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Unterrichtszeit
10/19/2016

Wer länger schläft, ist ein besserer Schüler

Drei Viertel der Jugendlichen würden davon profitieren, wenn die Schule erst um 8.30 Uhr begänne. Viele Eltern hätten ein Betreuungsproblem.

von Ute Brühl

Viele Eltern kennen das: Ihre Kinder in der Früh aus dem Tiefschlaf reißen zu müssen, ist für sie der pure Stress. Besonders, wenn die Buben und Mädchen in die Pubertät kommen, fällt ihnen das früher Aufstehen schwer. Ein späterer Schulbeginn wäre für viele Kinder ein Segen. In den USA hat man jetzt wissenschaftlich untersucht, was es bringt, wenn die Schule statt um 8.00 um 8.45 Uhr beginnt.

Umfragen nach einem Jahr zeigten, dass sich sowohl die Kinder als auch die Eltern weniger gestresst fühlten. Nachdem die Eltern weniger Probleme hatten, ihre Kinder aus dem Bett zu bekommen, hatten diese auch noch mehr Zeit, entspannt zu frühstücken. Und auch im Unterricht fühlten sich die Kinder aufnahmefähiger. Die Lehrer berichteten, dass ihre Schüler konzentrierter bei der Sache sind. Die Befürchtung, dass die Schüler, die später in die Schule müssen, auch später zu Bett gehen, hat sich nicht bewahrheitet. Fast alle gingen um dieselbe Zeit schlafen.

Familienabende

Die Entwicklungspsychologin Christiane Spiel wundert das nicht: "Aus der Sicht des Kindes ist es nachvollziehbar, dass es abends nicht so früh ins Bett will. Das Familienleben hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Seit mehr Mütter arbeiten gehen, hat sich die gemeinsame Zeit in den Abend hinein verschoben, und es ist nur logisch, dass das Kind da dabei sein möchte. Die Mehrheit der Schüler wünscht sich aus diesem Grund einen späteren Schulbeginn."

Spiel ist klar, dass viele Eltern – und somit auch die Kinder – sehr früh aus dem Haus müssen: "Aus diesem Grund müsste gewährleistet sein, dass es in der Schule am Morgen eine Betreuung gibt. Profitieren würden alle, auch die Kinder, die schon um 7.30 Uhr in der Schule sind. Es macht nämlich einen Unterschied, ob ein Schüler sofort im Unterricht sitzt und sich auf Schlussrechnungen oder den Ablativus absolutus konzentrieren muss, oder ob er einen sanften Einstieg in die Schule hat – etwa bei einem gemeinsamen Frühstück."

Das frühe Aufstehen fällt besonders Jugendlichen in der Pubertät schwer, wie der Schlafmediziner Reinhold Kerbl weiß: "In diesem Alter verschiebt sich der midsleep nach hinten, also der mittlere Zeitpunkt zwischen Beginn und Ende des Schlafs. An Wochenenden schlafen diese Kinder oft zwischen Mitternacht und 9 Uhr, das heißt, ihre chronobiologische midsleep-Zeit ist um 4.30 Uhr, die tatsächliche ist während der Schulzeit um 3 Uhr, weil sie nur zwischen 24.00 Uhr und 6.00 Uhr schlafen. Die Folge ist ein sozialer Jetlag." Das war nicht immer so: "Aus der Forschung wissen wir, dass es diesen Jetlag nicht schon immer gab. Er wurde durch die Technologie und durch die sozialen Medien nach hinten verschoben."

Lerchen und Nachteulen

Allerdings gilt das nicht für alle Jugendlichen: "Da gibt es die Lerchen und die Eulen – also die Frühaufsteher und Langschläfer, zu denen etwa 70 bis 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler gehören. Wenn man also den Unterrichtsbeginn auf 8.30 oder gar 8.45 Uhr verlegen würde, so würden sicher viele davon profitieren. Mein Vorschlag wäre, dass man an großen Schulen Klassen mit unterschiedlichen Beginnzeiten führt."

Die Folgen von dauerndem Schlafentzug seien bekannt, meint Kerbl: "Kinder konzentrieren sich schlechter und bringen weniger gute Ergebnisse, als es ihrem Können entspricht. Dauernder Jetlag hat auch Auswirkungen auf die Psyche und kann z.B. Depressionen verstärken. Auch Übergewicht und Diabetes können Folgen sein."

Schulen entscheiden autonom

Für Herbert Weiß, neuer Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft, wäre ein späterer Schulbeginn kein Problem. "Schon jetzt können Schulen autonom entscheiden, wann der Unterricht beginnt – sie müssen allerdings z.B. auf Busfahrzeiten Rücksicht nehmen. Wenn allerdings die Schulen verpflichtet werden, Betreuungsmöglichkeiten zu schaffen, muss man ihnen die Ressourcen dafür geben."

Doch nicht einmal in der Großstadt Wien setzen sich viele Eltern für einen späteren Unterrichtsbeginn ein, wie Elisabeth Rosenberger weiß. Sie ist die Obfrau der Wiener Elternvereine an höheren Schulen. "Das ist wie bei den Ferien, man kann es nicht allen recht machen. Und bei den berufsbildenden höheren Schulen wie den HTL oder HAK würde der Tag dann wohl gar nicht mehr enden. Diese Jugendlichen sind oft bis 19 Uhr im Klassenzimmer, weil sie viele Wochenstunden haben."

Aus der Sicht einer Schülerin

Meiner Meinung nach wäre es gut, wenn die Schule um 9 Uhr beginnen würde oder auch um 8.30 Uhr. Somit hätten wir Zeit zum Frühstücken und das Wichtigste für uns Schüler, mehr Zeit zum Schlafen. Natürlich könnte man auch um 9 oder 8 Uhr ins Bett gehen, aber wir Jugendlichen haben einen anderen Schlafrhythmus.

Manche von uns lernen, lesen oder hören Musik in der Nacht, aber wir gehen auch ins Kino, zum Bowling und treffen uns mit Freunden oder der Familie. Auch wenn wir schon im Bett liegen, schlafen wir noch nicht. Wir chatten noch mit Freunden oder sind auf Webseiten. Wir sind aber nicht die ganze Zeit im Internet. Vor dem Schlafen fallen uns noch unzählige Dinge ein oder irgendwelche Belastungen oder Sorgen, wie man mit ihnen umgehen könnte, aber auch Situationen, die im Alltag passiert sind gehen uns durch den Kopf. Daher merken auch die Lehrer, dass wir am Morgen nicht aktiv mitarbeiten.

Ich glaube ich spreche für viele Schüler/innen wenn ich sage, dass es durchaus besser wäre, um 9 Uhr mit der Schule zu beginnen.