahren in Santorin passierte

© 7reasons/Michael Klein

Wissen Wissenschaft
08/24/2020

Historische Apokalypse: „Monatelang regnete es Asche“

Archäologen konnten den berühmten Vulkanausbruch von Santorin vor 3.600 Jahren in Ephesos nachweisen.

von Susanne Mauthner-Weber

Eigentlich bezweckte Sabine Ladstätter etwas ganz anderes, als sie ihr Team mit Bohrern ins Hinterland von Ephesos schickte. Neun Kilometer östlich der antiken Metropole, in der österreichische Forscher seit nunmehr 125 Jahren graben, wollte die Grabungsleiterin herausfinden, wann erstmals Oliven kultiviert wurden und wann der Mensch begann, die Landschaft zu verändern.

Als die Wissenschafter aber mit ihrem knapp 16 Meter-Bohrkern aus dem See mit Namen Lake Belevi zurückkehrten und das Pollen-Profil ermittelt hatten, fanden sie etwas noch viel Spannenderes, wie Ladstätter dem KURIER exklusiv erzählt: „Wir sind auf eine Ascheschicht gestoßen. Die Analyse ergab: Sie wurde eindeutig vom berühmten Vulkanausbruch 1600 v. Chr in Santorin verursacht.“ Damit konnte der minoische Vulkanausbruch von Thera, wie Santorin damals hieß, erstmals in Ephesos nachgewiesen werden, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin Quaternary Science Reviews. Die Studie, gefördert vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, haben die Österreicher gemeinsam mit Kollegen der Universität Köln durchgeführt.

Im Sumpfgebiet des Lake Belevi wurden die Forscher fündig

Hier entnahmen sie zwei  Bohrkerne

Man erstellte ein Pollenprofil und entdeckte eine dicke Ascheschicht   

Rückblick in die Zeit von vor 3.600 Jahren: 250 Kilometer südwestlich von Ephesos rumorte es gewaltig. Erdbeben, die die Häuser der antiken Insel Thera zerstörten, waren nur die Vorboten einer viel größeren Katastrophe. Eines apokalyptischen Tages flog die Caldera mit einem ohrenbetäubenden Knall in die Luft, Asche und Bimsstein regneten den Menschen in Akrotiri auf die Köpfe. Vulkanschutt schoss in den Himmel, vermutlich mehr als 30 Kilometer hoch. Das Meer vor der jetzt sichelförmigen Insel brodelte. Der vulkanische Auswurf türmte sich bis zu 60 Meter hoch, wie man heute am Caldera-Kliff von Santorin mit bloßem Auge erkennt.

Er deckte alles zu: Menschen, Häuser – und fast alles Leben. Es dürfte das Ende der Minoer, der ersten Hochkultur Europas, besiegelt haben und weite Teile des östlichen Mittelmeeres in Asche und Rauch gehüllt haben. Was wo genau passiert ist, ist aber vielfach noch ein Rätsel. „Dass der Vulkanausbruch von Thera bis nach Anatolien reichte, wusste man. Aber der Impakt auf die Landschaft ist ein ganz neues Forschungsergebnis“, sagt Grabungsleiterin Ladstätter und sieht für Ephesos jetzt klarer.

Vor der Katastrophe – zeigen die aus den aktuellen Bohrkernen gewonnenen Pollen-Profile – war die Region intensiv genutzt. „Wir sehen Getreidepollen, Oliven, Wein – die typischen mediterrane Trias“, erzählt der Bioarchäologe Andreas Heiss vom Österreichisches Archäologisches Institut (ÖAI) . „Dann der massive Einbruch.“ Der Himmel verdunkelte sich. „Das war nicht ein bisschen Asche-Regen, der da über Monate runter kam und die Vegetation entsprechend beeinflusst hat. Ganze Landstriche dürften mit Asche bedeckt gewesen sein. Alles, was weniger als einen halben Meter hoch war, starb ab.“ Nur die Bäume standen heraus und trotzten dem Asche-Regen.

Die Ruinen, die der Besucher in Ephesos sieht, sind die Überreste jener Stadt, die Lysimachos,  Feldherr Alexanders des Großen, im 3. Jh v. Chr. gründete.  Auf Empfehlung von Troja-Entdecker Heinrich Schliemann erhielten die Österreicher 1895 die Grabungskonzession. Der Ort, etwa 250 km nordöstlich von Santorin gelegen, gehörte  zu den größten antiken Metropolen.

„Das Ausmaß hat uns überrascht“, sagt Heiss. Die Schicht sei richtig dick, ergänzt Ladstätter: „Sieben Zentimeter – das ist viel und sehr komprimiert.“ Alle Gräser und auch Getreide sind abgetötet worden. Es muss Hungersnöte gegeben haben. Heiss: „Einige Jahre lang gab es praktisch keine Ernte.“ Maximal drei Jahre, schätzen die Naturwissenschafter, dauerte der Spuk. „In den Folgejahren setzte ein massive Erholung ein, was daran liegt, dass Vulkanasche ein wunderbarer Dünger ist.“

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