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Bienen in Wien: Überleben zwischen Blüten und Beton

Stehen die städtischen Honig- und Wildbienen in Konkurrenz? Was die verschiedenen Arten brauchen und was allen zusetzt.
Eine Grubenhummel schwirrt vor einer weißen Blüte.

Der Flugverkehr über Wiener Boden ist besonders dicht. Von den knapp 700 heimischen Wildbienenarten schwirren mehr als 500 durch den Großstadtdschungel. Klimatische Bedingungen und abwechslungsreiche Lebensräume ermöglichen diese Vielfalt. 

Außerdem sind hier traditionell viele Honigbienen unterwegs. Maria Theresia gründete vor mehr als 250 Jahren die erste staatliche Imkerschule; sie ist bis heute in Betrieb. Nach einem Höchststand während der Corona-Pandemie geben derzeit fünf professionelle Bienenzüchter und rund 650 Hobbyimker 4.500 Völkern ein Zuhause.

Wien ist Hotspot der Artenvielfalt bei Bienen

Wien ist damit anders. Während „Urban Beekeeping“ in zahlreichen Großstädten – von Berlin über Toronto bis Zürich – immer beliebter wird, ist der Trend in Österreichs Hauptstadt eher rückläufig. Die Fragen zur Koexistenz von Wildtier und Nutztier stellen sich dennoch.

Verbauung und die Fragmentierung von Grünflächen reduzieren die Nahrungsressourcen für alle Bienenarten“, sagt Julia Lanner. Die Biologin an der BOKU Wien kennt die Futterproblematik aus ihrer aktuellen Studie. Darin zeigt sich, dass Wildbienen stärker betroffen sind als ihre domestizierte Verwandtschaft. 

Wildbienen finden in karger Umgebung weniger Futter als Generalistinnen

Denn Generalistinnen wie die Honigbiene werden in Parks, Gärten und im landwirtschaftlich genutzten Umland Wiens eher satt als viele Wildbienen, die auf spezielle Pflanzen angewiesen sind. So sammelt Chelostoma rapunculi – gesichtet u.a. im Botanischen Garten und am Bisamberg – Pollen ausschließlich an Glockenblumen; Andrena florea saugt nur an der Roten Zaunrübe. Vor allem kleinere Arten mit geringerem Flugradius bleiben in magerer Umgebung auf der Strecke.

„Honigbienen aus einem biodiversen Umfeld zu streichen, in dem sie traditionell leben, hilft Wildbienen nicht“, sagt Christina Fadler. Die Vizepräsidentin des Landesverbands für Bienenzucht in Wien mit Imkerschule argumentiert, dass die Nutztiere mitunter weiter ausfliegen können als die wilde Verwandtschaft und dabei bevorzugt Massentrachten ansteuern. 

Erderwärmung setzt den Wildbienen mehr zu als den Nutztieren

Die Imkerin sieht die Hautflügler vielmehr durch Bodenversiegelung und den Klimawandel bedroht: Stadt Wien und Gartenbesitzer ersetzen wegen der steigenden Temperaturen zunehmend üppig blühende Linden und Haselnuss durch hitzetaugliche, aber weniger nahrhafte Pflanzen.

Zudem störe die frühe Blüte die Synchronisation von Wildbiene und Futterpflanze. Während die Honigbiene das ganze Jahr flexibel frisst, schließt sich das Zeitfenster für den wilden Entwicklungszyklus meist rasch. Das trägt zur Reduzierung der oft solitär lebenden Insekten bei. 

„Der Hitzestress wirkt sich auf die Artenzusammensetzung in der Stadt aus“, bestätigt denn Lanner.

Pestizideinsatz und Verlust von Lebensraum bedroht städtische Biodiversität

Ein Verzicht auf Pestizide freilich würde allen Bienen zugutekommen, darin sind sich die Expertinnen einig. Auch fordern beide, die begrenzten Grünflächen der Stadt ökologisch möglichst sinnvoll zu nutzen. 

Nicht zuletzt bleibt unbestritten, dass es genug Lebensraum für Wild- und Honigbienen geben muss. Fadler bringt es auf den Punkt: „Je weniger Bestäuberinnen es gibt, desto weniger Futterpflanzen wachsen.“ Auf lange Sicht könnte so der rege Flugverkehr sechs Meter über Wiener Boden merklich zurückgehen.

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