Wissen und Gesundheit
12.11.2017

Warum spielen für Kinder so wichtig ist

Die wichtigste Aufgabe, die Kinder haben, ist spielen. Denn es ist soziales Lernen, betonen Experten.

Faszinierend. Seit Minuten herrscht Ruhe im Kinderzimmer, nur das tiefe Atmen der Geschwister ist hörbar. So ist das, wenn sich die zwei ins Spiel vertiefen. Jedes für sich.

Diesmal sind es bunte Bauklötze, die sie stapeln, umschmeißen, betrachten, befühlen. Und mit denen sie schließlich fröhlich und schon etwas lauter so viel Spaß haben, dass die Zeit ganz langsam vergeht. Über den Wert solcher Momente hat Autorin Astrid Lindgren in ihrem Buch "Das entschwundene Land" – eine Hommage an ihre Kindheit – geschrieben:

Wir spielten und spielten und spielten

Gewiß wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten, so daß es das reine Wunder ist, daß wir uns nicht totgespielt haben. Wir kletterten wie die Affen auf Bäume und Dächer, wir sprangen von Bretterstapeln und Heuhaufen, daß unsere Eingeweide nur so wimmerten, wir krochen quer durch riesige Sägemehlhaufen, lebensgefährliche, unterirdische Gänge entlang, und wir schwammen im Fluß, lange bevor wir überhaupt schwimmen konnten.

"Die Arbeit des Kindes"

Seelennahrung: nicht mehr, nicht weniger ist das Spiel für das Kind. Oder, wie es die Wiener Psychotherapeutin Martina Bienenstein beschreibt: "Das Spiel ist die Arbeit des Kindes. Ohne Spiel gibt es keine Entwicklung, über das Spiel kommen Kinder ins Leben und lernen dabei alles, was sie dafür brauchen. Es ist soziales Lernen." (siehe Interview unten) Das beginne bereits bei ganz einfachen Handlungen – etwa, indem ein Baby seine Hand in den Mund tut, seine Finger betrachtet oder in weiterer Folge Dinge auf den Boden wirft, in der Hoffnung, dass sie jemand aufhebt und so erkannt wird, was man vom Erwachsenen will. "Dabei nähert sich das Kind in kleinen Schritten zu einer Erfahrung dessen, was es will, was andere wollen und wie wir denn da miteinander tun." Es ist sogar ein Spiel, wenn Kinder im Kindergarten gemeinsam den Tisch aufdecken.

Freies Erfahren

"Kinder können im Spiel Spaß und Lebendigkeit, Erfolgserlebnisse, Enttäuschungen, Überraschungen, Stärke, Schwäche, ein Miteinander, ein Gegeneinander erleben. Sie können ausprobieren, erfinden, gewinnen, verlieren, fantasieren", sagt auch Emil Ivanovski, Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Linz (praxis-rundherum.at). Gefühle wie Freude, Ärger, Spannung, Angst, Entspannung, Wut, Spaß, Ekel, Stolz, Trauer, Mut und viel mehr können im Spiel frei erfahren werden.

Stichwort Freiheit: "Nicht was Kinder spielen, sondern wie und unter welchen Umständen, ist für ihre Entwicklung wichtig", erläutert der Therapeut. Dabei müssten sich die Kinder möglichst frei fühlen können – auch in der Auswahl der Spiele: "Ein gutes Spiel braucht nicht gekauft oder neu zu sein, Kinder finden und erfinden Spiele und Spielgeräte zu Hause und in der Natur. Das Erfinden von Spielen kann ein wichtiger Entwicklungsprozess für lustvolles und erlebnisnahes Spielen sein. Wer kreativ sein darf, kann sich selbst und die eigenen Bedürfnisse besser wahrnehmen und Selbstbestimmung üben", sagt Ivanovski.

Kindern vertrauen

Dafür braucht es vor allem Zeit und seitens der Erwachsenen den Mut und die Muße, dafür Platz zu schaffen. Speziell jetzt, wo es en vogue ist, sogar den Kleinsten einen vollen Terminkalender umzuhängen, ganz im (gut gemeinten) Sinne rundumfassender Frühförderung.

"Erwachsene können Kinder in ihrer Entwicklung fördern, indem sie ihnen genügend Freiraum zum Spielen gewähren und indem sie sich daran erfreuen, dass Kinder spielen. Wir können darauf vertrauen, dass Kinder eine Art innere Antriebsfeder zur gesunden Entwicklung besitzen. Wir können beitragen, indem wir mitspielen, Zeit zur Verfügung stellen und unsere Aufmerksamkeit dem Kind und seinen Gefühlen und Ideen widmen", sagt Ivanovski.

Zum guten Gelingen dessen gehört aus Sicht Bienensteins aber auch die Empathiefähigkeit der Eltern oder anderer Bezugspersonen. Da wird nicht bewertet, sondern das Tun des Kindes empathisch kommentiert, indem man dem Kind einfach nur seine Stimmung widerspiegelt, etwa: "Dir gefällt es aber heute, mit Blau zu malen." So fühlt sich das Kind gesehen, bestätigt und angenommen und erfährt das so Wichtige: "So wie ich mache und so wie ich bin, ist es gut."

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Wie Spiele entwickelt werden

Es gibt eine Verinselung der Kinderwelt

KURIER: Wie wichtig sind Gesellschaftsspiele oder Kartenspiele für die Entwicklung von Kindern?
Martina Bienenstein: Die sind schon sehr nett, aber man muss gleichzeitig darauf schauen, wie das Kind damit umgehen kann. Das ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. So unterschiedlich, wie manche sauber werden, so unterschiedlich, wie sie lernen, ihre Frustrationstoleranz kontrollieren zu können. Gerade bei Brettspielen geht es darum, das zu lernen. Sich an Regeln zu halten und verlieren zu können. Das können viele Kinder ganz lange nicht.

Wie lernen sie das dann?
Das lernen Kinder nur dann, wenn ich als Erwachsener viel empathisches Verhalten aufbringe, wenn das Kind verliert. Sonst wird es in die Verweigerung gehen. Im Elterncoaching höre ich oft: „Mein Kind kann nicht verlieren, das muss es ja können.“ Da geht es darum zu verstehen, dass es im Moment nicht geht. Und es noch schwer fällt, zu verlieren. Es braucht den richtigen Rahmen. Wenn ich dem Kind als Eltern oder Pädagogin dauernd sage, du brauchst nicht weinen, denn verlieren muss man können, ist das falsch. Das Kind wird außer Frustration nichts erleben.

Man hat heute den Eindruck, dass es Eltern schwer fällt, Kinder spielen zu lassen. Stattdessen wird die Zeit mit Kursen verplant.
Ja, es gibt eine Verinselung der Kinderwelt. Eine Studie aus Deutschland besagt, dass Kinder elf Minuten pro Tag reinen Kontakt mit den Eltern haben, wenn die Mutter berufstätig ist, bei Nicht-Berufstätigen sind es 30 Minuten. Und die Kinder nicht zum Spielen kommen, weil sie dauernd von A nach B gebracht werden, mit dem Auto, um sie in irgendwelche Kurse zu setzen, Reiten, Englisch, etc. Man weiß nun aber, dass Bildung und die Vernetzung der Gehirnhälften nur dann möglich wird, wenn ich Kindern Zeit gebe, kreativ zu sein und sie dabei von Erwachsenen empathisch begleitet werden.

Dafür brauchen Eltern Vertrauen?
Ja, Vertrauen, dass sich das Kind entwickelt. Im Wortsinn. Sie brauchen aber auch die Nerven, das Kind zu lassen. Ich war erst unlängst bei einem Vortrag, da wurde Folgendes erzählt: Ein zweieinhalbjähriger Bub hat zwei Monate lang hingebungsvoll nur mit blauer Farbe gemalt. Dann hat er plötzlich gesagt: „Jetzt grün“. Wie großartig ist es, dass sich ein Kind auf diese Weise mit einer Sache so intensiv auseinandersetzen darf?

Info: www.mychild.at