Bei Hitze ist der Flüssigkeitsbedarf höher. Grundsätzlich regelt der Körper dies über das Durstgefühl.

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Flüssigkeitszufuhr
08/06/2015

Wasser trinken: Zu viel kann auch ungesund sein

US-Forscher stellen jetzt gängige Empfehlungen infrage. Vor allem große Mengen Wasser in kurzer Zeit führe zu Schäden der Nieren.

von Ingrid Teufl

Viel trinken! Das hört man während Hitzeperioden wie jetzt ständig. Allzu viel ist allerdings auch bei Wasser & Co. ungesund, warnen nun US-Forscher der renommierten Harvard Medical School. Sie meinen, unter normalen Bedingungen reichen ein bis eineinhalb Liter täglich. Werde nämlich zu viel Flüssigkeit in zu kurzer Zeit konsumiert, könne dies zu Nierenschäden führen.

Die Forscher räumen aber auch ein, dass der Flüssigkeitsbedarf an heißen Tage steige. "Grundsätzlich wird die Flüssigkeitszufuhr des Körpers über das Durstgefühl geregelt", sagt der Nephrologe Gere Sunder-Plassmann von der Wiener Uni-Klinik für Innere Medizin. Zur täglichen Flüssigkeitszufuhr zählen ebenso Suppen, Obst oder Gemüse. Der Wassergehalt von Gurken liegt immerhin bei mehr als 90 Prozent.

Wasservergiftung

Gefährlich wird es dann, wenn extreme Mengen getrunken werden. "Diese Gefahr ist besonders bei Leistungssportlern gegeben, die derartige Trainingsempfehlungen befolgen", erklärt Sunder-Plassmann. In den USA starb etwa im Vorjahr ein 17-jähriger Footballspieler, weil er während des Trainings 16 Liter Wasser getrunken hatte. Bei ihm dürfte es zu einer Wasservergiftung oder Hyponatriämie gekommen sein. Die Nieren können solche Mengen nicht mehr verarbeiten. "Im Körper steigt der Wassergehalt an, während der Natriumgehalt im Blut sinkt." Die Folgen: Körperzellen dehnen sich aus, was besonders für das Gehirn problematisch wird. Es gerät unter Druck – im schlimmsten Fall treten Krämpfe und Lungenversagen bis hin zum Tod auf.

Lebensmittelchemiker und Sachbuchautor Udo Pollmer hat während der Recherche zu seinem "Lexikon der Ernährungsirrtümer" 250 dokumentierte Fälle von Wasservergiftung gefunden. Vor allem Ausdauersportler waren davon betroffen. Aus Angst auszutrocknen, hatten sie viel zu viel Flüssigkeit zu sich genommen. Darauf reagiert der Körper paradoxerweise erst recht wie bei Dehydrierung.

Ideale Trinkmenge

Wie viel sollte man nun aber tatsächlich täglich trinken? Wer bei der Flüssigkeitszufuhr auf seinen Körper höre, ist laut Nephrologe Sunder-Plassmann am ehesten auf der sicheren Seite. "Verbreitete, allgemeine Empfehlungen, acht Gläser Wasser pro Tag zu trinken, sind nicht evidenzbasiert. Aber Gefahr besteht bei dieser Menge keine." Ebenso, wenn man bei großer Hitze statt den üblichen zwei Litern drei bis vier Liter an Wasser, Säften oder Früchten konsumiert. Forscher der US-Universität Pennsylvania kamen jedenfalls in einer Analyse mehrerer Studien vor einigen Jahren zum Schluss, dass es keine gesicherten Erkenntnisse für täglich zwei Liter Flüssigkeitszufuhr gebe – allerdings auch keine, die eine Schädlichkeit belegen.

Ein Diktat sollten Trinkempfehlungen nie sein, betont der Arzt Jürgen Kitzbrecht von der Wiener Berufsrettung. Er ist immer wieder mit Patienten konfrontiert, die unbewusst zu viel trinken. "Etwa Menschen mit Nierenerkrankungen oder Herzschwäche brauchen eher einen reduzierten Wasserhaushalt, weil sich bei ihnen sonst Wasser in den Beinen oder der Lunge ablagert."