Vor Weihnachten: Mehr schlafen, weniger hetzen

Die Adventhektik widerspricht völlig den Bedürfnissen unseres Körpers.

Sehnsucht nach Ruhe, Stille, Innehalten - laut Umfragen ist das für immer mehr Menschen der größte Wunsch in der Vorweihnachtszeit. Doch die Realität ist eine andere: Jeder Zweite bis Dritte - die Werte variieren je nach Umfrage -  fühlt sich in der Vorweihnachtszeit massiv gestresst und unter Druck. Zeitmangel ist dabei einer der Hauptfaktoren. Ein Viertel der Österreicher verwendet für den Weihnachtseinkauf mehr als fünf Tage, ein Drittel benötigt dafür zwei bis drei Tage und nur elf Prozent trotzen dem Weihnachtsstress und kaufen gar nichts. Der Rest benötigt vier bis fünf Tage oder kauft alles auf einmal ein. Frauen empfinden laut einer GfK-Umfrage auch die seelische Belastung als besonders groß: Sie wollen es allen Verwandten recht machen und haben gleichzeitig das Gefühl, dass ihr Einsatz von der Familie nicht ausreichend anerkannt wird. Auch Männer fühlen sich belastet - aber sie neigen wie so oft zu leichten Übertreibungen, wenn es um ihre Leiden geht. Das hat eine Umfrage in London ergeben (das Bild zeigt die Londoner Oxford Street voll mit Menschen auf der Jagd nach Weihnachtsgeschenken). Denn in einer Umfrage sagte jeder zweite Londoner: Der Einkaufsstress zu Weihnachten sei fast genauso schlimm wie der Stress, der ensteht, wenn einen die Freundin verlässt. Und je näher Weihnachten heranrückte, umso schlechter sei ihre Stimmung - bei gleichzeitigem messbaren Anstieg der Herzschlagrate. "Im Weihnachtsfest drückt sich auch die Sehnsucht nach Ruhe, Begegnung, Gemeinschaft und Lebenssinn aus - die Grundnahrungsmittel unserer Seele", sagt die Psychotherapeutin und Burn-out-Spezialistin Lisa Tomaschek-Habrina, Leiterin des Institut Ibos für Burn-out und Stressmanagement in Wien. "Aber wie soll sich die Seele einklinken, wenn wir erst am 24.12. herunterschalten? Eine solche Vollbremsung führt - wie beim Autofahren - unweigerlich zu einem Rückschlag", betont Tomaschek-Habrina. "Der Advent ist eine Stressfalle", betont der Neurologe und Burn-out-Spezialist Univ.-Prof. Wolfgang Lalouschek. "Denn es entsteht so etwas wie eine kollektive Beschleunigung", erklärt der Leiter des Gesundheitszentrums The Tree in Wien. Wenn unser Gehirn sehr viele Menschen wahrnimmt, die hektisch, nervös und unter Stress sind, versetzt das auch einen selbst ganz unbewusst in ein hektisches Gefühl. Dabei hat gerade in der lichtarmen Zeit der Organismus ein Ruhebedürfnis. Und von der Steinzeit an war im Winter weniger zu tun: Die Vorräte waren angelegt, tagsüber saß man in der Hütte, weil man draußen nichts erledigen konnte. Die Adventhektik sei völlig gegen die Bedürfnisse des Körpers gerichtet - "wie wenn ich einen Bären nicht seinen Winterschlaf halten lasse", sagt Lalouschek. Durch die Kälte und andere Faktoren ist im Winter auch das Blut etwas dickflüssiger. Lalouschek: "Das erhöht die Gefahr einer Gerinnselbildung und kann bei Dauerstress auch einen Herzinfarkt begünstigen." Deshalb sei es wichtig, sich immer wieder auf sich selbst zu besinnen und sich Pausen und Momente der Ruhe zu gönnen, erklärt der Neurologe. "Für effektive Auszeiten braucht es gar nicht viel Aufwand", sagt die Arbeitspsychologin Daniela Reiter. "Bereits 15 Minuten pro Tag reichen. Denn schon die Tatsache, etwas bewusst für sich zu tun, löst in Kopf und Bewusstsein viel aus." Lalouschek empfiehlt eine einfache Regel: Die Erledigung von 20 Prozent der wichtigsten Dinge führt zu 80 Prozent der maximalen Zufriedenheit. Die restlichen 80 Prozent an Erledigungen bringen nur 20 Prozent mehr Zufriedenheit. Das bedeutet: Sich überlegen, welche Dinge wirklich wichtig sind und sich nicht mit vielen kleinen Sachen zerstrudeln. Leicht gesagt - aber wie macht man das? Ein Hilfsmittel ist, sich Listen zu machen und Punkte zu vergeben - fünf Punkte für sehr wichtige Dinge, einen Punkt für die Unwichtigsten. Ein weiterer Ansatz: Befreien und lösen Sie sich von - teils bewussten, teils unbewussten - stressverschärfenden Denkmustern, wie etwa einem sich selbst auferlegten Perfektionismus. Überdenken Sie gerade auch in den kommenden Tagen ihren Umgang mit der elektronischen Post. Eine Studie der Universität von British Columbia (Kanada) hat 124 Studienteilnehmer in zwei Gruppen geteilt: Die eine konnte ihre eMails weiterhin so oft checken wie sie das immer tat. Aber die andere musste sich für eine Woche auf drei Mal am Tag beschränken. Ergebnis: "Die Studienteilnehmer, die ihre eMails nur dreimal am Tag abriefen, haben sich deutlich weniger unter Druck gefühlt", so Studienleiter Kostadin Kushlev. Sein neues Motto für den Umgang mit seinen Eingangsnachrichten: "Check less to reduce email stress." Versuchen Sie auch, Ihr Mobiltelefon einmal außerhalb Ihrer Sichtweite zu legen, bevor Sie sich zum Beispiel zu einer Adventjause zusammensetzen: Denn laut einer neuen Studie der University of Southern Maine (USA) stört die bloße Präsenz eines Handys die Aufmerksamkeit  und die Qualität eines Gespräches. Versuchen Sie auch einmal, ganz bewusst früher schlafen zu gehen: Laut einer Studie der Binghamton University in den USA können dadurch negative Gedanken reduziert werden, die Studienteilnehmer fühlten sich zufriedener. Um also das sogenannte Weihnachts-Burn-Out zu vermeiden sollte man rechtzeitig die Notbremse ziehen, rät auch der  Psychologe Cornel Binder-Krieglstein. "Sie müssen in sich hineinhören, um nicht auf den Mainstream des Geschenkewahns hereinzufallen."
(KURIER) Erstellt am
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