So läuft der Faktencheck für Ernährungsmythen

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Experten überprüfen den Wahrheitsgehalt von populären Meinungen rund um Essen und Trinken.

Kuhmilch für Babys? Petroleum, um Krebs vorzubeugen? Oder bestimmte Vitaminpräparate, die das Leben verlängern sollen? Fast täglich ist Univ.-Prof. Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems mit derartigen Anfragen konfrontiert. „Manche Mythen kommen immer wieder und sind nicht auszumerzen.“

Wenn es um Ernährung geht, spielen Halbwahrheiten und angebliche Hilfsmittel eine so große Rolle wie bei kaum einem anderen Thema. Die alltägliche Informationsflut durch Internet und soziale Medien hat dies noch verschärft. Suchmaschinen liefern auf die Anfrage „gesunde Ernährung“ rund vier Millionen Treffen. „Was davon tatsächlich wahr ist, ist aber oft nur schwer zu überprüfen“, betont Gartlehner. Er leitet an der Donau-Uni die österreichische Außenstelle des unabhängigen Forschungsnetzwerkes Cochrane Collaboration und betreut die Service-Plattform medizin-transparent.

Informationsbedürfnis

Das Informationsbedürfnis in der Bevölkerung ist extrem gestiegen. „Rund 60 Prozent aller Anfragen betreffen Ernährung und Nahrungsergänzungsmittel“, sagt medizin-transparent-Koordinator Bernd Kerschner. Gemeinsam mit dem Verein für Konsumenteninformation haben die Experten nun 100 häufig angefragte Ernährungsmythen objektiv und streng wissenschaftlich geprüft. „Wichtig ist, nicht einige opportune Studien heranzuziehen, sondern immer die Gesamtheit aller wissenschaftlichen Veröffentlichungen anzuschauen.“ Möglich ist das durch das Cochrane-Netzwerk, das Zugang zu mehreren Tausenden Analysen liefert.

Zwei Millionen medizinische Artikel pro Jahr

Jährlich erscheinen mehr als zwei Millionen medizinische Artikel in mehr als 25.000 medizinischen Fachzeitschriften. Die Studienlage zur eingangs erwähnte Meinung über Kuhmilch, die für Babys nicht schädlich sein soll, ist beispielsweise sehr eindeutig, betont Gartlehner. Im ersten Lebensjahr sollte sie aus mehreren Gründen vermieden werden. „Kuhmilch enthält drei Mal so viele Proteine wie Muttermilch, das belastet die Nieren von Babys. Außerdem enthält sie zu wenig Eisen.“

Neues Buch: Gesundheitskompetenz stärken

Mit dem neuen Buch soll auch die Gesundheitskompetenz der Österreicher verbessert werden. VKI-Geschäftsführer Rainer Spenger: „Gesundheitsbezogene Aussagen sollten immer mit einer Portion Skepsis betrachtet werden.“ In einer europaweiten Befragung landete Österreich auf dem drittletzten Platz, 59 Prozent hatten Schwierigkeiten zu beurteilen, ob Gesundheits-Informationen in den Medien vertrauenswürdig sind. Das bedeutet für Gartlehner: „Gesundheitskompetenz ist hierzulande das Privileg einer kleinen Minderheit.“

Fundiertes Wissen, allgemein zugänglich

Fundiertes Wissen allgemein zugänglich zu machen, ist daher auch ein Thema für die Gesundheitspolitik. „Unabhängige und wissenschaftlich gesicherte Fakten sind entscheidend für optimale gesundheitsrelevante Entscheidungen“, betont Johanna Mikl-Leiter, niederösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreterin. Das Land NÖ unterstützt unter anderem medizin-transparent finanziell.

Warum gerade die Medien im Gesundheitsbereich neben Informationen auch für Verunsicherung sorgen, liegt für Bernd Kerschner auf der Hand. „Mit ein Grund ist, dass für Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmittel geworben werden darf, im Gegensatz zu Medikamenten.“ Formulierungen wie etwa „trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“ suggerieren eine besondere Funktion. „Da wollen wir den Konsumenten eine objektive Grundlage bieten, Aussagen zur gesundheitlichen Wirkung selbst überprüfen zu können.“

Buchtipp

100 Ernährungsmythen, Verein für Konsumenteninformation (Hg.), 19,90 Euro

Die Sprache von Wissenschaftlern in Studien ist oft schwer zu verstehen. Umso wichtiger ist es, Fakten in einer klaren und auch für Laien verständlichen Sprache zu vermitteln. Mehr als 400 Menschen haben in den vergangenen Jahren Anfragen zu Gesundheitsmythen an die Service-Plattform medizin-transparent an der Donau-Uni Krems gestellt.

Sie werden nach einem strengen Schema beurteilt. Auf die systematische Suche aller relevanten Studien in wissenschaftlichen Datenbanken folgt die Bewertung der Qualität von vorhandenen Studien zu einem Thema. Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und mehrmals geprüft, unter anderem auch von Medizinern.

( kurier.at ) Erstellt am 09.11.2016