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Wissen Wissenschaft
02/09/2021

Darum hatten wir bereits Besuch von Außerirdischen

Der renommierte Harvard-Astronom Avi Loeb ist überzeugt: Aliens haben längst bei uns vorbei geschaut. Warum und wie legt er in seinem neuen Buch dar. Und im Interview mit dem KURIER.

von Susanne Mauthner-Weber

Herbst 2017: Ein unbekanntes Flugobjekt flitzt durch unser Sonnensystem. Als das Ding in den interstellaren Raum entschwindet, hat die Menschheit noch keine Notiz von ihm genommen. „Es war so, als hätte man einen Gast zum Abendessen eingeladen, von dem man erst dann bemerkt, dass er interessant ist, als er im Dunkel der Straße verschwindet“, sagt Avi Loeb. Der renommierte Astrophysiker aus Harvard hatte bereits 2018 für Aufregung gesorgt, als er behauptete, „das Ding“ mit Namen Oumuamua sei ein Lichtsegel künstlichen Ursprungs. Sprich: Alien-Technologie.

Jetzt legt er mit einem populärwissenschaftlichen Buch (Außerirdisch) nach. Darin argumentiert er, warum er überzeugt ist, dass wir Besuch von Außerirdischen hatten.

Offiziell wurde Oumuamua, das erste Objekt, das aus einem anderen Sternensystem kam (interstellar), erst als Komet, dann als Asteroid eingestuft. Derzeit wird er wieder als Komet klassifiziert.

KURIER: Ernsthaft, Herr Professor, Sie glauben wirklich, Oumuamua könnte eine Alien-Sonde, ein außerirdisches Vehikel, sein?

Avi Loeb: Es schaute komplett fremd aus – anders als alles, was wir bisher gesehen haben. Vielleicht ein Komet oder Asteroid, wobei es keine Gasspur hinter sich herzog.

Astronomen haben das zigarrenförmige Objekt im Oktober 2017 entdeckt– just als es dabei war, unser Sonnensystem wieder zu verlassen. Sie hatten gerade noch Zeit, die Bewegungen des Objekts mit Teleskopen zu vermessen. Oumuamua, zwischen 400 und 800 Meter lang, war der erste Besucher aus einem anderen Sonnensystem, der eindeutig als solcher identifiziert worden ist. Astronomen schätzen, dass im Schnitt rund einmal pro Jahr ein interstellarer Besucher wie Oumuamua unser Sonnensystem durchkreuzt.

 

Außerdem hat es eine extreme Form – sehr dünn, wie ein Pfannkuchen, das kann man mit 90-prozentiger Sicherheit sagen. Dabei scheint es deutlich länger als breit zu sein. Und es hat von irgendwoher einen extra Schub bekommen. Sonnenlicht war das Einzige, was mir eingefallen ist. Damit das Objekt aber von Sonnenlicht beeinflusst werden kann, muss es wirklich dünn sein wie ein Segel. Ein Lichtsegel. Das ist eine Technologie, an der wir derzeit arbeiten. Eine andere Zivilisation könnte sie bereits entwickelt und als Sonde zur Erde geschickt haben. Daher stellt sich die Frage: Wer hat Oumuamua gemacht, denn die Natur macht keine dünnen, flachen Objekte.

Haben Sie irgendeine Idee?

Keine Ahnung. Zuerst dachten wir ja, es sei einfach irgendein Stein. Wir haben nicht genug Daten gesammelt. Es wurde erst entdeckt, als es sich schon wieder von uns wegbewegte. Wir konnten auch kein Foto von dem Objekt machen.

Andere Forscher haben versucht, Signale von Oumuamua einzufangen? Fehlanzeige!

Dass kein Signal zu hören war, bedeutet nichts. Wenn der Postweg sehr lange ist, kann es passieren, dass die Person, die den Brief abgeschickt hat, nicht mehr lebt, wenn man ihn erhält. Es ist ein bisschen so, als bekomme man eine Flaschenpost vor die Füße gespült. Sie bekommen ein Signal von einer Zivilisation, die heute bereits verschwunden ist. Sehr wahrscheinlich ist dieses Objekt nicht länger funktionstüchtig. Wenn sie an die Objekte denken, die wir ausgesendet haben – New Horizons, Voyager I und II – in einer Million Jahren werden sie auch Weltraummüll sein.

Bis vor ein paar Jahren haben Sie sich vor allem mit dem frühen Universum und Schwarzen Löchern beschäftigt. Mittlerweile halten Sie aber die Suche nach außerirdischem Leben für wichtiger. Warum?

Wir haben jetzt die Gelegenheit dazu, denn es gibt Teleskope, mit denen wir uns gezielt auf die Suche machen können – nach Objekten, aber auch nach Hinweisen auf technologische Spuren auf anderen Planeten oder industrieller Luftverschmutzung. Ich bin sehr gespannt, was diese Fragen betrifft. Denn das hat großen Einfluss auf die Menschheit. Es wird unsere Vorstellung verändern, was unser Platz im Universum ist. Derzeit denken ja viele, wir seien etwas ganz Besonderes. Was, wenn wir eine Zivilisation finden, die viel raffinierter ist? Dann müssten wir bescheidener werden.

Vielleicht sind wir gar nicht die klügsten Köpfe der ganzen Gegend.

Avi Loeb | Astrophysiker

Sie glauben, sollten wir je Kontakt zu anderen Zivilisationen bekommen, werden wir geschockt sein. Warum?

Nichts wird sein, wie wir es erwartet haben. Ich glaube, sie werden so richtig fremd ausschauen. Was die Technologie betrifft: Die Sonne ist ein später Stern, und es gibt Sterne, die viel älter sind. Somit müsste sich deren Sonnensystem auch viel früher gebildet haben und ihre Zivilisation wäre so weit fortgeschritten, dass uns ihre Technologie wie ein Wunder vorkommen würde.

Schon 2018, als Sie ihre Oumuamua-Studie erstmals in einem Wissenschaftsmagazin publiziert haben, hagelte es Kritik. Warum reagieren die Kollegen derart harsch, wenn Aliens im Spiel sind?

Es braucht Zeit, bis sich Menschen mit neuen Ideen anfreunden. Das war immer so. Denken Sie nur an Galileo Galilei. Als er postulierte, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Universums steht, wurde er der Ketzerei beschuldigt und eingesperrt. Die Menschen lieben es, zu glauben, dass sie das Zentrum der Welt sind. Und einmalig, weil wir intelligent sind. Nun, ich glaube nicht, dass wir intelligent sind. Darum halte ich am Himmel nach Intelligenz Ausschau. Wenn Sie die menschliche Geschichte betrachten: Wir haben viele Fehler gemacht, haben Zeit, Energie und Geld an destruktive Missionen verschwendet. Die Art, wie wir uns benehmen, zeugt nicht von Intelligenz.

Also ist eine Intelligenz vom Himmel für Oumuamua verantwortlich?

Ich weiß es nicht, wir haben einfach nicht genügend Daten. Am wahrscheinlichsten ist es, dass es sich um Weltraumschrott handelt. Darum müssen wir mehr Beweise suchen. Was meine Kollegen aber sagen, ist: „Das Objekt stammt niemals von Aliens, nein, das diskutieren wir nicht einmal.“ Ich halte das für falsch. Wenn wir nicht offen sind für Ungewöhnliches, wie wollen wir es jemals entdecken? Diese Leute glauben erst dann, dass es Aliens gibt, wenn man ihnen eines bringt und es ihnen die Hand schüttelt.

Wären Sie erstaunt, wenn Sie recht hätten?

Ich wäre glücklich, denn dann hätte ich etwas Neues gelernt. Denn mein Verständnis von Wissenschaft ist, Dinge zu verstehen, die niemand zuvor verstanden hat. Alles andere ist doch langweilig.

Abraham „Avi“ Loeb, Jahrgang 1962,  ist Leiter des Instituts für Astronomie der Harvard University und Vorsitzender einer Initiative, die Forschungssatelliten in das  Nachbarsternsystem Alpha Centauri entsenden möchte. Der theoretische Physiker ist überzeugt, dass Aliens existieren. Ein Fokus seiner Forschung: Nach Zeugnissen außerirdischen Lebens suchen – koste es, was es wolle, und wenn es sein guter Wissenschafterruf ist.

„Außerirdisch – Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“ (DVA, 21,59 €) steht bereits auf der New-York-Times-Bestsellerliste und ist jetzt auch bei uns im Handel.

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