Wissen und Gesundheit
08.08.2017

Was in den Duden kommt - und was nicht

Das Nachschlagewerk wurde um 5000 Wörter erweitert. Der KURIER fragte in der Duden-Redaktion nach, wie es dazu kam.

Vor der Dynamik der Sprache ist auch die graue Eminenz unter den Wörterbüchern nicht gefeit: Alle drei bis fünf Jahre mistet der Duden aus und bringt sein Wörterverzeichnis auf den neuesten Stand. Nach vier Jahren ist es nun wieder so weit: Die 27. Auflage der Rechtschreib-Bibel erscheint – und mit ihr Tausende neue Einträge. "Nach dieser Zeit gibt es genug Entwicklungen im Wortschatz, die man abbilden möchte", sagt Kathrin Kunkel-Razum, Leiterin der Duden-Redaktion.

Mit ihrem 15-köpfigen Team entscheidet sie, welche Wörter im Nachschlagewerk verewigt werden (zumindest, bis die nächste Auflage erscheint). Dafür gibt es mehrere Kriterien: etwa, ob das betreffende Wort Rechtschreibtücken enthält oder wie präsent es in den Medien ist. Außerdem sollte das Wort keine Eintagsfliege sein, sondern zumindest über mehrere Monate hinweg regelmäßig in den verschiedensten Schriftstücken auftauchen. "Die Auswahl ist ein Spiegel der Zeit", sagt Kunkel-Razum, und tatsächlich dokumentieren die Neuzugänge den aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs: Zu den Duden-Debütanten zählen etwa Flüchtlingskrise, Brexit oder Fake News. Auch postfaktisch, das deutsche Wort des Jahres 2016, hat es in das Lexikon geschafft.

Neben den politischen Turbulenzen der jüngsten Jahre macht sich zwischen den neu designten Buchdeckeln auch das digitale Zeitalter bemerkbar: Kaum zu glauben, aber "Selfie" steht erst jetzt im Duden – genauso wie der dazugehörige Selfiestick, liken, Klickzahl oder Emoji. Weil unter "T" nun das Verb tindern vermerkt ist, veröffentlichte der Gründer der Dating-App ein sichtlich stolzes Statement. "Gerade für Unternehmen ist die Aufnahme in den Duden eine Adelung", schmunzelt Kunkel-Razum über die gesellschaftliche Wirkung ihrer Arbeit. "Tatsächlich gibt es viele Menschen, die glauben, wenn ein Wort nicht im Duden steht, existiert es nicht." Doch nicht jede Adelung hält für immer. "Wir haben dieses Mal kaum Wörter gestrichen, weil wir eine bewahrende Grundhaltung haben", sagt Redaktionsleiterin Kunkel-Razum zwar. Einige Wortbildungen mussten dennoch daran glauben – "weil sie einfach nicht mehr gebräuchlich sind". Oder haben Sie in der jüngsten Zeit "Jahr-2000-fähig" in den Mund genommen?

Öfter als ganze Wörter fliegen bestimmte Rechtschreibvarianten. So war es bis dato erlaubt, die eingedeutschten Wörter Majonäse, Ketschup, Bravur, Kollier oder Wandalismus zu schreiben – falls Sie das nicht wussten, vergessen Sie es gleich wieder. Ab jetzt müssen die seltsam anmutenden Sprachversionen im Diktat (oder in Zeitungsartikeln!) nämlich wieder als Fehler markiert werden. "Sie haben keine Akzeptanz in der Sprachgemeinschaft gefunden", begründet Kunkel-Razum. Das mag einerseits daran liegen, dass der Duden stets die Originalversion empfahl. "Andererseits hängt es wohl damit zusammen, dass die Fremdsprachenkompetenz der Menschen gestiegen ist. Sie sind nun eher bereit, Englisch und Französisch ins Deutsche zu übernehmen."

Übrigens – falls der KURIER demnächst über eine Goldene Hochzeit berichten sollte, wäre das korrekt: In diesem Fall oder auch beim Neuen Jahr ist die Großschreibung der Adjektive ab sofort zulässig. "Das war eine der häufigsten Fragen bei unserer Sprachhotline." Ähnlich unbeliebt wie die eingedeutschten Fremdwörter dürfte das große scharfe S werden: Dieses hält erstmals Einzug in das Wörterbuch, hauptsächlich, um Namen in Dokumenten korrekt zu schreiben. "Auch für die Werbung wird die Neuerung relevant sein", meint Kunkel-Razum. Der Neo-Buchstabe wurde vor einigen Monaten vom Rat für deutsche Rechtschreibung eingeführt und sorgte bei sprachaffinen Usern in den sozialen Netzen bisher für wenig Begeisterung.

Wörter wissen auch in Zeiten von WhatsApp (übrigens auch ein Duden-Neuzugang) und Emojis zu polarisieren und zu begeistern, stellt Kathrin Kunkel-Razum mit Freude fest. "Das merken wir auch daran, wie viele Reaktionen wir auf unsere Neuzugänge erhalten haben. Es gibt immer noch eine irrsinnige Faszination an der Entwicklung der Sprache." Und die ist rasant: Der Duden wächst stetig, zählt in seiner aktuellen Fassung fünfmal so viele Einträge wie im "Urduden" aus dem Jahr 1880. "Das liegt daran, dass es ständig neue Entwicklungen und Erfindungen gibt", erklärt die Sprachexpertin. "Vor diesem Hintergrund ist es amüsant, dass auf der ersten Ausgabe 'vollständiges orthografisches Wörterbuch' stand. Denn ein Wörterbuch wird wohl nie vollständig sein - auch nicht in der 27. Auflage."

Duden: Außen und innen neu

Im Jahr 1880 verfasste der deutsche Gymnasiallehrer Konrad Duden den "Urduden" mit 27.000 Stichwörtern. 137 Jahre später erscheint nun die 27. Auflage – und die ist mit 145.000 Einträgen umfangreicher denn je. Auch die Optik wurde modernisiert. 1264 Seiten, 26,80 €