Klimaexpertin Rosmarie de Wit (ZAMG), Trendforscher Tristan Horx und Genetiker Markus Hengstschläger (v.l.n.r.)

© Gilbert Novy/Kurier

Wissen Wissenschaft
12/29/2019

Die 20er Jahre: Klimawandel bis Sexroboter - fünf Thesen für die Zukunft

Experten aus Forschung und Wissenschaft diskutieren über die großen Themen 2020.

von Marlene Auer

Von Klimawandel über Medizin bis hin zu Gesellschaft: Was kommt 2020 auf uns zu? Wir haben einige Szenarien formuliert und Genetiker Markus Hengstschläger, Klima-Expertin Rosmarie de Wit sowie Trendforscher Tristan Horx um ihre Meinung gefragt.

These 1: Wenn wir 2020 nicht genug Maßnahmen einleiten, ist der Klimawandel nicht aufzuhalten.

Rosmarie de Wit: Wir sollten möglichst bald starten. Wenn wir jetzt anfangen, das Klima aktiv zu schützen, können wir die zweite Hälfte des Jahrhunderts aktiv mitgestalten. In der Forschung ist das Thema nicht neu, aber jetzt kommt es in der Gesellschaft an. Wien hatte heuer 40 Hitzetage (Tage mit mehr als 30 Grad, Anm.), wenn wir so weitermachen wie bisher, wird das ein Normalzustand werden.

Tristan Horx: Gefühlt geht es bei solchen Themen immer um Leidensdruck. Es geht erst los, wenn der Sommer zu heiß war – aber nicht überall. Bei den Chinesen und Indern wären Maßnahmen bitter nötig.

Dabei setzt China immer mehr auf erneuerbare Energien und will zum grünen Giganten werden?

De Wit: Erneuerbare Energien sind definitiv im Kommen. Doch gibt es hier auch eine ethische Diskussion: Wenige Staaten verursachen den Großteil der Treibhausgas-Emissionen, aber jene die am wenigsten davon ausstoßen, spüren die Auswirkungen derzeit schon am stärksten.

Horx: Die gute Nachricht aber ist, dass eine Generation nun etwas gefunden hat, wofür oder wogegen sie rebellieren kann. Die Frage des Klimawandels war der gesellschaftspolitische Treiber, der den Diskurs gestartet hat.

Wohin wird uns das führen?

Horx: 2019 war das Jahr des Lautwerdens, 2020 geht es um die Umsetzung – darum, es in funktionale Prinzipien, Technologien und bürokratische Formen zu gießen. Der Rebellionshype wird inzwischen etwas abkühlen.

Markus Hengstschläger: Wir brauchen dafür aber gewissermaßen einen globalen Vernunftsprozess, bei dem wir uns aufgrund von Fakten auf Entschlüsse einigen, die dann eine breitere Basis für deren Umsetzung haben. Beim Thema Klima ist kürzlich ein entsprechendes Treffen wieder einmal enttäuschend verlaufen, weil sich die Menschen nicht einigen können. Es geht hierbei auch, wie zum Beispiel bei dem Thema Digitalisierung, um Ethik, dafür brauchen wir ein entsprechendes Verständnis bei Sachthemen.

These 2: 2020 ziehen Roboter in unseren Alltag und unser Sexleben ein.

Horx: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt sicher Nischenbereiche und Sexroboter sind ein solcher, aber gesamtgesellschaftlich gesehen wird das nicht durchgreifen. Sexualität ist einer der wenigen Bereiche, der analog bleiben wird.

Hengstschläger: Wir brauchen eine Ethikkommission, die sich mit allen Aspekten der digitalen Transformation, Robotics etc. auseinandersetzt. So erfreulich der Fortschritt einerseits ist – wir brauchen eine Diskussion über einen digitalen Humanismus.

Horx: Das „Right to be forgotten“ (Sicherstellung, dass digitale Infos mit Personenbezug nicht dauerhaft zur Verfügung stehen, Anm.) gibt es ja jetzt zum Glück bereits. Hengstschläger: Das sind erste Reaktionen. Die Menschen wissen aber noch zu wenig darüber, was mit ihren Daten passiert. Es können ruhig auch Nischenthemen diskutiert werden, aber vor allem brauchen wir eine ethische Diskussion als Grundlage.

Horx: Schon, aber es ist utopisch, zu versuchen, mit nationalpolitischen Mechanismen die Digitalisierung ethisch einfangen zu wollen. Das wahre Rennen liefern sich die Chinesen und Amerikaner und am Ende müssen wir Europäer dann so oder so mitziehen.

Was könnte die Lösung sein?

Horx: Wir brauchen eine globale Institution für digitale Phänomene, wie es etwa die Fake News sind. Da braucht es eine internationale Truppe, die das löst.

Hengstschläger: Das glaube ich auch. Beim Klima sehen wir: Es ist schwierig, globale Einigungen zu erzielen, weil es so viele verschiedene Interessen im Hintergrund gibt.

De Wit: Es wäre natürlich toll, die Probleme beim Klima global zu lösen. Andererseits wird auch auf nationaler und lokaler Ebene bereits viel gemacht. Einzelne Staaten in Amerika setzen Maßnahmen um, vor allem in Küstenbereichen, weil da die Meeresspiegel weiter ansteigen.

Horx: Ich glaube vielmehr, die Lösung liegt im Begriff „glokal“ – also die Mischung aus global und lokal. Anders wird das nicht zu lösen sein.

These 3: 2020 revolutioniert unser Bewusstsein und verändert unsere Fragen nach dem Sinn.

Horx: Absolut. Momentan hat man das Gefühl, Selbstdarstellungen und Inszenierungen im Netz sind sehr wichtig, aber jeder Trend hat auch einen Gegentrend. Wir bemerken das beim Begriff Influencer, der mittlerweile eher negative Assoziationen hat. Das führt dazu, dass sich Menschen wieder nach Sinnhaftigkeit und Authentizität sehnen. Es beginnt gerade eine Korrekturschleife.

Was bedeutet das für die sozialen Medien?

Horx: Hoffentlich einiges. Das gemeinsame Bild von Realität ist durch Filterblasen verloren gegangen. Wir müssen weg von einem „Alarmismus“ und hin zu einem „Faktimismus“. Dazu gibt es Bewegungen wie die Factfulness-Bewegung von Hans Rosling aus Schweden – es geht darum, wie wir uns auf dieselbe Realität bringen.

Hengstschläger: Das wird 2020 noch entscheidender werden, denn wir leben in einer Daten- und Informationsgesellschaft – vieles erfährt man heute aus dem Netz. Wir müssen lernen, Nachrichten richtig einzuschätzen – das ist ein wichtiger Teil von digitaler Bildung.

De Wit: Auch im Klimabereich sehen wir Bewegungen, Fridays for Future zum Beispiel. Eine Generation hat gefunden, wofür sie brennt, aber durch soziale Medien findet das breiteren Niederschlag.

These 4: Wir greifen in unsere Gene ein, um Krankheiten zu heilen und das Altern aufzuhalten.

Hengstschläger: Die Technologie ist heute noch nicht auf dem Stand, Menschen in ihrer Gesamtheit so zu verändern, dass sie auf diese Weise älter oder gesünder werden.

Im Bereich der Krebserkrankungen wurde aber eine Immuntherapie entwickelt?

Hengstschläger: Ja, da gibt es Resultate und klinische Studien. Auch die sogenannte Präzisionsmedizin wird noch individualisiertere Diagnosen und Therapien ermöglichen. Und künstliche Intelligenz findet immer mehr Anwendung in der Medizin.

Horx: Die Suche nach dem unendlichen Leben halte ich aber für die Gesellschaft als nicht erstrebenswert. Da geht der Spannungseffekt des Lebens verloren.

Die Forschung dazu zeigt aber, dass es ein Ziel ist.

Horx: Ich sehe viel mehr Sinn darin, nachzudenken, wie man den Jahren Leben gibt.

Hengstschläger: Mehr Menschen werden älter, damit nehmen auch Krankheiten wie Demenz, Krebs oder Herzkreislauferkrankungen zu. Entsprechende Forschung, auch in der Pflegewissenschaft, ist äußerst wichtig.

These 5: Unser Essen züchten wir im Labor, Vitamine gibt’s in Pillen auf Rezept.

Hengstschläger: Grundsätzlich macht es Sinn, mehr über Ernährung – auch unseren Fleischkonsum – nachzudenken. Außerdem sind wir in bestimmten Regionen mit Themen wie Übergewicht oder dem Anstieg von Diabetes konfrontiert.

Allerdings gibt es auf der Erde auch Mangelernährung.

Hengstschläger: Stimmt, aus verschiedensten Gründen sollten innovative Ansätze darauf abzielen, Nahrungsmittel gleich dort produzieren zu können, wo sie nötig sind.

Horx: Es gibt noch etwas, das diese These unterstützt: der Umgang mit Tieren, der heute sehr fragwürdig und teils genozidal ist. Petrischalen-Fleisch werden wir perfektionieren können, es ist als Massenware sicher verwendbar.

Das Ende des echten Fleisches ist für Sie realistisch?

Horx: Nein, das Bio-Highland-Beef würde ja nicht verschwinden, aber zum extremen Luxusprodukt werden.

De Wit: Bei dieser Diskussion geht es auch stark um Nachhaltigkeit. Ich möchte niemandem vorschreiben, kein Fleisch mehr zu essen, aber man weiß schon, dass die Produktion viele Treibhausgase verursacht. Eine Möglichkeit wäre, über ein gestuftes Modell zum Fleischkonsum nachzudenken.

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