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┬ę APA - Austria Presse Agentur

Wissen
03/10/2021

Wiener Intensivmedizinerin: Steile "Lernkurve" rettete in Corona-Pandemie Leben

Es habe viele Annahmen gegeben, die zum Teil "auch so richtig falsch waren". Am Pandemie-Beginn habe man noch vermutet, dass nur ein paar Touristen, die das Virus von einer Reise mitgebracht haben, zu behandeln sein werden.

Vor einem Jahr, am 12. M├Ąrz 2020, ist der erste Corona-Patienten in Wien verstorben. Ein 69-j├Ąhriger infizierter Mann erlag im Wiener Kaiser-Franz-Josef-Spital (Klinik Favoriten) einem Multiorganversagen. Die Erfahrungen bei der Behandlung von Covid-Erkrankten waren damals noch gering, wie Intensivmedizinerin Stephanie Neuhold im APA-Interview berichtete. Die "Lernkurve" sei anfangs steil gewesen. Inzwischen sei es gelungen, die Sterblichkeit zu reduzieren.

Neuhold ist Ober├Ąrztin in der 4. Medizinischen Abteilung in der Klinik Favoriten - also in einer der zentralen Coronastationen des Landes. Wie sich die Pandemie entwickeln wird, war damals noch offen. Am Beginn habe man sogar noch vermutet, dass nur ein paar Touristen, die das Virus von einer Reise mitgebracht haben, zu behandeln sein werden. "Dass kurze Zeit sp├Ąter alle Betten belegt sind, und das ├╝berall, damit haben wir nat├╝rlich nicht gerechnet."

"Viele Annahmen so richtig falsch"

Inzwischen habe man rund 250 Intensivpatienten in der Abteilung behandelt: "Und ganz steil war die Lernkurve ganz am Anfang. Im M├Ąrz 2020, diese ersten Wochen, die waren sehr sehr intensiv." Es habe auch viele Annahmen gegeben, die zum Teil "auch so richtig falsch waren". Hier habe man sehr fr├╝hzeitig viele Knackpunkte erkannt, erz├Ąhlte Neuhold.

"Nat├╝rlich m├╝ssen trotzdem viele Menschen intubiert werden"

So habe man relativ schnell bemerkt, dass es nicht n├Âtig sei, m├Âglichst viele Menschen zu intubieren, also maschinell zu beatmet. "Das immer sehr rasch zu machen, hat sich als nicht richtig herausgestellt." Man k├Ânne auch mit anderen Beatmungstherapien, also ├╝ber die Nase mit speziellen Schl├Ąuchen oder mit speziellen Masken, die Menschen versorgen. Was nicht bedeute, dass die andere Variante nicht mehr vorkomme: "Nat├╝rlich m├╝ssen trotzdem viele Menschen intubiert werden."

Inzwischen passiere die Beatmung aber zum Teil schon auf den Normalstationen - was in weiterer Folge verhindern k├Ânne, dass Betroffene ├╝berhaupt auf die Intensivstation kommen. Das sei neu. Man k├Ânne dort inzwischen auch die Sauerstoffs├Ąttigung kontinuierlich ├╝berwachen: "Die Normalstationen haben ganz sch├Ân aufger├╝stet."

"Man dachte, durch Cortison wird Virus ├╝berhandnehmen"

Zugleich verabreiche man Medikamente, um das Immunsystem, "in eine gewisse Richtung zu bewegen". Vor allem komme Cortison zum Einsatz, "was anfangs verboten war", wie Neuhold berichtete: "Man hat gedacht, wenn man Cortison gibt, wird das Virus ├╝berhandnehmen."

Aber man habe gesehen, dass viele Patienten in ein Multiorganversagen geraten: "Weil es hier zu einer Entz├╝ndungskaskade kommt." Und dass man diese unterbrechen m├╝sse. Seither verwende man Cortison: "Das ist ein Punkt, den man ebenfalls verstanden hat." Derzeit werde noch an der Dosis und an Kombinationen mit anderen Substanzen geforscht. Auch Gerinnungsaktivierung sei wichtig, da Patienten oft kleinere Gerinsel entwickeln, erl├Ąuterte die Medizinerin. Auch hier wisse man inzwischen, welche Mengen einzusetzen seien.

Vor einem Jahr starben 50 Prozent der Intensivpatienten

Die Zahlen sprechen f├╝r die Methoden: Im M├Ąrz 2020 sind laut Neuhold noch 50 Prozent der Intensivpatienten verstorben, sechs Monate sp├Ąter nur mehr 20 Prozent. Gef├Ąhrlich seien Ausbruchssituationen, also die rasante Zunahme von F├Ąllen. Dies habe immer Auswirkungen auf die Mortalit├Ąt, solche seien jedenfalls zu vermeiden, betone sie.

"Die Ressourcen sind nun mal enden wollend"

Denn man sp├╝re dann den Druck auf die Betten und Stationen. "Das ist schon real, dass die Sterblichkeit dann h├Âher ist. Es werden Therapieentscheidungen dann vielleicht ein bisschen anders gef├Ąllt, ohne dass man eine richtige Triage vornimmt." Das habe man etwa bei gro├čen Ausbr├╝chen im Vorjahr in New York oder in Gro├čbritannien gesehen, mit Sterblichkeiten bis zu 80 Prozent. "Die Ressourcen sind nun mal enden wollend."

Dass Alter, ├ťbergewicht oder Vorerkrankungen Faktoren sind, die den Verlauf negativ beeinflussen, ist bekannt. Allerdings sei die Infektionen mit dem Coronavirus noch immer der bestimmende Faktor bei Todesf├Ąllen. Denn: H├Ątten die Patienten kein Covid gehabt, w├Ąren sie auch nicht gestorben, versicherte die ├ärztin. Dass j├╝ngere Menschen ohne Vorerkrankungen sterben, komme ebenfalls vor - wenn auch nur vereinzelt.

"Bekommen Patienten l├Ąnger nicht los"

Die aktuell immer h├Ąufiger werdenden Mutationen d├╝rften laut Neuhold keine gro├čen Auswirkungen auf die Art der Behandlung haben: "Nein, wir gehen nicht davon aus, dass sich hier grundlegend was ver├Ąndert. Wobei ich dazusagen muss, so viel geirrt wie bei Covid habe ich mich auch noch selten, besonders in der Fr├╝hphase." Erste ung├╝nstige Auswirkungen w├╝rden sich aber bereits zeigen: "Was wir schon sehen ist, dass wir die Patienten l├Ąnger nicht losbekommen." Was wiederum nicht gut sei f├╝r die Belegzahl der Intensivstationen, gab sie zu bedenken.

Sehr positiv wirke sich hingegen bereits die Impfung aus: "Wir haben viel weniger Pflegeheimpatienten als vorher." Dies betreffe vor allem die Normalstationen, da Intensivbehandlung laut Neuhold ohnehin oft zu belastend f├╝r Pflegeheimbewohner ist. "Einer Intensivtherapie muss man schon gewachsen sein, da braucht es eine Grundrobustheit."

Die Impfung sei fr├╝her als erwartet gekommen. "Das freut auch uns nat├╝rlich, weil wir alle geimpft sind." Zwar halte man im Spital noch alle Schutzma├čnahmen aufrecht, aber man gehe davon aus, dass die Impfung hochwirksam sei. "Das ist f├╝r unser Gef├╝hl in der Arbeit schon was anderes, im Vergleich zur ersten Woche, wo wir nicht wussten: Werden wir alle sterben?"

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