The Yards in Chicago: Schlachtvieh soweit das Auge reichte

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Zeitreise
07/11/2020

Beginn der Fleischindustrie: Als das Fleisch aufs Fließband kam   

1865 begann die Industrialisierung der Fleisch-Produktion. In Chicago eröffnete "The Yard" Ziel: Im Höllentempo Steaks und Konserven erzeugen.

von Susanne Mauthner-Weber, Christa Breineder

Nachdem Upton Sinclair 1906 seinen Enthüllungsroman „The Jungle“ veröffentlich hatte, wurde er von US-Präsident Theodore Roosevelt zum Lunch gebeten. Und das war keine Ehre: Im Weißen Haus beschimpfte man ihn als „muckraker“ (Nestbeschmutzer). Der Grund für die Aufregung: Sinclair hatte den Alltag in der größten Fleischfabrik der Welt beschrieben. Die Yards in Chicago waren seit 40 Jahren Zentrum der Fleischverarbeitungsindustrie. Lohnsklaven aus Osteuropa arbeiteten dort laut Sinclair unter menschenunwürdigen Bedingungen.

Der Präsident wollte wissen, ob der „Nestbeschmutzer“ vielleicht doch recht hatte, und ließ die Fabrik überprüfen. Ergebnis: Alle erhobenen Vorwürfe bestätigten sich. Nur die Geschichte, dass ein Arbeiter in einen Kessel gefallen war und zu „Durhams Feinschmalz“ verarbeitet wurde, ließ sich nicht verifizieren.

Vorzeige-Projekt

Dabei war The Yard 1865 als Vorzeige-Projekt gestartet. Der Vorgänger des Fließbands, das Henry Ford erst Jahrzehnte später beim Autobau einsetzte, erlaubte einen Paradigmenwechsel. Es war der Beginn der „Technisierung der Fleischproduktion. In fünfstöckigen Schlachthäusern kamen die Schweine oben lebend an und unten als Steaks raus – jeder Arbeiter erledigt einen Schritt“, sagt Lukasz Nieradzik.

Schlachthofzwang in Wien

Kulturwissenschafter Nieradzik hat den „Wiener Schlachthof St. Marx und die Transformation einer Arbeitswelt zwischen 1851 und 1914“ (so auch der Titel seines Buches) erforscht und sagt: „Die moderne Form der Tierschlachtung hielt auch in Wien um 1850 Einzug.“

Wobei Österreichs Fleischer weiterhin in Innungen organisiert waren: „Sie lebten die Zunft in der Moderne fort, betrachteten ihre Arbeit als Handwerk“, sagt Nieradzik. Jetzt taten sie das aber ausschließlich in St. Marx und in Gumpendorf, wurden dort doch zwei zentrale Schlachthöfe errichtet. Das Besondere daran – die Stadt betrieb sie, was bisher nicht üblich gewesen war. „Man zwang die Fleischer, diese beiden Schlachthöfe zum Schlachten zu verwenden.“

 

Der Schlachthofzwang war von Napoleon aus hygienischen Gründen erfunden worden. Damals stiegen Bevölkerungszahl und Fleischkonsum auch in Wien enorm – zwei Millionen Menschen wollten versorgt sein. Mit gesundheitlich unbedenklichem Fleisch. Nieradzik: „Damit verschwand das Schlachten aus dem öffentlichen Blick, weil die Schlachthöfe an der Peripherie lagen. Tiere töten wurde unsichtbar.“

Tierschutzvereine

Ein weiteres Motiv war die Angst vor Ansteckung. Weniger vor Viren, wie heute. „Schon der Anblick der Schlachtung könnte einige Gemüter verrohen, dachte man damals. In dieser Zeit entstanden nicht nur Schlachthöfe, sondern auch erste Tierschutzvereine.“ Das zentrale Motiv sei nicht Tier-, sondern Menschenschutz gewesen. Der inkludierte aber nicht die Arbeiter. Der Kulturwissenschafter: „Viele Entwicklungen in der Arbeitswelt kulminieren in den Schlachthäusern“. Wie das Schlachten organisiert ist, sagt viel über eine Gesellschaft. Schon für Karl Marx waren die Arbeiter „Schlachtopfer“.

Die anderen

Genau wie heute waren es schon zu Beginn der Fleisch-Industrie nicht die Einheimischen, die den Knochenjob erledigten: Aus Litauen und Polen flohen sie vor dem Elend in die USA – angelockt von den im Auftrag der Fleischbarone ausgeschickten Anwerbern. Parallelen zum heute? Gewiss: Die Kulturhistorikerin Mieke Roscher nennt es im deutschen Spiegel „Othering – diese Menschen werden als ‚die anderen‘ diskriminiert“. Die Sorge gelte nicht ihrem Elend, sondern primär dem Risiko der eigenen Ansteckung mit dem Virus.

Um 1900 wurden kranke Lohnsklaven der Yards übrigens einfach ausgetauscht. „Arbeitskräfte gab es ja wie Sand am Meer. Jeden Tag waren die Fabriken belagert von Menschen, denen man den Hunger ansah“, schrieb Sinclair. Was uns eine Warnung sein sollte: Hier konnten sich die Tuberkelbazillen zwei Jahre lang halten.

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