© dpa/Malte Christians

Nahrungsmittel
05/07/2014

Wenn Essen Probleme verursacht

17 Prozent der Europäer klagen über Beschwerden, eine echte Allergie haben wenige.

von Ingrid Teufl

Vom Apfel juckt es im Mundraum und die Lippen brennen. Nach einem Glas Rotwein zeigen sich rote Flecken auf der Haut oder ein Stück Pizza mit Parmesan löst Bauchkrämpfe und Durchfälle aus: Bis zu 17 Prozent der Europäer klagen nach dem Genuss verschiedener Nahrungsmittel über Beschwerden. Für viele ist dann klar: "Ich habe eine Nahrungsmittel-Allergie."

So einfach ist es aber nicht. "Nur ein bis drei Prozent der Erwachsenen und acht Prozent der Kinder haben eine echte Nahrungsmittel-Allergie", sagt Sozialmedizinerin Univ.-Prof. Anita Rieder, MedUni Wien. Sie warnt davor, durch gestiegene Sensibilität und verbesserte Diagnostik von einem dramatischen Anstieg auszugehen. "Wir sehen zwar, dass die Häufigkeit insgesamt zunimmt. Gleichzeitig bleibt aber die Zahl der Neuerkrankungen europaweit stabil. Wir brauchen hier noch viel mehr epidemiologische Forschungen."

Wesentlich häufiger als Allergien treten Intoleranzen auf. Die Symptome sind äußerst unangenehm und beeinträchtigen die Lebensqualität enorm. "Anders als bei einer Allergie sind sie nicht potenziell lebensbedrohlich – aber dosisabhängig: Je mehr, desto schlechter geht es dem Betroffenen", betont die Wiener Dermatologin und Allergologin Nadine Mothes-Luksch.

Dazu kommen noch Kreuzallergien infolge einer Pollenallergie: "Die Hälfte der Birkenpollen-Allergiker verträgt zum Beispiel kein rohes Obst, Gemüse oder Nüsse." Der Grund dafür ist, dass sich die beiden Eiweißstrukturen sehr ähnlich sind und vom Körper falsch erkannt werden.

Das Fatale an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten und -Allergien erklärt Assoc.-Prof. Karin Hoffmann-Sommergruber vom Institut für Pathophysiologie an der MedUni Wien so: "Wir können therapeutisch nur die Symptome bekämpfen, aber nicht die Ursache." Die einzige, wirklich wirksame Maßnahme sei die Vermeidung des Auslösers.

Spürsinn gefragt

Den muss man aber erst einmal finden. "Die Diagnose ist oft kompliziert, verlangt Spezialwissen und detektivischen Spürsinn", sagt Mothes-Luksch. Am Beginn stehe immer eine ausführliche Anamnese über Beschwerden, Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten. "Wenn etwa ein Patient beschreibt, bei Äpfeln Juckreiz im Mund zu verspüren, gibt das Hinweise auf eine pollenassoziierte Kreuzallergie mit der Birke. Wenn jemand aber nach Erdnüssen benommen ist oder Herzrasen hat, spricht das eher für eine echte Allergie." Um den Verdacht genau zu überprüfen, setzen Allergologen auf eine Reihe von Untersuchungen – vom Hauttest bis zu Blutuntersuchungen.

Die modernste Methode ist derzeit die Testung mittels Allergen-Chip, die jedoch nicht von den Kassen bezahlt wird und auch nicht überall möglich ist. Mothes-Luksch: "Am besten geeignet ist der Chip dann, wenn sowohl Nahrungs- als auch Inhalationsallergene eine Rolle spielen könnten."

Neue Richtlinien für Lebensmittel

Nahrungsmittel mit Gefahrenpotenzial zu vermeiden, ist im Alltag nicht immer leicht. Warnhinweise können komplex und verwirrend sein – oder zu ungenau. Schon seit einigen Jahren müssen laut EU-Gesetzgebung auf verpackten Lebensmitteln die 14 wichtigsten Produktgruppen, die für einen Großteil der Allergien verantwortlich sind, gekennzeichnet werden. "Dazu gehören u. a. glutenhaltiges Getreide, Eier, Fische, Erdnüsse, Soja, Milch oder Nüsse", sagt Univ.-Doz. Ingrid Kiefer von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit des Gesundheitsministeriums (AGES).

Ab Dezember wird die Kennzeichnungspflicht ausgeweitet. Dann müssen auch in losen Produkten Stoffe, die Allergien auslösen können, besonders hervorgehoben werden. "Allergiker, die beim Bäcker einkaufen oder im Restaurant essen, müssen nach der neuen Richtlinie informiert werden."

Erstmals wurden für Ärzte von der europäischen Allergie-Akademie EAACI Behandlungsleitlinien erarbeitet. Sie werden beim Jahreskongress im Juni präsentiert, erklärt die Allergieforscherin Karin Hoffmann-Sommergruber. Besonderes Augenmerk wird der Vorbeugung gewidmet. "Es ist wichtig zu wissen, wo das Risiko reduziert und das Immunsystem früh gestärkt werden kann." So sei etwa die Meinung, bei Babys im ersten Lebensjahr Lebensmittel mit erhöhtem Allergierisiko (Kuhmilch, Fisch) zu vermeiden, überholt. "Sie können nach vier Monaten schrittweise zugefüttert werden."

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