Taktgefühl: Warum Tiere genauso schnell reden wie Menschen
Tiere sind durchaus kommunikativ. Orang-Utans kombinieren einzelne Laute zu silbenähnlichen Rufen und ergänzen sie durch Pfeiftöne und Quietschen. Flamingos unterhalten sich nasal hupend, grunzend bis knurrend. Piranhas bellen mit ihrer Schwimmblase, ihr schnappender Kiefer erzeugt Trommelwirbel unter Wasser. Heupferdchen wiederum reiben für ihre Gesänge den linken Vorderflügel an der Schrillkante des rechten Flügels.
Schweizer Studie berücksichtigt 98 Tierarten
Doch den Schweizer Wissenschaftlern ging es weniger um die animalische Lautsprache oder die Inhalte der Konversationen, sie wollten vielmehr zeitliche Muster in den akustischen Signalen herausfinden.
Nach der Analyse von rund 2.000 Tonaufnahmen, die sie von 98 Spezies in Archiven, öffentlich zugänglichen Datenbanken und auf Youtube gefunden hatten, kamen sie nun zu dem Schluss: Fast alle Tierarten bevorzugen einen ähnlichen Sprechrhythmus. Im Fachmagazin PLOS Biology veröffentlichten sie kürzlich auch ihre Vermutung, was hinter dem universellen Taktgefühl steckt.
Äußern sich Tiere lautstark, variieren sie dabei die Frequenz des Schalls, ihre Töne werden tief bis hoch. „Doch wie steht es um das Tempo? Passt es sich den Eigenschaften jeder Art an? Genau diese zeitliche Dimension wollten wir untersuchen“, erklärt Studienleiterin Anne-Lise Giraud von der Universität Genf in einer Aussendung.
Äußere Faktoren beeinflussten Sprechrhythmus kaum
Also entwickelten die Forschenden eine Methode, mit der sich der Rhythmus von Lauten standardisiert berechnen lässt. Sie belauschten 58 Vogelarten (darunter Adler und Höckerschwan), 28 Säuger (von Buckelwal bis Wanderratte), 4 Amphibien, 4 Insektenarten sowie 1 Reptil und 1 Fisch. Anschließend prüften sie, ob sich das Körpergewicht, das Lungenvolumen oder der Lebensraum zu Wasser, Land oder in der Luft auf das Tempo der Vokalisation auswirkte. Zudem berücksichtigten sie das Sozialleben.
Fast alle Spezies hielten einheitlich Takt
Doch keiner dieser Faktoren sollte die Sprechrhythmen entscheidend beeinflussen. „Bei 95 Prozent der Arten liegt die Rate zwischen 0,45 und 4,99 Lautäußerungen pro Sekunde, mit einer deutlichen Häufung um 2,8 Hz – eine überraschende Einheitlichkeit bei ansonsten so unterschiedlichen Tieren“, betont Studienerstautor Théophane Piette vom Departement für Neurowissenschaften. Waldspitzmaus und Grünbaumhopf reden deutlich schneller, Emu und Graubauchmurmeltier zählen zu den langsamsten. Der Mensch stellt keine Ausnahme der Regel dar.
Doch die Wissenschaftler hörten nicht nur die artübergreifende Sprechgeschwindigkeit heraus, sie fanden auch eine Erklärung: Die akustische Kommunikation ist an das Tempo der Gehirnschwingungen angepasst. Offenbar zwitschern, rufen, brüllen, singen Tiere, wie sie die Informationen kognitiv am besten verarbeiten können. Da sich der „optimale Rhythmus“ in allen Tierklassen findet, liegt er in der Evolution wohl weit zurück; im letzten gemeinsamen Vorfahren vor 340 Millionen Jahren.
Universelles Zeitmuster hilft Hirn und bei artübergreifender Kommunikation
„Der gemeinsame Rhythmus spiegelt möglicherweise nicht nur die Funktionsweise des Gehirns bei der Verarbeitung von Geräuschen und Lauten wider, sondern könnte auch eine Art universelle Synchronisation sein, die die Kommunikation zwischen Arten erleichtert“, überlegt Piette weiter und bringt ein Beispiel: Hunde verarbeiten menschliche Sprache im gleichen langsamen Rhythmus, und Menschen passen ihr Sprechtempo oft unbewusst an, wenn sie sich an den Vierbeiner wenden. Wuff.
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