Wissen und Gesundheit
04.09.2017

Kinderchirurgie: Was heute alles möglich ist

Intensivmedizin und Chirurgie bei Kindern: "Das Meiste können wir heute erfolgreich korrigieren", sagt Univ.-Prof. Alexander Rokitansky vom Wiener Donauspital.

Es sind die dramatischen Fälle, die dazu führen, dass die Abteilung für Kinder- und Jugendchirurgie des SMZ-Ost (Donauspital) in Wien – die größte in Ostösterreich – in den Medien erwähnt wird. Ertrinkungsunfälle etwa, wie vergangenen Donnerstag ein Vierjähriger, der im Donaustädter Bad leblos geborgen wurde. "Es geht ihm gut, auch dank einer raschen Reanimation", so Vorstand Univ.-Prof. Alexander Rokitansky. Doch diese intensivmedizinischen Fälle sind nur ein kleiner Teil des Spektrums der Abteilung. "Jährlich nehmen wir 4500 Kinder und Jugendliche für eine Operation auf." Ein Anstieg in den vergangenen Jahren um 40 Prozent.

KURIER: Womit erklärt sich dieser starke Anstieg?

Alexander Rokitanksy: Durch die Konzentration solcher Eingriffe auf wenige Zentren. Diese "Erfahrungsverdichtung" verbessert die OP-Resultate. Kinder- und Jugendchirurgie entscheidet sich ja stark von der Erwachsenenchirurgie: Unser OP-Gebiet ist oft nicht größer als die Fläche von zwei Briefmarken, alle Organstrukturen liegen nur in Miniaturform vor – und im Vordergrund stehen durch die vielen Varianten an Fehlbildungen andere Erkrankungen als beim Erwachsenen. In unsere Abteilung ist auch eine große kinder- und jugendchirurgische Intensivstation integriert. Dieser Schulterschluss zwischen Chirurgie und Intensivmedizin ist ebenfalls entscheidend für gute Ergebnisse.

Apropos Intensivmedizin: 2016 wurde der heute 14-jährige Morteza erst nach 41 Minuten unter Wasser geborgen. Sie konnten ihn mit der Absenkung seiner Körpertemperatur auf 33 Grad erfolgreich behandeln.

Seit 20 Jahren verfolgen wir dieses Konzept der Abkühlung – und haben es entscheidend weiterentwickelt. Die Körperzellen eines bewusstlosen Menschen unter Wasser sind in einer Notsituation und reduzieren angesichts des Sauerstoffmangels und der Kälte ihren Stoffwechsel. Wird ein Geborgener sofort auf Normaltemperatur erwärmt, nehmen die Zellen zu rasch zu viel Sauerstoff auf, es bilden sich Sauerstoffradikale und Zellschäden in den einzelnen Organgen können so schwer ausfallen, dass ein Multiorganversagen auftritt.

Mit der Kühlung auf 33 Grad Körpertemperatur halten wir den Stoffwechsel zunächst niedrig und können ihn dann ganz langsam wieder auf sein normales Niveau führen. Das kann bei uns auch zwei bis drei Wochen dauern.

Wieso so lange?

Das Team um Oberarzt Christian Scheibenpflug misst die Biovariabilität des Herzrhythmus: Minimale Veränderungen des zeitlichen Abstandes zwischen zwei Herzschlägen. Je mehr der Körper unter Stress steht, umso geringer ist diese Variabilität, umso gleichförmiger schlägt das Herz. Erst wenn die Variabilität zunimmt – ein Zeichen, dass der Zellstress zurückgeht – erwärmen wir den Patienten langsam und heben damit die Stoffwechselaktivität an.

Zwei bis drei Prozent aller Kinder kommen mit Fehlbildungen auf die Welt. Wie groß sind die Chancen einer Korrektur?

Fehlbildungen etwa im Bauch- und Genitalbereich sind einer unserer Schwerpunkte. Mehr als 90 Prozent davon können wir in den ersten eineinhalb Lebensjahren erfolgreich korrigieren. Sei es eine unterbrochene Speiseröhre, eine defekte Bauchdecke mit Darmschlingen außerhalb des Bauchraums oder Fehlbildungen des Genitalbereichs. Bei manchen Mädchen münden Enddarm, Harnröhre und Scheide in einen gemeinsamen Kanal.

Früher bedeutete das einen lebenslangen künstlichen Darmausgang. Heute können wir vieles so rekonstruieren, dass man von außen nichts mehr sieht. Auch Kinderärzte fragen oft erstaunt: "Wo wurde da operiert?"

Ein Spezialgebiet Ihrer Abteilung ist die Trichterbrust – ein "Delle" des Brustkorbs.

Bei der Trichterbrust sind das Brustbein und die vorderen Anteile der Rippen eingesunken, der vordere Brustkorb ist verkleinert. Dadurch entsteht ein Druck auf das Herz, es wird nach links verschoben und kann durch die Enge weniger Blut pro Herzschlag befördern. Deshalb steigt bei körperlicher Belastung der Puls stark an, spätestens ab dem 40. Lebensjahr kommt es zu einem deutlichen Leistungsabfall. Hinzu kommt die psychische Belastung. Die noch immer zu hörende Aussage, es sei ein ,rein ästhetisches Problem‘, ist deshalb falsch. Wir operieren die meisten Patienten um das 15. Lebensjahr. Durch Metallimplantate und Eingriffe an Brustbein und Rippenknorpeln können wir den Brustkorb stabilisieren.

Ein relativ häufiges Problem ist auch der Hodenhochstand.

Beim Hodenhochstand liegt der Hoden nicht im Hodensack, sondern in der Leiste oder sogar in der Bauchhöhle. Wird die falsche Position nicht rund um das erste Lebensjahr korrigiert, kann das zu einer Beeinträchtigung der Zeugungsfähigkeit führen. Leider wird aber immer noch oft zu spät operiert. Ist das äußerliche Bild nicht eindeutig, sollten eine genaue Tastuntersuchung und unbedingt auch ein Ultraschall durchgeführt werden.

Was macht für Sie das Besondere der Kinderchirurgie aus?

Jede Operation ist ein wenig anders, weil auch jede Fehlbildung ein wenig anders ist. Hier ist Kreativität gefragt. Es ist eine unglaubliche positive Motivation, dass die allermeisten Kinder ein völlig normales Leben führen können, mit funktionierenden Organsystemen, und dass sie ohne Einschränkungen sportlich aktiv sein können – bis hin zur Akrobatik, einem Ironman oder Motocross. Es ist etwa Großartiges, wenn man Kindern helfen kann.


Pionier der Kinderchirurgie

Prim. Univ.-Prof. Alexander Rokitansky leitet seit 1994 die Kinder- und Jugendchirurgie des SMZ-Ost ( Donauspital) in Wien. Er ist Facharzt für Kinder- und Jugendchirurgie, für Chirurgie (Erwachsene) und für pädiatrische Intensivmedizin.

Sein erster Schwerpunkt war die Herz-Kreislauf-Forschung. 1989 implantierte er an der II. Chirurgischen Uni-Klinik in Wien (Univ.-Prof. Ernst Wolner) ein Kunstherz. In der Kinderchirurgie hat er mehrere OP-Techniken – etwa jene bei Hodenhochstand oder der Trichterbrust – entscheidend weiterentwickelt.

Sein Ur-Urgroßvater Carl Freiherr von Rokitansky (1804 bis 1878) begründete die Zweite Medizinische Schule, die Grundlage der heutigen naturwissenschaftlichen Medizin.