Wissen
15.04.2017

Wie Bildung und Religion zusammenhängen

Das haben Wiener Forscher erhoben. Eines der Ergebnisse: Frauen aller Religionen holen auf.

Religion und Bildung – ein heikles Thema. Wer sich damit beschäftigt, wird schnell verdächtigt, auf diese Weise womöglich die Überlegenheit einer Religion begründen zu wollen. Kein Wunder also, dass es bisher niemand gewagt hat, sich damit wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Am Ende könnten sich Stereotypen verstärken und politischen Vereinfachern Motivation liefern.

In Wien hat man sich dennoch daran gewagt, und zwar im Auftrag des US-Thinktanks PEW, wie Michaela Potancoková vom Wittgenstein Centre erzählt: "Bei einem Symposium präsentierten wir Zahlen, die zeigten, dass es in Österreich immer weniger Katholiken geben wird. Dabei entstand die Idee, den Zusammenhang von Bildung und Religionszugehörigkeit in der Welt zu untersuchen."

Sechs Jahre haben die Forschungen gedauert: Erhoben wurde dabei, wie die Ausbildung der Juden, Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten sowie der Religionslosen ist. Wie heikel dieses Studienthema ist, ist sich Potancoková bewusst: "Speziell jetzt, wo jeder über Muslime redet. Aber wir wollten dokumentieren, was ist und auch zeigen, welche positiven Trends es gibt." Wobei die Studie eine Schwäche hat, wie ihre Autoren zugeben: Es werden nur die Ausbildungsjahre gezählt, aber nicht die Qualität der Bildungseinrichtungen – und da gibt es offensichtlich große Unterschiede.

Überraschendes

Vieles scheint auf den ersten Blick zu bestätigen, was einige bisher vermutet haben: Juden drücken mit Abstand am längsten die Schulbank. Auch Christen und Nichtreligiöse liegen weit über dem Durchschnitt, Hindus und Muslime liegen darunter (siehe Grafik).

Also alle Vorurteile bestätigt? Nein, so einfach ist es nicht. Denn die Wahrzeit liegt wie so oft im Detail. Spannend ist z. B. der Iran, wo die Menschen gut ausgebildet sind und auch wenige Kinder haben, während es im ebenfalls muslimischen Pakistan um die Bildung nicht gut steht.

Die Studie hat viel Überraschendes zutage gebracht. Der Gender Gap, also der Unterschied zwischen den Geschlechtern, ist bei Hindus in Indien und in Nepal, noch höher als bei Muslimen. Vor allem auf dem Land haben Frauen kaum Zutritt zu Bildung. Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Sowohl Muslime als auch Hindus erzielten große Fortschritte, was die Bildung angeht: Sowohl Frauen als auch Männer holen extrem auf.

Die Annahme, dass sich im Nahen Osten nichts verbessert hätte, stimmt also nicht. Die Jüngeren sind weitaus besser gebildet als ihre Eltern, insbesondere Frauen. Wer zum Beispiel in den Golfstaaten oder Saudi-Arabien in den 1940er- und 1950er-Jahren geboren wurde, hatte meist nur fünf Jahre Schulbildung. Wer in den 1970er- und 1980er-Jahren auf die Welt kam, hat im Schnitt vier Jahre länger gelernt.

Oft ziehen die Frauen mit den Männern gleich oder sind sogar – wie im Westen – besser gebildet. "Das wird spannend für die Zukunft", mutmaßt Michaela Potancoková. In den Machtzentralen sitzen derzeit noch die alten Männer mit veralteten Ansichten. "Doch die jungen Frauen werden sich das wohl nicht gefallen lassen. Sie werden eine andere Rolle in der Gesellschaft einfordern."

Auffallend ist: Wo Muslime eine Minderheit sind, sind sie manchmal sogar besser gebildet als Einheimische. Insbesondere in den USA, aber auch in Osteuropa, was die Slowakin Potancoková so erklärt: "Zu Sowjetzeiten kamen Menschen aus dem Nahen Osten, um in der Tschechoslowakei oder in Bulgarien zu studieren, viele sind geblieben."

Türkische Buben

Anders ist die Situation in Deutschland und Österreich, wo besonders türkische Buben kein hohes Bildungsniveau haben. Woran das liegt? "Das hat sicher damit zu tun, dass das Menschen aus unteren sozialen Schichten waren, die damals zu uns kamen. Verstärkt hat sich das dadurch, dass sie sich dort ansiedelten, wo ähnliche Bevölkerungsgruppen wohnen."

Im Fokus der Studie sind auch Agnostiker und Atheisten – eine Gruppe, die früher als besonders gebildet galt. Das hat sich geändert, insbesondere in den osteuropäischen Ländern sowie in Ostdeutschland, wo diese Menschen bereits zur Mehrheit gehören. Dort gibt es kaum mehr Unterschiede zwischen Atheisten und Religiösen.

In Brasilien beobachteten die Studienautoren sogar Gegenteiliges: Dort war die ältere Generation an Atheisten die am besten gebildete. Heute ist das Gegenteil der Fall, Atheisten haben die geringste Bildung genossen. Der Grund: Die wirtschaftlich Abgehängten, die sich von den Eliten nicht wahrgenommen fühlen, und der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben, bezeichnen sich selbst als Atheisten.

Westliche Bildung als Bedrohung

Wie beeinflusst Religion die Bildung? Auch damit hat sich die PEW-Studie beschäftigt (siehe links). Klar ist: In der Vergangenheit waren die religiösen Zentren auch Orte der Bildung. Man denke etwa an die Klöster im Mittelalter.

Im Christentum kam die große Zeitenwende mit der Reformation, die die Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten einleitete: Jeder sollte die Bibel lesen können, auch Frauen. Das hatte Auswirkungen, nicht nur in Europa: Ein paar Jahrhunderte später, während der Kolonialzeit, entstanden besonders in britischen Gebieten Missionsschulen – allerdings meist nur dort, wo zuvor Naturreligionen dominierten. Wo sich der Islam bereits etabliert hatte, wurde weniger missioniert und wurden weniger Schulen gebaut, wie man am Beispiel Nigeria sieht: "Dort hatte man eine eigene Tradition und eigene Koranschulen. Westliche Schulen betrachtete man als eine Bedrohung der eigenen Kultur", weiß Potancoková .

Blütezeit

Wobei auch der Islam seine Blütezeit hatte, aus der große Wissenschaftler hervorgingen. Diese endete im späten 15. Jahrhundert, als die Mauren aus Spanien vertrieben wurden. Forscher mutmaßen allerdings, dass schon im 11. Jahrhundert der Einfluss jener Gelehrter stärker wurde, die die religiöse über die wissenschaftliche Bildung stellten.

Dass Bildung in der jüdischen Tradition einen hohen Stellenwert hat, geht u.a. auf die Zerstörung des jüdischen Tempels im Jahr 70 n.Chr. zurück. Um das religiöse Leben aufrecht zu erhalten, wurden Väter dazu verpflichtet, ihre Söhne zu unterrichten, die Thora zu lesen.

Was den drei abrahamitischen Religionen gemein ist: Sie sind Offenbarungsreligionen und tun sich oft schwer, Erkenntnisse zu akzeptieren, die der Bibel bzw. dem Koran und der Thora widersprechen. Anders ist das im Buddhismus und Hinduismus, wo jeder seine eigene "Erleuchtung" finden kann. Vielleicht ein Grund, dass z. B. 87 Prozent der Hindus in den USA eine akademische Ausbildung haben.

Die Studie können Sie im Detail online nachlesen: www.pewforum.org/2016/ 12/13/religion-and-education-around-the-world