Wissen und Gesundheit
13.06.2017

Einsamkeit wirkt sich auf das Verhalten aus

Es ist ein Teufelskreis: Jeder dritte Mensch fühlt sich alleine. Doch die Einsamkeit macht egozentrisch.

Solche Gäste lädt man lieber nicht mehr ein: Eine Freundin kündigt an, welche Speisen sie lieber nicht isst, möchte vorher abgeholt werden und scheint sich für die anderen nicht sehr zu interessieren. Man kann dieses Verhalten als egozentrisch verachten oder als schrullig belächeln. Wissenschaftlern zufolge hat es allerdings oft damit zu tun, dass die Person eigentlich einsam ist.

Psychologe John Cacioppo von der Universität Chicago beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema und fand heraus, welche Abwärtsspirale Einsamkeit auslösen kann. In einer umfassenden Untersuchung befragte er von 2002 bis 2013 Menschen im Alter von 50 bis 68 Jahren. Wer kontaktarm war, wurde nachweislich selbstbezogener und interessierte sich zunehmend nur für sich. Wer sich so verhält, wird noch einsamer.

Kontrollfreaks

"So ein Verhalten kann mit dem Bedürfnis nach Kontrolle zusammenhängen, mit einem Wunsch zu manipulieren oder mit einer Unsicherheit", glaubt Beraterin Iris Lasta. Sie beschäftigt sich in ihrer Praxis viel mit dem Thema Einsamkeit. "Wenn jemand seine eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt, ist das manchmal ein Zeichen von Unsicherheit. Viele Menschen sind überfordert von ihrem Umfeld. Für introvertierte Menschen ist es schwierig in unserer extrovertierten Welt. Schüchternheit führt oft dazu, dass sich jemand weiter zurückzieht."

Psychologin Sabine Standenat erlebt in ihrer Praxis oft Egozentriker oder Menschen, die unter ihnen leiden: "Es hängt von den anderen Eigenschaften eines Egozentrikers ab, wie sozial er ist. Viele leben in Beziehungen und sind überhaupt nicht einsam." Sie sieht ein anderes Muster: "Es gibt eine große Angst vor Nähe, wenn man einmal verletzt wurde. Und die kann mit der Einsamkeit zusammenhängen. Da wirkt die Egozentrik wie eine Schutzfunktion. Wenn man sich unmöglich aufführt, kommt keiner zu nahe."

Wissenschaftler Cacioppo stellt sich die Frage, ob die Natur Einsamkeit als nützlich eingerichtet hat: "Kurzfristig ist Einsamkeit evolutionär sinnvoll, weil sie den Einsamen dazu bringt, seine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, und ihn motiviert, seine Sozialkontakte zu pflegen", schreiben Cacioppo und seine Kollegen im Psychologie-Fachmagazin Personality and Social Psychology Bulletin. "Langfristig ist sie aber schädlich – sowohl für die körperliche als auch für die geistige Gesundheit."

Ansprache gesucht

Nicht jeder Single fühlt sich einsam und nicht jeder Mensch in einer Paarbeziehung ist glücklich, betont der Forscher. "Man kann auch mit Menschen um sich herum ein ständiges Gefühl von Einsamkeit haben, weil die echte gegenseitige Ansprache fehlt. Denn darum geht es, nicht um Alltagsunterstützung oder bloß Gesellschaft." 30 bis 40 Prozent der Menschen fühlen sich einsam, bestätigen Cacioppos und andere Studien.

Während über die Einsamkeit älterer Menschen viel gesprochen wird, haben sich britische Forscher mit den Jungen beschäftigt. Einsamkeit tritt demnach oft im Alter zwischen 18 und 34 Jahren auf. Die Studie mit mehr als 2000 Personen zeigt den Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Schlafproblemen. Sie weist nach, dass einsame Menschen eher ermüden und Probleme haben, sich zu konzentrieren.

Forscher von der Universität Pittsburg warnen, dass sich "psychische Probleme und soziale Isolation unter jungen Erwachsenen verbreiten wie eine Epidemie", erklärt Studienleiter Brian A. Primack. "Teilnehmer, die am Tag mehr als zwei Stunden mit sozialen Medien verbrachten, fühlten sich doppelt so oft sozial isoliert wie Menschen, die dafür weniger als 30 Minuten pro Tag verwenden."

Das Internet sieht Einsamkeitsforscher Cacioppo nicht nur als Belastung, erklärte er im Interview mit dem Magazin The Atlantic: "Wenn man das Netz als Weg nützt, ist es ein Vorteil. Etwa um sich mit einer Gruppe etwas auszumachen oder auch für die Partnersuche. Aber nicht als Ziel: Dann ziehen sich Einsame ganz zurück."