Wird ein Burn-out früh erkannt, sind auch die Therapiekosten geringer

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06/01/2016

Warum es auch für die Psyche zwei Klassen gibt

Zu wenig Kassen-Psychotherapie. Bei Kindern auch andere Therapien begrenzt.

von Ernst Mauritz

"Psychotherapie: Die ist in Österreich ein eklatanter Fall von Zweiklassenmedizin", sagt Wolfgang Schimböck, Psychotherapeut in Linz und Wien: Versicherte der Bauernkrankenkasse (SVB) bekommen für eine privat vorfinanzierte Psychotherapiestunde (Kosten ca. 80 bis 100 Euro) einen Zuschuss von 50 Euro. Bei der Versicherungsanstalt der öffentlich Bediensteten (BVA) sind es 40 Euro, bei jener für Eisenbahn und Bergbau (VAEB) immerhin noch 29 Euro.

"Von den neun Gebietskrankenkassen und der SVA (Versicherung der selbstständig Erwerbstätigen) gibt es allerdings nur einen Zuschuss von 21,80 Euro – und das unverändert seit 1992."

Und das ist deshalb besonders gravierend, sagt Schimböck, "weil die kostenfreie Psychotherapie auf Krankenschein" extrem limitiert ist: "Sie ist in jedem Bundesland von den Kassen anders geregelt, kann aber insgesamt gerade einmal von etwa 50.000 Patienten in Anspruch genommen werden." Je nach Bundesland und Bezirk betragen die Wartezeiten bis zu einem Jahr. Eine Ausnahme besteht bei Kindern und Jugendlichen in Niederösterreich: Dort gibt es für sie seit April 2015 keine Kontingentierung mehr.

900.000 Österreichern werden jährlich Psychopharmaka verschrieben: "Mindestens einem Viertel von ihnen würde auch oder zusätzlich Psychotherapie helfen."

Tatsächlich erhalten in Österreich jährlich nur 90.000 Menschen eine Psychotherapie: "In unseren Nachbarländern sind es – in Relation zur Bevölkerung – drei Mal so viele." Dabei liege gerade in der Prävention eine Stärke der Psychotherapie.

60.000 Plätze fehlen

"In Österreich fehlen insgesamt 60.000 bis 80.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Kinder und Jugendliche – nicht nur Psychotherapie, auch funktionelle Therapien wie Physio- und Ergotherapie sowie auch Logopädie", sagt der Kinderarzt Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit.

Großer Bedarf bestehe bei schweren Sprachentwicklungsstörungen, Autismus oder auch Wahrnehmungsprobleme. "Bei chronischen Krankheiten sind dann schnell monatlich 200 bis 300 Euro an Kosten selbst zu zahlen – auch wenn ein Teil von den Kassen rückerstattet wird." Bei Hilfsmitteln wie zum Beispiel Schienen bei Lähmungen könnten die Kosten noch viel höher sein. In Deutschland seien längst alle Kindertherapien kostenfrei, auch in Vorarlberg wird nur mehr ein kleiner Anerkennungsbeitrag verlangt: "Wenn man ein Jahr auf eine Therapie warten muss – und in vielen Ambulatorien ist das der Fall – ist das Risiko groß, dass Entwicklungsfenster versäumt werden. Und die Behandlungskosten werden später auch höher."

Dies gelte besonders auch für traumatisierte Flüchtlinge: "Wenn ich will, dass sie eine eigene Identität entwickeln können, dass sie sich gut integrieren können, muss ich ihnen frühzeitig helfen. Eine Psychotherapie zum Beispiel darf man dann nicht als Kostenfaktor sehen – sondern muss sie als wichtige Investitionen in die Zukunft betrachten, die langfristig das Vielfache an Gewinn abwirft."

Donnerstag: Milliardengrab Krankenhaus Nord

Nach wie vor zu wenige Kassenpsychiater und Spitalsbetten

Der Kinder- und Jugendpsychiater Univ.-Prof. Andreas Karwautz ist Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

KURIER:In der Kinderpsychiatrie werden seit Jahren Versorgungsmängel im öffentlichen Gesundheitssystem beklagt. Hat sich etwas verbessert?
Andreas Karwautz:2013 gab es in Österreich 13 Kassenstellen für niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater, heute sind es 26. Es geht also etwas voran, es sollten aber 106 sein, wenn man internationale Vergleichszahlen heranzieht. Diese sehen einen Facharzt auf 80.000 Einwohner vor. Und es gibt gravierende regionale Unterschiede: Niederösterreich und Wien haben je sechs niedergelassene Kassen-Kinderpsychiater. Aber Wien ist eine Großstadt mit entsprechend mehr sozialen Problemen, da herrscht also ein Ungleichgewicht. Ganz schlecht sieht es bei der Versorgung mit Tageskliniken aus, die es in Österreich praktisch nicht gibt – entgegen internationaler Trends.

Und der stationäre Bereich?
Vorarlberg ist das einzige Bundesland in Österreich, das die Vorgaben des Österreichischen Strukturplans Gesundheit (ÖSG) erfüllt. In Wien haben wir derzeit 56 Betten auf Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Um die untere Grenzen der Vorgaben zu erfüllen – 0,08 Betten auf 1000 Einwohner – müssten es 110 Betten sein, für die obere Grenze – 0,13 Betten pro 1000 EW – an die 140. Da ist aber die besondere Situation Wiens noch gar nicht einberechnet, und auch nicht der Bevölkerungszuwachs durch die Zuwanderung. Wobei es nicht nur die fehlenden Betten sind: Kinderpsychiatrie gilt offiziell als Mangelfach, dadurch können jetzt dank einer Verordnung der Ärztekammer und der Ärztegesetznovelle 2015 mehr Kinderpsychiater ausgebildet werden. Aber dafür müssten die Länder auch die Ausbildungsstellen finanzieren – und da fehlt es teilweise noch an Bereitschaft.

Wie viele Kinder benötigen überhaupt eine Therapie wegen einer psychischen Erkrankung?
Exakte Zahlen für Österreich gibt es noch nicht. Wir gehen davon aus, dass längerfristig bei rund 22 Prozent ein Behandlungsbedarf besteht – nicht alles durch Kinderpsychiater, auch durch Psychologen und Psychotherapeuten. Eine wirklich akute Notwendigkeit für eine Behandlung besteht bei rund 14 Prozent – das reicht von Depressionen über Essstörungen bis hin zu Angstzuständen.

Wie wirkt sich der Mangel an Kinderpsychiatern aus?
Sie müssen v. a. Basisversorgung machen, alle Kinder betreuen, die kommen. Spezialangebote z.B. im Bereich Essstörungen oder ADHS sind nur sehr eingeschränkt möglich, da die Basisversorgung alle Ressourcen verbraucht. Der Mangel drückt das Behandlungsniveau.