Wissen 28.01.2015

Top-Krebstherapie in Gefahr

Wartezeiten werden immer länger. Ärztemangel gefährdet Qualität.

Maximal drei Tage mussten Frauen mit einer Brustkrebsdiagnose bisher auf einen Termin bei den Onkologen der MedUni Wien (AKH Wien) warten. "Jetzt sind es zehn bis 14 Tage. Sie können sich vorstellen, was das für die Betroffenen bedeutet", sagte Dienstag Univ.-Prof. Günther Steger, Chef der Brustkrebsforschung: "Und ich fürchte, dass es noch schlimmer werden wird. Wir können nicht mit eineinhalb Ärzten 40 Patienten an einem Tag qualitativ hochwertig versorgen."

Wiener Top-Onkologen warnten am Dienstag anlässlich des Welt-Krebstages (4.2. /Krebstag im Rathaus: 10.2.): Österreichs Spitzenplatz bei Krebsbehandlung und Krebsforschung sei ohne Aufstockung des Personals und ohne weitere Hilfestellung seitens der Regierung massiv gefährdet. "Wir haben das Interesse, dass die bisherige Qualität gewahrt bleibt, aber das ist schwierig, wenn die Ärzte nur mehr 48 Stunden arbeiten dürfen und es nicht mehr Ressourcen gibt", so Univ.-Prof. Christoph Zielinski, Koordinator des Comprehensive Cancer Center (CCC) von MedUni und AKH Wien sowie Begründer der Initiative "Leben mit Krebs".

Zielinski: "Wenn hier keine Qualitätssicherung stattfindet, sehe ich Österreich in der Provinzialität versinken." Bisher habe seine Klinik ein Prozent des weltweiten jährlichen Wissenszuwachses in der Onkologie produziert: "Mit einer Kürzung werden wir den Standard nicht halten können."

Vor zwei bis drei Jahren noch sei Österreich Europameister beim raschen Zugang für Patienten zu neuen Therapien gewesen. Der Grund: Da das AKH in viele internationale Studien eingebunden war, konnten Innovationen rasch den Patienten zur Verfügung gestellt werden. In anderen Ländern hingegen dauere das bis zu vier Jahre. Doch ohne ausreichendes Personal werde es nicht mehr möglich sein, an vielen Studien teilzunehmen: "Und der internationale Anschluss ist schnell verloren, innerhalb von ein bis zwei Jahren. Wenn wir uns jetzt abkoppeln, dann ist es vorbei", so Steger. Ein vorübergehendes Zurückschalten sei nicht möglich. "Wir haben keinen Mangel an Intellektualität. Wir haben einen Mangel an Ressourcen."

"Ein Rotorblatt"

Zielinski verwies darauf, dass innerhalb weniger Tage die Regierung ein "Sicherheitspaket" um einen dreistelligen Millionenbetrag beschlossen habe. Die Sicherheit der Krebspatienten sei aber mindestens genauso wichtig: "Wir hätten gerne ein Rotorblatt von einem Hubschrauber. Das würde uns schon helfen."

Der Onkologe will, wenn nichts anderes mehr hilft, eine Protesaktion starten: "Jedes Jahr erhalten in Österreich 35.000 Menschen die Diagnose Krebs, mit den Angehörigen sind jährlich einige Hunderttausend Menschen betroffen. Wenn die Politik nicht versteht, dass diese Patienten die beste Versorgung benötigen, werden wir diese gemeinsam einfordern müssen. Das kann eine Wahl entscheiden."

Univ.-Prof. Paul Sevelda, Präsident der Krebshilfe, forderte die gesetzliche Verankerung eines Teilzeitkrankenstandes: "Da tut sich zu wenig."

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Das Immunsystem gegen Krebs aktivieren

Dank neuer zielgerichteter Therapien sinkt trotz steigender Zahl der Krebsdiagnosen die Zahl der Todesfälle, betonten Dienstag nicht nur die Onkologen. Auch der Leiter des Instituts für Molekularbiologie, Josef Penninger (siehe Seite 22), sprach von großen Fortschritten. Etwa bei "Pillen gegen Metastasen", die die Funktion des Immunsystems ausnutzen, und deren Erfolgsquote Penninger "sprachlos macht, das ist unvorstellbar, sozusagen die Marslandung der Krebstherapie". Die "immune checkpoints", Bremsen im Immunsystem, regulieren die Dauer der körpereigenen Immunabwehr. Zwei dieser Bremsen wurden vom US-Immunologen Jim Allison nachgewiesen, "der dafür den nächsten Medizin-Nobelpreis gewinnen muss" – eine weitere Bremse, das Protein Cbl-b, hat die Penninger-Gruppe erforscht. Das zugehörige Medikament durchläuft gerade die erste Phase der klinischen Tests. "Am Ende wird es fünf bis sechs solcher Bremsen brauchen", sagt Penninger.

Früher war ein metastasierendes malignes Melanom "mehr oder weniger ein Todesurteil. Dann gab man dem Immunsystem eine Chance länger zu reagieren, und plötzlich war man bei einer 20-prozentigen Überlebensrate nach 5 Jahren". Im nächsten Schritt wurde die zweite Immun-Bremse abgeschaltet. Nun steht man bei Zwei-Jahres-Überlebensraten von 80 Prozent.

( Kurier ) Erstellt am 28.01.2015