Wissen und Gesundheit
27.11.2017

Warum der Beckenboden so oft Probleme macht

Tabuthema: Die Probleme treffen Frauen und Männer. In speziellen Zentren therapiert man fächerübergreifend.

Der Beckenboden wird nicht als Muskelgruppe wahrgenommen, seine Funktionen werden als gegeben hingenommen – bis Beschwerden auftreten. Diese können fatal sein, von Schmerzen beim Sex bis hin zu einer gestörten Funktion von Blase und Darm. Gerade beim tabubehafteten Thema Inkontinenz ist es wichtig, die Probleme fächerübergreifend zu beurteilen und zu behandeln.

Inkontinenz häufige Folge

Inkontinenz ist am häufigsten eine Folge von Beckenbodenschwäche. "Viele Betroffene glauben, sie sind alleine und schweigen aus Scham. Wir wollen Tabus aufbrechen, denn Beckenbodenschwäche ist kein Einzelschicksal", sagt Oberärztin Ingrid Haunold. Die Chirurgin leitet das Beckenbodenzentrum der Barmherzigen Schwestern Krankenhaus Wien in Kooperation mit der Gynäkologie im LK Lilienfeld. Es wurde nun von der Medizinischen Kontinenzgesellschaft (MKÖ) zertifiziert und ist damit neben dem AKH das zweite Zentrum in Wien.

Frauen häufiger betroffen

Vor allem Frauen sind durch ihre Anatomie stärker betroffen (siehe Grafik). "Neun von zehn haben Beschwerden. Dafür genügt bereits eine einzige schwere Geburt." Bei Männern wirke die Prostata eher unterstützend, "wie ein natürlicher Stoppel", erklärt Urologe Prim. Clemens Brössner. Mit dem Alter erschlaffen die Beckenbodenmuskeln wie andere Muskeln. Dennoch sei man nicht nur für ältere Patienten Anlaufstelle: "Ich hatte eine junge Patientin, die den Darmvorfall bereits seit ihrer Kindheit hatte", berichtet Haunold. Es handelt sich dabei um eine sogenannte idiomatische Beckenbodenschwäche. Auch Harn-Inkontinenz, etwa durch Stress, betrifft Männer und Frauen ab dem Alter von 40 Jahren, ergänzt Brössner.

Lebensqualität ist beeinträchtigt

Probleme mit Harn und Stuhl beeinträchtigen die Lebensqualität enorm. "Oft führt das zu einem gesellschaftlichen Rückzug. Daher ist es wichtig, schon auf die ersten Anzeichen zu reagieren", betont Haunold. Im Beckenbodenzentrum arbeiten sie und Brössner eng mit Spezialisten aus anderen Disziplinen – etwa physikalische Medizin, Gynäkologie, Internisten oder Gastroenterologen – zusammen. "Die Patienten, die zu uns kommen, haben mitunter einen langen Leidensweg und eine Arzt-Odyssee hinter sich. Es ist wichtig, dass es einen Austausch unter den verschiedenen Berufsgruppen gibt, um optimal helfen zu können."

Vielfältige Therapie

In der Therapie gibt es verschiedene Möglichkeiten. An erster Stelle kommen immer konservative Maßnahmen. Das heißt konkret: Beckenbodentraining. Mit speziell ausgebildeten Physiotherapeuten werden wirksame Übungen erlernt, die freilich zuhause geübt werden müssen. "Mit entsprechendem Training kann die Beckenbodenmuskulatur deutlich verbessert werden. Sie reagiert ähnlich wie jene des Bizeps und wird durch regelmäßige Wiederholungen gestärkt", erklärt Haunold.

Muskeln erspüren

Zuerst müssen diese innen liegenden Muskeln allerdings erst einmal erspürt werden. Falls Sie jetzt beim Lesen Ihren Beckenbodenmuskel anspannen wollen: Es handelt sich dabei nicht um den Gesäßmuskel! "50 Prozent meiner Patienten glauben das und zwicken den Po zusammen", weiß Haunold aus langjähriger Erfahrung.

Als weitere Therapiesäulen können Medikamente, Ernährungsberatung oder mentales Training helfen, Blase und Darm besser zu kontrollieren. Eine Operation ist erst die letzte Option. "Vorher versuchen wir, alles andere auszuschöpfen." Greifen andere Maßnahmen nicht, kann etwa der Schließmuskel rekonstruiert werden oder eine Art Schrittmacher, der die Muskelfunktion unterstützt, eingebaut werden. Brössner: "Auch ein Implantat unter Harnröhre und Schließmuskel, das wie ein Polster funktioniert, kann in manchen Fällen unterstützende Funktion haben."