ARCHIV - ILLUSTRATION - Bunte Pillen und Tabletten liegen am 08.02.2013 in Dresden (Sachsen) auf einem Tisch. Angesichts von Kritik am Einfluss der Pharmaindustrie auf Entscheidungen von €rzten soll es neue gesetzliche Regeln und eine Selbstverpflichtung der Branche geben. Foto: Matthias Hiekel (zu dpa ÇNeue Regeln sollen gegen zuviel Pharma-Einfluss auf €rzte helfenÈ vom 24.06.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

© dpa-Zentralbild/Matthias Hiekel

Suchtgefahr
08/24/2013

Immer mehr schlucken Aufputschmittel

Fünf Prozent der Arbeitnehmer versuchen mit Medikamenten ihre Leistung zu steigern.

von Ernst Mauritz

„Es ist überhaupt keine Frage, dass dieses Problem auch in Österreich zunimmt“, sagt Univ.-Prof. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Instituts, der größten Suchtklinik Europas. „Aber in Österreich haben wir in diesem Bereich überhaupt keine Daten“, ergänzt Univ.-Prof. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz der Uni-Klinik für Psychiatrie am Wiener AKH.

In Deutschland haben in den vergangenen zwölf Monaten fünf Prozent von mehr als 2000 befragten Erwerbstätigen Medikamente zur Leistungssteigerung eingenommen. Mit Amphetaminen (Aufputschmittel) wollen sie „berufliche Stresssituationen bewältigen“, sagt Helmut Schröder vom wissenschaftlichen Institut der deutschen Krankenkasse AOK, das die Untersuchung durchgeführt hat. „Bei den unter 30-Jährigen ist es immerhin jeder Zwölfte.“ Die dadurch verursachte Zahl an Krankenstandstagen hat sich seit 2002 vervierfacht.

Hohe Dunkelziffer

„Diese fünf Prozent sind sicher nicht die tatsächliche Größenordnung. Das Thema ist massiv tabuisiert und nicht jeder traut sich in einer Umfrage den Konsum zuzugeben“, betont Musalek. Die Dunkelziffer sei hoch.

„Die Amphetamine führen nur kurzfristig zu einer scheinbaren Leistungssteigerung“, sagt Fischer. „Man ist zwar länger wach, weil das Schlafbedürfnis reduziert wird, aber auch fahriger und fehleranfälliger.“ Um irgendwann doch herunterzukommen und schlafen zu können, werden häufig zusätzlich am Abend Beruhigungsmittel und Alkohol konsumiert. „In der Früh folgt dann wieder das Aufputschmittel – aus dieser chemischen Schaukel kommen viele allein nicht mehr heraus.“
„Relativ rasch treten Gewöhnungseffekte auf, die Dosis muss erhöht werden, schließlich kommt es erst recht zu schweren Erschöpfungszuständen“, sagt Musalek. Depressionen und ein großes Schlafbedürfnis sind die Folge. Totgeschwiegen werde, dass besonders im Managementbereich auch zunehmend Kokain konsumiert werde, um mit dem Erfolgsdruck fertigzuwerden.

„In Wahrheit ist das Problem nicht die Leistungssteigerung, sondern dieser Erfolgsdruck. Wir leben in einer Erfolggesellschaft. Ob Sie viel oder wenig leisten, ist dem Arbeitgeber egal: Sie müssen Erfolg haben.“ Bleibt er aus, versuchen das viele mit einem Übermaß an Leistung zu kompensieren – das führe zur Überforderung und der Einnahme der vermeintlich leistungssteigernden Substanzen.

„Diese Entwicklung zeigt, dass wir in den Betrieben kompetente Arbeitsmediziner brauchen“, so Fischer: „Sie erkennen, wenn Mitarbeiter länger Aufputsch- und Beruhigungsmittel einnehmen.“

Aus ärztlichen Verschreibungen, die missbräuchlich verwendet werden, stamme in Österreich nur ein geringer Teil der Aufputschmittel: „In Deutschland werden Ritalin und ähnliche Substanzen sehr breit gegen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) verschrieben“, sagt Fischer. Da sei nicht auszuschließen, dass Eltern ein solches Präparat für ihr Kind beziehen – und dann selbst konsumieren. „In Österreich sind die Verordnungszahlen aber so gering, dass missbräuchliche Verwendungen über diesen Weg weitgehend auszuschließen sind.“ Ansteigend sei aber der Bezug dieser Präparate über das Internet.

Musalek: „Eines ist klar: Im Endeffekt führt die Einnahme immer zu einer Minusrechnung. Gewinnen kann man damit nicht.“

Medikamentenkonsum

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