Weniger Herztodesfälle, aber mehr chronische Erkrankungen

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Wissen und Gesundheit
09/10/2016

Was die Gefäße wirklich verkalken lässt

US-Kardiologie erklärt bei Eröffnung eines neues Herzzentrums die Ursachen von Arteriosklerose

Er ist der prominenteste Kardiologe unserer Zeit: Peter Libby von der Harvard Medical School in Boston, USA. Freitag war er in Wien – anlässlich der Startveranstaltung für das neue "Center for Cardiovascular Medicine" (CCVM) von MedUni Wien und AKH Wien. Er ist den tatsächlichen Auslöser von Arteriosklerose auf der Spur und dazu eine spezielle Theorie entwickelt, die derzeit als das wahrscheinlichste Entstehungsmodell gilt - mehr dazu lesen Sie etwas weiter unten.

"Österreich kann glücklich sein, jetzt so ein Zentrum zu haben", sagte Libby zum KURIER: "Denn Herz-Kreislauf-Krankheiten sind ein wachsendes Problem." Ein derartiges Zentrum eröffne bessere und neue Behandlungsmöglichkeiten.

"In dem neuen Zentrum sollen die verschiedenen Disziplinen – besonders auch die Herzchirurgie und die Kardiologie – enger zusammenarbeiten", erläutert Leiter Univ.-Prof. Gerald Maurer. "Denn diese haben heute mehr gemeinsam als etwa die Kardiologie mit anderen internistischen Fächern."

"Wir brauchen exzellente Einzelindividuen, die – ähnlich wie beim FC Barcelona oder bei Real Madrid – in die entsprechenden Teams eingebettet sind", sagt Univ.-Prof. Günther Laufer, Leiter der Klinischen Abteilung für Herzchirurgie der MedUni Wien/AKH Wien. Experten sprechen vom "Heart-Team-Konzept": Unter anderem Kardiologen, Herzchirurgen, Radiologen, Anästhesisten und spezialisiertes Pflegepersonal besprechen bei komplexen Krankheitsbildern gemeinsam die Therapapiemöglichkeiten und die weitere Vorgangsweise – ähnlich, wie das in der Krebstherapie schon der Fall ist. Intensiviert werden soll die Zusammenarbeit ab Mai kommenden Jahres auch durch einen "Hybridoperationssaal": Herz- und Gefäßchirurgen arbeiten darin mit Kardiologen und Radiologen.

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Mehr als Röhren

Von Libby stammt die heutige Sichtweise auf die Auslöser der Arteriosklerose ("Gefäßverkalkung"): "Wir dürfen uns die Gefäße nicht wie leblose Röhren vorstellen, die mit Cholesterin einfach verstopft werden." Vielmehr würden Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen, Bluthochdruck oder Bewegungsmangel chronische Entzündungen auslösen: "Es läuft dann derselbe Verteidigungsmechanismus des Körpers ab wie bei einer Infektion oder einer Verletzung." Das Abwehrsystem des Körpers kommt in Gang, Abwehrzellen versuchen die Ablagerungen zu bekämpfen. "Das kann dazu führen, dass die Plaques aufreißen und sich im Blutgefäß ein Blutpfropfen, ein Thrombus, bildet." Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Folge sein.

Cholesterinsenker sind eine etablierte Behandlung – doch Libby verfolgt noch einen anderen Ansatz: "Wir wollen mit Medikamenten direkt den Entzündungsprozess blockieren – so wie das die Rheumatologen machen." Denn eines sei für ihn klar: "Zusätzlich zur Lebensstiländerung und den Cholesterinsenkern brauchen wir in Zukunft neue Therapien gegen die Arteriosklerose."