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Wissen Wissenschaft
06/13/2021

Chat-Aufreger: "Hätten die Politiker Snapchat genutzt, hätten sie jetzt kein Problem"

Medienforscherin Annie Waldherr über Vorteile und Fallstricke des Online-Plausches.

von Susanne Mauthner-Weber

Wenn Politiker und Spitzenbeamte über Textnachrichten Budgets verhandeln, Noch-Chefs als irrelevant dastehen lassen, Posten vergeben und sich mit Kuss-Emojis dafür bedanken, ist es an der Zeit, sich mit dem Siegeszug einer recht neuen Kommunikationsform zu befassen, die vor Widersprüchen strotzt: Wir nutzen den Fern-Sprech-Apparat (verzeihen Sie den antiquierten Ausdruck), um uns schriftlich auszutauschen, und plaudern dort im vermeintlich inneren Kreis Intimstes aus, obwohl andere nicht nur theoretisch mitlesen. Die Medienforscherin Annie Waldherr von der Universität Wien über Online-"Zwiegespräche".

KURIER: Chats ziehen mehr und mehr vom Privaten auch in die Businesskommunikation ein – sogar in die politische, wie aktuelle Ereignisse zeigen. Verändert die neue Kommunikationsform die Art, wie wir uns austauschen?

Annie Waldherr: Messengerchats, vor allem WhatsApp, sind unheimlich beliebt und weit verbreitet. Es ist das soziale Medium, das über alle Altersgruppen hinweg am meisten genutzt wird. Dort finden unendlich viele private und informelle Gespräche statt. Das, was wir in den Chats machen, ist mit Offline-Tratsch mit Kollegen in der Kaffeeküche vergleichbar. Oder mit dem Gespräch im Schanigarten nach der Arbeit, in dem Gerüchte ausgetauscht werden.

Und der Reiz dieser Kommunikation?

Dass wir schnell und jederzeit in Kontakt treten können. Chatnachrichten richten sich oft an einen kleinen Kreis, man fühlt sich unbeobachtet und traut sich so zu sprechen, wie man es abends in der Bierrunde tut.

Im Zuge der aktuellen Aufregung um die Chatprotokolle: Wird sich unser Umgang mit den Messengerdiensten verändern?

Viele vergessen, dass Chats nicht nur für schnellen Austausch stehen, sondern auch Beständigkeit haben. Das wird gespeichert, und darum können wir heute in der Zeitung nachlesen, was Blümel, Schmid & Co. vor Jahren informell ausgetauscht haben. Das ist ungefähr so, als säße man in der Kantine, lästere über Kollegen und die betroffene Person sitzt am Nebentisch und hört mit. Das nennen Kommunikationswissenschafter „Kontextkollaps“. Menschen treten ja in verschiedenen Rollen auf. Kanzler Kurz etwa erleben wir meist in der staatstragenden Rolle. Nun erfahren wir, wie er sich privat austauscht. Das kann irritierend sein.

Über WhatsApp wird also so kommuniziert, als handle es sich um flüchtige Ganggespräche. Das stimmt aber nicht ...

... ja, darum war Snapchat eine Zeit lang bei Jüngeren sehr beliebt. Denn hier verschwinden die Nachrichten automatisch wieder. Hätten die Politiker Snapchat genutzt, hätten sie jetzt kein Problem. - In meinen Vorlesungen zu Social Media vermittle ich klar, dass man immer im Hinterkopf haben muss, dass die Kommunikation ganz leicht den engeren Kreis verlassen kann. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass die Menschen etwa auf Facebook derart verknüpft sind, dass jeder über durchschnittlich weniger als vier Kontakte mit jedem anderen verbunden ist – weltweit. Es braucht also gar keine staatsanwaltlichen Ermittlungen oder Presse-Leaks. Es reicht, wenn eine Person aus dem engeren Kreis etwas weiterleitet, was dann wieder weitergeleitet wird – so kann jede Nachricht, die nur für Freunde gedacht war, ruckzuck ein Massenpublikum erreichen. Doch das ist vielen nicht bewusst.

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