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Wissen Wissenschaft
11/10/2020

Die Geschichte der Triage: Retten oder sterben lassen?

Bisher nahezu unbekannt, ist die Triage jetzt in aller Munde. 1808 erwähnte ein französischer Militärarzt den Begriff zum ersten Mal – in seinem Tagebuch.

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Breineder

Als Napoleon Bonaparte über Europa kam, brachte er eine neue Taktik der Kriegsführung mit. Statt Söldnern, die wussten, wie man überlebt, wurde Fußvolk aus der armen Bevölkerung rekrutiert und aufs Schlachtfeld geschickt. Kanonenfutter, das massenhaft starb, weil die Ambulanzen, die am Rand des Schlachtfelds stationiert waren, 24 und mehr Stunden brauchten, ehe sie bei den Verwundeten waren.

„Dominique-Jean Larrey, begnadeter Militärchirurg und später auch Leibarzt von Napoleon, erfand daraufhin ,fliegende Ambulanzen’“, erzählt Daniela Angetter-Pfeiffer, Medizinhistorikerin mit Schwerpunkt Militärmedizin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dabei handelte es sich um Wundärzte in Pferdewagen mit chirurgischem Material, die Verwundete noch während des Gefechts einsammelten, schon in der Kampfzone Blutungen stillten und Notamputationen machten. So gelang es Larrey, die Sterblichkeit bei Amputationen auf 10 Prozent zu drücken, weshalb er heute als „Vater der Notärzte“ gilt.

Weil er Soldaten auch nach der Schwere ihrer Verletzungen einteilte, könnte man ihn den Erfinder der Triage nennen. Auch, wenn dieser Begriff damals noch nicht gebräuchlich war. Das Wort, das vor Corona in der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannt war, dieser Tage aber in aller Munde ist, tauchte erstmals 1808 in einem Tagebuch auf – dem des Generalchirurgen Pierre-Francois Percy, einem Kollegen Larreys, der für die medizinische Versorgung auf dem Schlachtfeld verantwortlich war.

Ja, Triage kommt aus der Militärmedizin.

Daniela Angetter-Pfeiffer | Medizinhistorikerin

„Das französisches Wort bedeutet nichts anderes als aussuchen oder sortieren", sagt Angetter. Formen der Sortierung auf dem Schlachtfeld gab es auch zuvor schon. Nur ging es statt um Lebensrettung um eine Auslese nach rein militärischen Kriterien: Versorgt wurde, wer danach wieder kämpfen konnte.

Dieser Logik folgte bereits im 16. Jahrhundert Kaiser Maximilian. „Er schickte mit den Soldaten Ärzte ins Feld. So war Hilfe relativ rasch vor Ort“, erzählt Angetter. „Das war noch nicht Triage, wie wir sie heute kennen, aber Maximilian sorgte für schnelle Versorgung und damit für die Aufrechterhaltung der Moral der Truppe. Denn Soldaten, die wissen, dass ihre Verwundung rasch versorgt wird, sind eher bereit zu kämpfen.“

Systematisiert wurde die Triage dann im 19. Jahrhundert vom russischen Militärchirurgen Nikolai Iwanowitsch Pirogoff, weiß Medizinhistoriker Czech. „Er war ein Praktiker und hat im Zuge des Krimkriegs (1853 bis 56) das System aufgebaut.“

Die Kräfte gut einteilen

„Es entstand, weil es im 19. Jahrhundert ein großes Missverhältnis zwischen verwundeten Soldaten und Hilfskräften gab“, sagt Angetter, die auch aktive Notfallsanitäterin beim Roten Kreuz ist. Man musste sich die Kräfte genau einteilen und auswählen. „Wer muss am dringendsten versorgt werden, wer kann, weil leichter verletzt, warten, und wer muss abtransportiert werden“, erklärt die Notfallsanitäterin.

Fünf Gruppen

Pirogoff legte fünf Gruppen fest – von den hoffnungslosen bis zu den leichten Fällen. Frontspitäler wurden für die frisch Verwundeten freigehalten. Wer auf dem Weg der Besserung war, wurde zur Genesung ins Hinterland geschickt. Da ist es wieder – das „Sortieren“ anhand der sogenannten „Triage“. Immer mit dem Ziel der richtigen Strategie, um möglichst viele Menschenleben zu retten – und zwar anhand der medizinischen Erfolgsaussichten.

Und hier schließt sich auch der Kreis zur Gegenwart: „Die Gemeinsamkeit sind die knappen Ressourcen“, sagt Czech. Immer, wenn eine große Anzahl an Verletzten oder Kranken zu versorgen ist, schlage die Stunde der Triage – egal, ob bei Kriegshandlungen gegen Zivilisten, Naturkatastrophen oder bei Pandemien und Terroranschlägen.

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