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Wissen Wissenschaft
03/31/2021

Als der Mensch zum Menschen wurde

Lange galt: Der Mensch brauchte das Meer, um hochkomplexe Verhaltensweisen zu entwickeln. Ein neuer Fund in der Kalahari relativiert das.

Ein Felsvorsprung am Ga-Mohana-HĂŒgel  am sĂŒdlichen Rand der Kalahari-WĂŒste etwa 665 Kilometer von der KĂŒste entfernt: Ein Forscher-Team wĂŒhlt sich durch den Sand des bis heute heiligen Ortes, vorsichtig, sorgfĂ€ltig. Monate spĂ€ter werden die Wissenschafter verkĂŒnden, dass sie 42 großteils verbrannte Überreste von Straußeneierschalen entdeckt haben, die vermutlich einmal als WasserbehĂ€lter dienten. Außerdem gruben sie 22 markant geformte, weiße Kristalle in der 105.000 Jahre alten Ablagerungsschicht aus.

SpektakulĂ€r? Berichtenswert? Allemal! Die Arbeit, an der auch der Innsbrucker Geologe Michael Meyer beteiligt ist, hat es ins hochrangige Wissenschaftsmagazin Nature geschafft. Belegen die Untersuchungen doch, dass die Kristalle  gezielt zusammengetragen wurden, obwohl sie keinen unmittelbaren Nutzen fĂŒr die Menschen  hatten – sie dĂŒrften rituellen Zwecken gedient haben, an einem Platz, der bis heute von der ansĂ€ssigen Bevölkerung als spiritueller Ort des Gebetes genutzt wird.

„Die Funde belegen, dass diese steinzeitlichen Binnenmenschen Verhaltensweisen und kognitive FĂ€higkeiten an den Tag legten, welche gleichwertig sind mit jenen, die man beim Homo sapiens zur gleichen Zeit in unmittelbarer KĂŒstennĂ€he antrifft“, erklĂ€rt Michael Meyer.

Vielfach wird die Meinung vertreten, dass Verhaltensinnovationen in der frĂŒhen Menschheitsgeschichte mit der KĂŒste und Meeresressourcen verbunden sind.

Michael Meyer | Geologe

Womit wir beim springenden Punkt wĂ€ren: Bisher fanden sich Belege dafĂŒr, dass der moderne Mensch kognitive FĂ€higkeiten entwickelte, die den unsrigen Ă€hneln, fast ausschließlich an archĂ€ologischen AusgrabungsstĂ€tten in KĂŒstennĂ€he. Das verleitete viele Forscher zu der Annahme, dass die NĂ€he zum Meer und den dort verfĂŒgbaren Nahrungsressourcen möglicherweise irgendwie dazu beigetragen hat, dass sich in der Gehirnentwicklung des Menschen etwas verĂ€ndern konnte. Das in der Folge die Entwicklung der erstaunlichen kulturellen und sozialen FĂ€higkeiten und Fertigkeiten ermöglicht hat. Damit war die Voraussetzung fĂŒr den modernen Menschen nach unserer heutigen Vorstellung geschaffen.

Alles anders

Seit sich das internationale Forscherteam um Jayne Wilkins von der Griffith University in Brisbane (Australien) aber weiter im Landesinneren auf die Spuren der frĂŒhen modernen Menschen im sĂŒdlichen Afrika geheftet hat, ist alles anders. „Unsere Analysen von diesem bis heute fĂŒr die einheimischen Menschen wichtigen Ort zeigen, dass modernes menschliches Verhalten schon frĂŒh auch im Landesinneren zu finden war – und um nichts jenem in MeeresnĂ€he nachstand. In der Kalahari-Savanne herrschte zu jener Zeit ein feuchteres Klima mit Perioden vermehrter NiederschlĂ€ge. Wir gehen daher davon aus, dass frĂŒhe moderne Menschen auch andere Regionen des afrikanischen Kontinents besiedelt haben“, sagt die Erstautorin der Studie.

Gefunden wurden auch zahlreiche Artefakte, die einen derartigen Entwicklungssprung belegen, wie etwa Muschelschalen, die nicht als Nahrung genutzt wurden, andere dekorative Artefakte oder Ockerfarben an einigen von Menschen zwischen 125.000 und 70.000 Jahren vor unserer Zeit frequentierten Orten mit Meerblick.

Womit wir beim Alter der Funde wĂ€ren. Bei der „Optisch Stimulierten Lumineszenz (OSL)-Datierung“ nutzte Meyer, der  Leiter des Lumineszenz-Labors am Institut fĂŒr Geologie der Uni Innsbruck, natĂŒrliche Lichtsignale, „die sich im Laufe der Zeit in Quarz- und Feldspatkörnern anreichern. Dabei kann man sich jedes Korn wie eine winzige Uhr vorstellen, die wir unter kontrollierten Laborbedingungen 'ablesen'“, erklĂ€rte er.

Die aufwendigen Analysen geben auch ĂŒber die damaligen Umweltbedingungen AufschlĂŒsse. Demzufolge war die Umgebung der FundstĂ€tte damals deutlich feuchter als heute. Ach ja, „damals" war vor etwa 105.000 Jahren, wie Forscher Luke Gliganic datieren konnte - jener Zeit, als der moderne Mensch das Landesinnere eroberte.

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