© Reibenwein

Suchthilfe
11/03/2012

Spritzentausch und Lebenshilfe: Treffpunkt der verlorenen Seelen

7800 Spritzen werden täglich im Jedmayer getauscht.

A ndreas ist blass. Er schaut müde aus. „Ich war heute Nacht unterwegs“, sagt er entschuldigend und nimmt einen Schluck aus der Bierdose. Eine junge Frau schleicht vor Andreas auf und ab. Schaut ihn fragend an. „Das geht mir wohin“, ist er sauer. „Es gibt welche, die nützen das aus.“ Die junge Frau will ihm Stoff verkaufen. Und das gerade vor dem Jedmayer am Gumpendorfer Gürtel – einer Einrichtung der Wiener Suchthilfe. „Aber da bin ich ein Wamser. Die verpetz’ ich alle“, sagt Andreas.

Der 29-Jährige ist erst vor wenigen Tagen ins Jedmayer gekommen. Und schon Stammgast. „Hier gibt es Regeln. Und das ist gut.“ Und hier bekommt er auch sein Substitol. Denn Andreas ist seit einigen Jahren drogenabhängig. Erst Heroin. Dann Morphium, zuletzt aufgekochter Schlafmohn. „Ich will wieder runterkommen. Und arbeiten.“

Überlebenshilfe

Andreas ist einer von Hunderten, die täglich ins Jedmayer kommen. Zum Essen, zum Ausruhen, für Untersuchungen oder um neue Spritzen zu holen. „Wir tauschen täglich 7800 Spritzen“, sagt Geschäftsführer Robert Öllinger. „Wer zu uns kommt, braucht in erster Linie Überlebenshilfe“, erklärt Roland Reithofer. Das beginnt bei einer Dusche, geht übers Organisieren von Papieren, das Abwickeln von Gerichtsgeschichten bis zum Schaffen von Tagesstrukturen. Das Loskommen von den Drogen schafft nur rund jeder Zehnte. „Aber einigen gelingt es, stabile Strukturen einzuführen“, sagt Reithofer. Und da helfen Regeln. Handel und Konsum von Drogen ist strikt verboten. Ebenso Mobbing oder Schreiereien. Das Jedmayer ist eine Art Leo ( sichere Zone, Anm.).

Rund 70 Prozent der Besucher sind männlich. Aber egal welches Geschlecht – laut einer Studie ebnete sexueller Missbrauch in der Kindheit der Drogenkarriere oft den Weg. Auch Thomas ist „sehr schnell sehr tief gefallen“. Er versucht hier, die Zeit rumzubringen. „Draußen falle ich auf. Hier bin ich
geschützt“, erklärt der junge Niederösterreicher. Mit 17 Jahren hat er beide Elternteile verloren. Dann verlor er die Wohnung, stand auf der Straße und traf alte Bekannte wieder – die brachten ihn in die Szene. Derzeit ist er im Substitutionsprogramm (Drogenersatz, Anm.) . Sein Ziel: „Ich will das Substitol halbieren. Und dann will ich zumindest einen Halbtagsjob finden und in eine Startwohnung ziehen.“

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