Hospiz-Gast Frau Petra: „Hab mich nirgends so wohl gefühlt“

© KURIER/Gilbert Novy

Besuch im Hospiz
08/29/2014

Jeder Augenblick zählt

Abseits von Sterbehilfe-Debatten erfüllen engagierte Menschen Bedürfnisse Schwerkranker.

von Ingrid Teufl, Gilbert Novy

Freiwillig aus dem Leben scheiden? Frau Petra hält ganz kurz inne, ihr Sauerstofftank ist plötzlich das einzige Geräusch in ihrem Zimmer im CS Hospiz Rennweg. Die Augen der 70-Jährigen mit unheilbarem Lungenkrebs blitzen auf, resolut sitzt sie noch gerader als bisher. "Niemals! Das ist ganz unmöglich."

Erst diese Woche haben in Deutschland renommierte Wissenschaftler (darunter Medizinrechtler und Palliativmediziner) einen Gesetzesentwurf veröffentlicht, der Ärzten die Assistenz bei einer Selbsttötung erlauben soll. In Deutschland ist – wie auch in Österreich – derartige aktive Sterbehilfe verboten. Das Bedürfnis unheilbar Kranker komme aus dem Wunsch, nach eigenen Würdevorstellungen sterben zu wollen, so die Initiatoren.

Im CS Hospiz Rennweg macht ein engagiertes, professionelles und ehrenamtliches Team andere Erfahrungen. Sie kümmern sich um die Bedürfnisse von Menschen in ihrer letzten Lebensphase – medizinisch, pflegerisch, psychosozial und spirituell. "Wenn jemand sagt: ‚Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr‘, sind das aus unseren Erfahrungen Momentaufnahmen, die oft gar nichts mit dem akuten Wunsch zu sterben zu tun haben. Vielfach fehlen Informationen, was alles möglich ist", sagt Vorstandsvorsitzende Christine Schäfer. Berührende Worte der Hospizgäste – so nennt man die Bewohner – bestätigen das Team immer wieder. Auch Frau Petra fühlt sich hier "so wohl wie nirgends während meiner früheren Behandlungen".
Seit drei Wochen bewohnt sie ihr Zimmer. Ehemann Karlheinz, mit dem sie seit 51 Jahren zusammen ist, kommt täglich vorbei. Samt Schnauzer-Hündin "Nella". "Ich würde die beiden nie freiwillig alleine zurücklassen." Auch Nella wird vom Pflegepersonal immer willkommen geheißen. "Schwester Hanna sagte einmal, Nella ist kein Schnauzer sondern ein Schnurrbarthund. Darüber lachen mein Mann und ich immer wieder." Komplimente über ihre ruhige und gelassene Ausstrahlung gibt Frau Petra zurück. "Das kommt vom Geist in diesem Haus."

Die Station im Haus der Caritas Socialis erinnert mit hellen Gängen und frischen Farben in der Tat eher an ein gemütliches Wohnheim als ein Hospiz. Dazu tragen auch die Stationskatzen Mimi und Max bei. Sie machen auf ihre Art ebenfalls "Dienst", nähern sich den Patienten an, wenn diese es wollen.

Bitte nicht stören

Nur eine geschlossene Tür mit "Bitte nicht stören"-Schild und eine brennende Kerze weisen darauf hin, dass kürzlich jemand seinen Weg auf dieser Erde beendet hat. Auch das ist ein Teil des Lebens – und dieser letzte und oft tabuisierte darf hier mit Respekt und Würde stattfinden. "Viele glauben noch immer, in einem Hospiz wird man nur mehr zum Sterben in eine Ecke gestellt", sagt Sabina Dirnberger, die das KURIER-Team durchs Haus führt. Die Aufenthaltsdauer variierte 2013 zwischen einem und 128 Tagen. "Wenn jemand zu Hause betreut werden will, versuchen wir, diesem Wunsch mithilfe des mobilen Palliativ-Teams zu entsprechen." Bei Frau Petra kommt das im Moment medizinisch nicht infrage. Sie fühlt sich im Hospiz derzeit gut aufgehoben. So zufrieden sei sie, "dass ich mich schon vor dem Tag fürchte, an dem ich von hier weg muss".

Würde am Ende des Lebens wird im Parlament diskutiert

Respektvolle Betreuung oder Sterbehilfe? Was brauchen schwerstkranke Menschen für ein Leben und Sterben in Würde? Diesen Fragen widmet sich ab 17. September eine parlamentarische Enquete-Kommission im Parlament. "Es ist wichtig, dass das Thema endlich öffentlich, sachlich und ehrlich diskutiert wird", erklärt Wolfgang Gerstl, VP-Verfassungssprecher den Hintergrund. Je besser jemand Bescheid wisse, desto besser könne man entscheiden. "Vielleicht können wir manchen helfen und einen Beitrag für mehr Zufriedenheit und Zuversicht im Hier und Jetzt geben." Er plädiert für das Recht auf Begleitung am Lebensende.

Die Diskussion, was noch lebenswert ist, wird gerade in den vergangenen Jahren intensiv geführt. Laut Umfragen steigt auch hierzulande die Zustimmung jener, die aktive Sterbehilfe (wie derzeit u. a. in der Schweiz möglich, Anm.) befürworten. Warum, erklärt sich Christine Schäfer, Vorstandsvorsitzende im Hospiz Am Rennweg so: "Der Durchschnittsbürger glaubt zu wissen, welches Leben noch lebenswert ist." Ähnlich argumentiert Franz-Joseph Huainigg, VP-Fraktionsleiter der Enquete-Kommission. Er ist auf einen Elektrorollstuhl angewiesen und muss künstlich beatmet werden. "Viele, die mich sehen – mit gelähmten Beinen und Armen und künstlicher Beatmung – glauben, dass sie so nicht leben wollen. Ich aber bin glücklich. Niemand kann sagen, welche neuen Blickwinkel und Lebensqualitäten man bekommen kann, wenn man an die Grenzen seines Lebens stößt."

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