Mega-Städte sollen grüner werden

Modern residantial district in Milan
Foto: Getty Images/RossHelen/iStockphoto Bäume auf jedem Balkon können Luft verbessern.

In Großstädten hat Grünraum kaum mehr Platz – innovative Projekte zeigen Auswege.

Ein Wald, der sich nicht in die Breite ausdehnt, sondern tatsächlich in die Höhe wächst, zum Teil auf Hochhäusern – das ist die Vision von chinesischen Stadtplanern und dem italienischen Architekten Stefano Boeri. Doch die geplanten Millionen Pflanzen und Bäume der ersten "Forest City" der Welt sollen nicht irgendwo am Boden wachsen. "Die große Innovation des Projekts ist, dass es unterschiedlich große Pflanzen und Bäume über wirklich allen Gebäuden geben wird", beschreibt der Architekt seine kürzlich vorgestellten Pläne. Das heißt, Wohnhäuser, Bürogebäude, Spitäler und Schulen für rund 30.000 Bewohner werden komplett von grünen Gewächsen über- und bewachsen sein. 40.000 Bäume und mehr als eine Million anderer Pflanzen sollen es sein.

Ab 2020 wird dieser kühne Plan Realität: 175 Hektar entlang des Liujiang-Flusses im Süden des Landes haben die chinesischen Behörden bereits zur Verfügung gestellt. Die Pläne erinnern auf den ersten Blick an Bilder, wie man sie von im Urwald versunkenen Städten früherer Kulturen kennt.

Ökologie-Hintergrund

Spektakulär, aufsehenerregend – aber mit dem handfesten ökologischen Hintergrund, mehr Grün in die Stadt zu bringen: Weltweit wird der Städtebau immer öfter anders gedacht. Nicht nur, aber besonders in China wachsen die Städte rasant, die Umwelt und in weiterer Folge die Gesundheit der Menschen bleiben meist auf der Strecke. Dass Pflanzen die Lebensqualität erhöhen und eine wichtige Ressource für die hier lebenden Menschen sind, wird immer häufiger thematisiert.

"Die Verbreitung von Pflanzen, nicht nur in Parks und entlang von Straßen, sondern auch an den Hausfassaden, wird mitwirken, die Luftqualität zu verbessern und die durchschnittliche Lufttemperatur zu verbessern", erklärt Architekt Boeri. In der "Liuzhou Forest City" soll die Vegetation jährlich unglaubliche 10.000 Tonnen Kohlendioxid aufnehmen und der Atmosphäre 57 Tonnen Schadstoffe entziehen.

Bäume am Balkon

Boeri hat sich mit begrünten Häusern einen Namen gemacht. In Mailand realisierte er vor einigen Jahren zwei preisgekrönte Wohnhochhäuser unter dem Namen "Bosco Verticale", also vertikaler Wald. Vereinfacht ausgedrückt, wurden auf besonders breiten Balkonen unter anderem Bäume gepflanzt, insgesamt rund 700, die bis zu neun Meter hoch werden. Dazu kommen bodendeckende und andere Pflanzen an den Hauswänden.

Das lief nicht ohne technische Herausforderungen ab. Die Bäume müssen etwa gegen Stürme und anderes Wetterunbill abgesichert sein. Man sammle immer noch Erfahrungen, sagte der Architekt in einem Interview. Auf die Bewohner haben die Bäume aber offenbar eine beruhigende Wirkung. Während Hochhäuser sonst bei vielen Unsicherheit auslösen, vermittle die Baumbepflanzung auch in großer Höhe Sicherheit.

Erfahrungswerte fehlen

Ob derartige Konzepte tatsächlich eine künftige Lösung für versmogte Betonwüsten sein können? Manche Experten sehen das durchaus kritisch. Projekte wie der "Bosco Verticale" seien der Allgemeinheit nicht zugänglich, sagte etwa der deutsche Architekturpsychologe Riklef Rambow im Magazin Spektrum. Zudem fehlen lange Erfahrungswerte mit grüner Architektur. Unklar sei, wie die Bäume auf ihre nicht der Natur entsprechende Verpflanzung reagieren.

Vorzeigeprojekt

Highline elevated park Foto: Getty Images/pidjoe/iStockphoto Grüne Lebensräume lassen sich allerdings mit gutem Willen und Vorausdenken in bereits bestehenden Städten integrieren. Ein Vorzeigeprojekt des Großstadtmolochs New York hat sich seit 2014 sogar zu einer Touristenattraktion entwickelt. Eine 2,5 Kilometer lange, stillgelegte Hochbahntrasse aus dem Jahr 1934 wurde begrünt – und damit zu einem beliebten Ausflugs-Park. Zwischen den Schienen sprießen seither Blumen und Gräser. Die Natur hat sich gewissermaßen ihren Platz in der Stadt, aus der sie jahrzehntelang vertrieben wurde, zurückgeholt.

(kurier) Erstellt am
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