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Wissen Wissenschaft
10/22/2021

Fischsterben: Schwall-Sunk schlägt in Österreichs Flüssen hohe Wellen

Speicherkraftwerke reißen Flussbewohner in den Tod. Es gibt aber noch mehr Gründe für die Gefährdung der Artenvielfalt unter Wasser.

von Hedwig Derka

Bachforelle, Hecht, Huchen, Koppe, Rotauge: Bis vor 250 Jahren tummelten sich im Inn 31 verschiedene Fischarten. Allein in Kufstein konnten 300 Berufsfischer von den fetten Fängen leben. Dann wurde der Tiroler Fluss-Abschnitt samt seinen Auen massiv verbaut. Ab den 1920er-Jahren unterbrachen zudem immer mehr Kraftwerke den natürlichen Lauf. Heute ist das bunte Treiben unter der Wasseroberfläche sehr eintönig geworden. Nur noch drei Fischarten tauchen hier in größeren Beständen. Das Paradies für Hobby-Angler aus aller Welt ist Geschichte.

Leben im Fluss

„Den Fischen geht es nicht gut, weil es den Flüssen nicht gut geht“, sagt Christoph Walder. Drei Jahre lang stand der Biologe im und am Wasser, um seinen Film „Was Fische Wollen“ zu drehen. Jetzt ist das international mehrfach ausgezeichnete Werk erstmals in Österreich zu sehen (Premiere am 22. 10. 2021 im Innsbrucker Metropolkino). Und damit die verheerenden Folgen des Schwalls.

Schwallbelastung

„Die Schwallbelastung durch Speicherkraftwerke bringt vor allem Jungfische um“, sagt Walder, Naturschutz-Experte beim WWF. Neben Flussregulierung und Staustufen zählen die bis zu eineinhalb Meter hohen Wellen zu den größten Bedrohungen der Artenvielfalt im Fluss. Öffnet das Speicherkraftwerk zwecks Spitzenstromerzeugung seine Schleusen, nimmt die Naturgewalt ihren Lauf und reißt Fische, aber auch Futter mit; zum Teil in den Tod. Werden die Schleuse geschlossen, zieht sich das Wasser binnen Minuten zurück. Wer sich zunächst in seichteren Verstecken in Sicherheit bringen konnte, strandet nun beim Sunk oft auf Kiesbänken oder in Tümpeln. Vor allem schuppiger Nachwuchs – potenzielle Eltern kommender Generationen – bleibt so auf der Strecke. „Könnten Fische schreien, würden Inn- und Zillertal an manchen Tagen erzittern“, sagt Walder. Auf Basis von wissenschaftlichen Untersuchungen an der Drau schätzt der WWF, dass in Österreich jedes Jahr bis zu 200 Millionen Jungfische und Fischlarven der Schwall-Sunk-Belastung zum Opfer fallen.

Großteil der Arten gefährdet

„800 Kilometer der heimischen Fließgewässer sind vom Schwall betroffen. Damit ist z. B. auch die Äsche bedroht“, sagt Stefan Schmutz von der Universität für Bodenkultur Wien. Der Lachsfisch war einst in vielen Regionen Österreichs die dominierende Fischart. So wie der Huchen, früher Ikone, aktuell nur noch in Mur und Gail anzutreffen, findet sich die Leitart wie drei Viertel aller Fischarten zwischen Boden- und Neusiedler See „in irgendeiner Gefährdungsklasse“. Von den etwa 75 Arten geht es auch Koppe und Wildkarpfen schlecht.

Schutzmaßnahmen

„Man könnte den Schwall zum Beispiel mit Ausgleichsbecken auffangen. Oder die Kraftwerke könnten ihre Betriebsweise ändern“, nennt der Professor vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement Schutzmaßnahmen für die Flussbewohner. Darüber hinaus müsse der per EU-Richtlinie vorgeschriebene Rückbau von Regulierungen rasch umsetzt werden; Revitalisierung lautet das schmal finanzierte Gebot der Stunde. Und: „Dort, wo es aus dem Ruder läuft, braucht es ein Management zwischen Räuber und Beute“, spricht Schmutz nicht zuletzt die seiner Meinung nach notwendige Dezimierung von Fischvertilgern wie Gänsesäger und Fischotter an. Welchen Schaden Biozide aus der Landwirtschaft, pharmazeutische Rückstände, die unfilterbar die Kläranlagen passieren, und die Invasion von Fressfeinden bzw. das Einkreuzen von Zuchtfischen anrichten, ist nicht vollständig geklärt.

Rettung des Ökosystems

Fest steht: Ob Kleinkraftwerk oder Klimawandel – der Mensch ist für die aquatischen Probleme verantwortlich. „Wir müssen unbedingt etwas für die Flüsse tun“, schließt denn Walder und will mit seinem Film einen Beitrag zur Rettung der Fische und ihres Ökosystems leisten. Für Schmutz kann Naturschutz nur gelingen, „wenn wir den Blick aufs große Ganze legen, alle maßgeblichen Faktoren gleichwertig berücksichtigen und alle Betroffenen ins Boot holen“.

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