Wissen und Gesundheit
21.06.2017

Was Freimaurer denken und wollen

Großmeister Semler © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Anlässlich des 300. Geburtstag der Freimaurer gibt der österreichische Großmeister Georg Semler Einblick in seinen "Geheimbund", der so geheim nicht ist.

Das, was heute die Technologie-Firmen des Silicon Valley sind, waren früher die Steinmetze: die Hightech-Branche Nr. 1. "Kathedralen zu bauen, war Herrschaftswissen, und die Steinmetze wollten ihr Wissen nicht veröffentlichen. Darum haben sie sich in geschlossenen Zirkeln getroffen", erzählt Georg Semler über die Vorläufer der Freimaurer-Logen: Österreichs Großmeister im großen Interview zum 300-Jahr-Jubiläum über Populismus, "Geschäftsmaurerei" und den Wirbel rund um den angeblichen Freimaurer-Ball.

KURIER: Herr Dr. Semler, wozu braucht man im 21. Jahrhundert eine 300 Jahre alte Bruderschaft?

Semler: Man könnte die Frage umdrehen: Was macht die Bruderschaft aus, dass sie 300 Jahre Bestand haben konnte? Was hat sich seit damals an politischen, gesellschaftlichen, globalen Veränderungen nicht alles getan! All diese Kriege, zerfallende Monarchien, Erste und Zweite Republik – das hätten die Freimaurer nicht überleben können, wenn wir parteipolitisch engagiert gewesen wären. Es geht nicht darum, in der Gesellschaft als Partei, NGO oder sonst irgendwas zu wirken. Wenn wir je diesen Fehler gemacht hätte, wären wir nicht so alt geworden. Die Freimaurerei richtet sich an den Einzelnen, der durch die Hilfe seiner Brüder, durch Diskussionen, durch das Ritual, das ihn emotional erfasst, dazu gebracht wird, über sich selbst nachzudenken. Mit dem Ziel, sein Denken ein Stück weit zu veredeln. Das wirkt sehr gut und indirekt auch auf die Gesellschaft.

Freimaurer sind dogmenfrei, stellen alles zur Diskussion. Ich kann mich mit jenen austauschen, die wissen, dass sie nicht die ganze Wahrheit haben, so wie ich weiß, dass ich nicht die ganze Wahrheit habe.

Ein heute unpopulärer Ansatz!

Ja, die größte Bedrohung geht derzeit von Populisten welcher Couleur auch immer aus, die alles verkürzen und glauben, einfache Antworten zu haben. Aber einfache Antworten auf komplexe Fragen gibt es nicht. Dinge infrage stellen oder gegen den Strich bürsten – es wird genau das sein, was wir in Zukunft brauchen.

Georg Semler, Wien am 07.06.2017 © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Wie arbeiten Freimaurer? Als Netzwerk? Lobbyisten?

Freimaurerei richtet sich an den Einzelnen mit dem Ziel aus Gutem Besseres zu machen. Wenn ich von Freimaurerei spreche, meine ich immer Männer, die in der Gesellschaft etwas vorangebracht haben. Netzwerk ist für mich ein Begriff, der nicht mehr positiv besetzt ist. Und Lobbyisten stoßen bei uns eher auf Ablehnung. Mitunter mussten wir uns von Lobbyisten gegen ihren Willen trennen. Denn Geschäftsmaurerei – wenn jemand versucht, wirtschaftliche Vorteile aus der Zugehörigkeit zu einer Loge und den Kontakten zu ziehen – ist streng verpönt.

Man merkt die Absicht und ist verstimmt?

Genau das ist es!

Sie schlagen sich derzeit auch mit Trittbrettfahrern herum, die einen "Freimaurerball" veranstalten?

Das ist kein Freimaurer-, sondern ein Pyramidenball (findet in der sogenannten Pyramide in Vösendorf statt, der KURIER berichtete). Da behauptet jemand, das sei eine Veranstaltung der Freimaurer, dabei haben wir damit überhaupt nichts zu tun. Die Veranstalter dieses Pyramidenballs sind keine anerkannten Freimaurer, sondern geschäftlich orientierte Trittbrettfahrer, die aus unserem Jubiläum ein Geschäft machen wollen. Da wird anscheinend versucht, mit Charity Geld zu lukrieren, das angeblich einem Projekt in Uganda dienen soll. Meine große Sorge ist, dass dieses Geld dort nie ankommt und ein Spendenskandal entsteht, der mit den Freimaurern in Verbindung gebracht wird. Darum muss ich rechtzeitig sagen: Das hat mit uns nichts zu tun.

Übrigens: Das machen wir nie – wir sammeln außerhalb unseres Bundes keine Spendengelder. Dabei sind Freimaurer, ohne das an die große Glocke zu hängen, stark karitativ und humanitär engagiert. Mich fragte einmal ein junger Mann: "Es gibt Organisationen, bei denen sieht man, dass z.B. eine Rettungswagen von ihnen gespendet worden ist. Machen die Freimaurer so etwas nicht?" Ich antwortete: "Das machen wir schon, aber uns genügt es, dass der Rettungswagen fährt. Es muss nicht draufstehen, wer ihn zum Fahren gebracht hat."

Georg Semler, Wien am 07.06.2017 © Bild: KURIER/Gilbert Novy

Was haben Freimaurer seit 1717 bewegt?

Auf der Gründungsurkunde der USA stammen neun von zwölf Unterschriften von Freimauern. Das Gedankengut der Freimaurerei ist auch stark mit der Aufklärung verknüpft: Menschenrechte und Demokratie sind Errungenschaften jeder modernen Zivilisation und urfreimaurerisch. General Marshall (der Erfinder des Marshallplans) war praktizierender Freimaurer; die Paneuropabewegung ist zutiefst freimaurerisch. Auch Ferdinand Hanusch, der die Sozialgesetzgebung geschaffen hat, war Freimaurer. Und die Sozialpartnerschaft ist in einer Loge entstanden, in der sich ein einflussreicher Gewerkschafter und ein einflussreicher Wirtschaftsvertreter gut redeten.

Heute ist die Sozialpartnerschaft in Verruf geraten, man spricht sogar von Abschaffung. Hat sie sich von den freimaurerischen Idealen entfernt?

Ja, die Sozialpartnerschaft sollte sich selbst modernisieren. Wobei uns andere Länder um den Grundgedanken beneiden. Ich bin aber zuversichtlich, dass es wieder besser wird.

Haben Sie Nachwuchsprobleme?

Diese Sorge haben wir nicht. Es stehen immer mehr Leute ante portas, als wir vernünftigerweise aufnehmen wollen. Wir haben ein Nettowachstum von zwei Prozent. Pro Jahr werden etwa 150 Leute in ganz Österreich aufgenommen.

Wer drängt in die Freimaurerei?

Ganz unterschiedliche Menschen. Künstler, Intellektuelle, Freiberufler, Unternehmer, Ärzte, Anwälte. Und viele andere Berufe aus der Mitte der Gesellschaft. Es gibt den Satz: Die Freimaurerei bringt Menschen zusammen, die das Leben nicht zusammengebracht hätte – das ist das Reizvolle.

Die Brüder sind politisch überhaupt nicht einzuordnen. Man kann Mitglied jeder demokratischen Partei sein. Nur radikale und totalitäre Gesinnungen sind ein Hindernis.

Georg Semler, Wien am 07.06.2017 © Bild: KURIER/Gilbert Novy
Das Freimaurer-Haus in der Wiener Rauhensteingasse

Stört es Sie, dass Sie 50 Prozent der Österreicher, die möglicherweise gut zu Ihnen passen würden, von vornherein verlieren?

Sie sprechen die Frauen-Frage an? Die Freimaurerei hat zwei Wurzeln: Die britische, die als Männerbund konzipiert wurde; und die französische, wo von Anfang an Frauen dabei waren. Die Großloge von Österreich beruft sich auf die britische Tradition. Freimaurerei hat mit Öffnung zu tun. Ein Suchender, so nennen wir die Interessenten, bekommt die Aufgabe gestellt, über sich selbst zu sprechen. Da soll er uns nicht erzählen, welche Note er in der vierten Klasse in Latein hatte. Er hat 20 Minuten, einer Gruppe von Menschen, die Interesse an seiner Person haben, das Wichtigste über sich zu sagen.

Das was ihn bewegt?

Genau. Es geht nicht darum, was er den anderen sagt, sondern darum, dass er sich selbst reflektiert. Und man weiß, dass das Öffnen besser funktioniert, wenn es keine Geschlechterspannung gibt.

Wenn keine Frauen dabei sind, fällt das Imponiergehabe weg?

Es geht um einen geschützten Raum.

Warum machen Sie so eine Geheimnis um Ihre Mitglieder?

Jeder darf über sich sagen, dass er Freimaurer ist, aber ich darf es über andere nicht sagen – solange sie am Leben sind. Danach dürfen wir darüber reden. Da gibt es oft ein Aha-Erlebnis, wenn wir an einer Beerdigung teilnehmen und dort unser kurzes Beerdigungsritual machen.

Wo sehen Sie Ihre Aufgaben in der Zukunft?

Was die Herausforderung in zehn Jahren sein wird, ist schwer abzusehen. Ich bin aber froh, dass viele Männer, die am Pulsschlag des Geschehen sind, ihre charakterliche Bildung in Freimaurer-Logen erfahren haben. Das lässt einige Hoffnung für die Zukunft zu.

Treffpunkt jenseits von Ideologien

Großmeister Semler weiß es ganz genau: "Der 24. Juni 1717 war es." Da wurde der Überlieferung nach die "Großloge von England" in London gegründet: Damit beginnt die Geschichte der modernen Freimaurerei.

Wer sich mit Freimaurerei befasst, kommt kaum ohne zwei Begriffe aus: Geheimnis und Mythos. So auch die Ausstellung "300 Jahre Freimaurer", Untertitel: "Das wahre Geheimnis". In der Österreichischen Nationalbibliothek wird ab Freitag 23. Juni ihre Geschichte in mehr als 150 einzigartigen Exponaten aus nationalen und internationalen Sammlungen aufgearbeitet; darunter Bilder,

ONB, freimaurer © Bild: /ONB, freimaurer
Zeitungsartikel oder
ONB, freimaurer © Bild: /ONB, freimaurer

die Schärpe, die im 19. Jahrhundert einem "Kommandeurs des 33. Grades der Großloge von Österreich" gehörte.

Die Anfänge

Die ersten Freimaurer-Logen waren ein Ort der Begegnung zwischen Bürgerlichen und liberalen Adeligen. Ihre Ziele: Verlässlichkeit, Wohltätigkeit und Fairness; bis heute setzen sich Freimaurer für Aufklärung, Humanität und Toleranz ein.

Franz Stephan von Lothringen und Joseph Haydn, Joseph von Sonnenfels und Wolfgang Amadeus Mozart zählen zu den prominentesten Vertretern in den Anfängen der österreichischen Freimaurerei. Kaum aufgeblüht, wird die Maurerei in Österreich bis 1918 verboten.

In der Ersten Republik treffen sich Sozialpolitiker, Kulturschaffende und Pazifisten in den Logen und haben bald Nationalisten und Faschisten als Gegner.

Während des Dritten Reichs werden Tausende, vor allem jüdische Mitglieder, verfolgt und ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind es immer wieder prominente Politiker und Kulturschaffende wie Fred Sinowatz, Jörg Mauthe oder Karlheinz Böhm, die sich in den Logen – jenseits von Parteiinteressen und Ideologien – begegnen und zusammen finden können.

INFO "300 Jahre Freimaurer. Das wahre Geheimnis" von 23. Juni 2017 bis 7. Jänner 2018, ONB, 1010 Wien, www.onb.ac.at