Wissen
22.10.2018

Warum diese Bilder der Republiksgründung bisher unbekannt waren

1918 dokumentierten Fotografen erstmals einen Regimewechsel mit Kameras. Das Wien Museum zeigt die lange verschollen Bilder.

Nein, von ihm gibt es kein Foto. Viel lieber stand Richard Hauffe hinter der Kamera. Am 12. November 1918 hat der 40-jährige Autodidakt seinen klobigen Apparat ins oberste Stockwerk des Wiener Palais Epstein geschleppt und die Menschenmenge, die sich vor dem Parlament versammelt hatte, in ihrer eindrucksvollen Größe aus der Vogelperspektive eingefangen. Bis heute ist das so entstandene Foto (unten) das bekannteste von der Ausrufung der Republik Österreich vor 100 Jahren.

Es liegt – freilich ohne Fotocredit – in der Nationalbibliothek, aber niemand hat sich bisher die Mühe gemacht, nachzuforschen, wer der Fotograf war und welche Geschichte dahinter steckt.
Anton Holzer hat es jetzt getan: Für ein Forschungsprojekt zur Republiksgründung hat sich der bekannte Fotohistoriker durch das Bildarchiv des Wien Museums gewühlt. Dabei  ist er auch auf Fotos gestoßen, die selbst Historikern völlig unbekannt sind und die wir Ihnen erstmals zeigen können.

„Es ist wirklich eine  Sensation. Umso mehr, als die Bilder ja nicht versteckt waren“, sagt Holzer. „Sie liegen seit 90 Jahren im Fotoarchiv des Museums und wurden zum Zehn-Jahres-Jubiläum der Republik angekauft – noch beim Fotografen selbst. Hauffe war der wichtigste Fotograf des gesellschaftlichen Umbruchs, der die meisten, und wie ich finde, interessantesten Bilder dieser Epoche gemacht hat“, erzählt Holzer im Interview mit dem KURIER.

Chronist des Wandels

Bemerkenswert:  Richard Hauffes   Karriere begann mit dem Umbruch. Die ersten Bilder, die er in Illustrierten publizierte, stammen von Tag 1 der Republik, also dem 12. November 1918.

150 Fotos wurden angekauft, die letzten aus 1930, erzählt Holzer. Etwa 40 aus der Zeit der Republiksgründung werden ab 25. Oktober im Wien Museum unter dem Titel „Die erkämpfte Republik“ gezeigt.

Von 25. Oktober 2018 bis 3. Februar 2019 zeigt das Wien Museum Karlsplatz in einer Fotoausstellung großteils unbekannte Bilder aus der Anfangszeit der Republik. Der Katalog zu Ausstellung ist bei Residenz erschienen (25 €).

Im Mittelpunkt der Schau steht das kleine, aber wichtige Werk des bedeutendsten Fotografen der Umbruchszeit, Richard Hauffe (1878–1933). Zwar ging Hauffes fotografischer Nachlass wie jener vieler seiner Kollegen in den Wirren der Zwischenkriegszeit verloren, doch ein Konvolut hat sich im Wien Museum erhalten.

Fotohistoriker Anton Holzer hat Hauffes Biografie recherchiert. „Was ich bis heute nicht herausgefunden habe, ist, was er vor 1918 gemacht hat. Besonders interessieren würde mich, ob noch irgendwo  Abzüge seiner Fotos existieren.“ Auch private Fotos rund um die Republiksgründung sind willkommen.

Infos bitte an:

holzer.anton@aon.at
www.anton-holzer.at

Die wiederentdeckten Augenzeugen des Umbruchs erlauben einen neuen Blick auf die Stunde Null: „Es gab nie zuvor einen Regimewechsel, der sich vor den Augen der Kameras abgespielt hat“, sagt Holzer. „Jetzt sind die Kameras da und schauen zu, wie der Kaiser geht und das demokratische Regime kommt.“

Den Titel „Erkämpfte Republik“ habe man  gewählt, „weil oft der Eindruck entsteht, dass die Monarchie nahtlos in die Republik überging und es nicht anders hätte kommen können“, sagt der Historiker. Aber das stimmt überhaupt nicht. „Reformen, die wir für selbstverständlich halten, sind nicht vom Himmel gefallen, sondern wurden hart erkämpft. Es ist der Anfang eines politischen Aushandlungsprozesses, der ganz stark auf den Straßen stattgefunden und sich bis Mitte 1919 hingezogen hat.“

 

Aufmarsch der Arbeiterräte vor dem Parlament 1919

Die Fragen in diesen Tagen: Wird es die Republik? Kommt der Kaiser wieder? Geht es in Richtung Räterepublik? Holzer: „Ja, es verlief relativ unblutig, aber es war ein gewaltiger Umbruch.“

Schmales Zeitfenster

Gute zwölf Monate, von Oktober 1918 bis Ende 1919, dauerte die politisch turbulente Epoche, in der in Österreich, so wie in vielen anderen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, die politischen Weichen neu gestellt wurden. Genau dieses schmale Zeitfenster steht im Zentrum der Fotoausstellung, die die „große Politik“ und die Welt der „kleinen Leute“ miteinander verschränken möchte. Daher kommen neben  Berühmtheiten wie  Stefan Zweig, Joseph Roth oder Sigmund Freud auch die Ziegelarbeiterin Marie Toth oder der Facharbeiter Albert Lang zu Wort, die ihre Eindrücke in Tagebüchern, Briefen oder Erinnerungen festgehalten haben.

Immer mit dabei waren auch die Fotojournalisten. Wobei: In den ersten Novembertagen war das im Krieg etablierte System des Bildervertriebs über das k.u.k. Kriegspressequartier innerhalb weniger Tage zusammengebrochen. Um diesen Verlust zu kompensieren, musste rasch Ersatz gefunden werden. Daher schaltete die  Illustrierte Wiener Bilder zwei Tage vor der Ausrufung der Republik  eine Annonce, in der  Amateurfotografen eingeladen wurden, Bilder von den aktuellen Ereignissen einzuschicken. Geboten wurde eine „sehr gute Honorierung“. Holzer vermutet, dass Richard Hauffe einer derjenigen war, die sich meldeten.

Die Fotojournalisten

So viel hat der Fotohistoriker mittlerweile herausgefunden: „Hauffe, sicherlich ein politischer Mensch, hat in der Wiener Neustiftgasse 78 im 3. Stock gewohnt. Dort hat er seine Bilder wohl im Badezimmer entwickelt und ist dann damit bei den Zeitungen hausieren gegangen.“

Es gab eine ganze Reihe von Fotojournalisten, die die Ereignisse 1918 dokumentiert haben: Da waren Carl Seebald, Charles Scolik jun., Josef Perscheid, Heinrich Schuhmann jun. und sein Bruder Ludwig, beide jahrelang als Leibfotograf Kaiser Karls I. tätig. „Sie alle brauchten Zeit, den Machtwechsel zu verdauen, haben  sie doch  zuvor als Kriegsfotografen gearbeitet“, sagt Holzer. „Hauffe aber war ein republikanischer und demokratischer Fotograf, der das Militär und die damit verbundene Zensur nicht kennengelernt hat.“ Sein  Blick auf den großen Wandel sei also viel freier gewesen.

Während die anderen Fotografen einfach bei den Demos mitgegangen sind  und aus Augenhöhe abdrückten, hat Hauffe sich interessante  Kamerablickwinkel gesucht. Holzer: „Er hat  sich ein paar Tage, nachdem  Kaiser Karl Wien den Rücken gekehrt hatte, – mit unheimlichem Gefühl für Symbolik – vor das Schloss Schönbrunn gestellt und das verschlossene, von der republikanischen Volkswehr bewachte Tor fotografiert.“ (Siehe Bild unten)

Diese Gefühl für den Moment hat sich gelohnt: „Hauffe ist derjenige, der als Neuling die allermeisten Fotos in den Zeitungen unterbrachte.“ Holzer weiß das deshalb so genau, weil er für die Ausstellung alle Zeitungen der Umbruchszeit analysiert hat. „Die Republik startete als Mediengesellschaft. Die Zeitungen – in der Monarchie konservativ – werden von Woche zu Woche liberaler und aufgeschlossener für neue Ideen wie das Frauenwahlrecht.  Medienfreiheit und Versammlungsfreiheit kamen mit der Republik.“

Apropos Demos

„Bis zum November 1918 war es absolut unmöglich, dass in Wien Demonstrationen stattfanden, das wäre nie genehmigt worden. Und plötzlich gehen die Leute auf die Straße – und nicht nur die Männer.“ Holzer hat Hauffes berühmtes Bild der Republiksausrufung mit dem Mädl  im Vordergrund (siehe unten) mit der Lupe analysiert:

 

„Diese Frau hält etwas in der Hand – vielleicht ein Extrablatt. Und sie ist nicht die einzige Frau im Bild. Die Botschaft dahinter: Jetzt gehen auch die Frauen auf die Straße und informieren sich  mit Hilfe der neuen Medien.“

Sogar der Zeitpunkt der Republiksausrufung hat etwas mit Fotografie zu tun, berichtet der Historiker: Es war Mitte November und dementsprechend früh dunkel. Also hat Karl Renner, Kopf der Kundgebung, darauf geachtet, dass die Veranstaltung spätestens um 17 Uhr zu Ende ist. „Einerseits wollte man alles geordnet über die Bühne bringen und keine 300.000 Leute bei Nacht auf der Straße haben“, sagt er. „Andererseits hatten Kameraleute und  Fotografen nur dann eine Chance zu ihren Bildern zu kommen, wenn es hell war.“

In den Monaten danach brachten internationale Hilfsprogramme (siehe Bild oben) langsam Linderung für die von Hunger und Not gebeutelte Bevölkerung:  Der erste Lebensmittelzug für das hungernde Wien rollte Ende Dezember 1918 ein, er kam aus der Schweiz.

 

Im Februar 1919 reisten Zehntausende Wiener Kinder  mit Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen zur Erholung ins Ausland, nach Dänemark, Norwegen, Schweden, England, in die Niederlande, nach Spanien, Italien, Deutschland und in die Schweiz (siehe Bild oben). Was die Fotojournalisten der jungen Republik selbstverständlich dokumentierten.

Neue Epoche

Während der ersten Monate der jungen Republik wurden weitreichende Sozialreformen umgesetzt, die die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen verbesserten. Mitte 1919 hatte sich die politische Situation in Österreich einigermaßen stabilisiert, erstmals machte sich zaghafte Hoffnung breit – und das spiegelt sich auch in der Fotoberichterstattung der Illustrierten wider:

Im Sommer 1919 lichtete der junger Sportfotograf  Lothar Rübelt drei Wurfathletinnen des Wiener Damensportvereins Danubia in kurzen Hosen und mit entblößten Beinen ab (Bild oben). Etwas, das vor dem Krieg vollkommen undenkbar gewesen wäre. Jetzt kündigte das Bild eine neue Zeit an.