Sorge um Antibiotika im Hühnerstall

© Bild: apa

Nach der Aufregung um keimbelastetes Hühnerfleisch in Deutschland herrscht Unsicherheit. Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen.

In jeder zweiten Hühnerfleisch-Stichprobe aus Supermärkten fand der deutsche Bund für Umwelt und Naturschutz wie berichtet antibiotikaresistente Keime. Die Tester fürchten: Die Keime könnten bei anfälligen Menschen zu schweren Erkrankungen führen, die nicht mehr wirkungsvoll mit Antibiotika bekämpft werden könnten. Hierzulande beruhigen die Experten verunsicherte Konsumenten.

Ist die Sorge um das mit antibiotikaresistenten Keimen belastete Fleisch berechtigt?
„Das Thema antibiotikaresistente Keime ist abzukoppeln von der Diskussion um den Genuss von Hühnerfleisch. Daraus eine Gefährdung für den Menschen abzuleiten, ist unzulässig“, sagt Ulrich Herzog vom Gesundheitsministerium. „Es ist noch nicht einmal klar, welche Resistenzen in den deutschen Supermarktproben gefunden wurden.“ Die Ergebnisse der behördlichen mikrobiologischen Untersuchungen zeigen: „Mehr als 90 Prozent des Hühnerfleisches am österreichischen Markt sind unbedenklich.“ Gesundheitsgefährdend seien im Humanbereich vielmehr Resistenzen gegenüber Krankenhauskeimen, die durch falschen Antibiotikaeinsatz gefördert werden.

Wie viele Antibiotika bekommen unsere Hühner?
„Wenn die Tiere mit Antibiotika versorgt werden, sollte das nur aus therapeutischen Gründen erfolgen“, erklärt Univ.-Prof. Michael Hess, Leiter der Klinik für Geflügelmedizin an der Uniklinik für Veterinärmedizin. „Ob und wann mit Antibiotika behandelt wird, liegt allerdings im Ermessen des behandelnden Tierarztes der Geflügelfarm.“ Ulrich Herzog ergänzt: „In Österreich wird ein Antibiotikum noch immer als Arzneimittel im Krankheitsfall und nicht wie in manchen intensiv bewirtschafteten Regionen Deutschlands als präventives, flächendeckendes Betriebsmittel eingesetzt.“ Das liegt zum Teil auch an den unterschiedlichen Strukturen. „Das Gros der heimischen Geflügelmastbetriebe hält 10.000 bis 30.000 Tiere. In Deutschland sind es nicht selten eine Million Hühner in einem Betrieb“, erklärt Harald Schliessnig vom Qualitätsgeflügelverein. Laut Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) werden in Österreich in der Veterinärmedizin pro Jahr rund 60 Tonnen Antibiotika verkauft. Im Vergleich: In der Humanmedizin im niedergelassenen Bereich werden pro Jahr etwa 45 Tonnen Antibiotika eingesetzt. Als Maßnahme gegen Viren und teilweise auch bakterielle Infektionen werden die meisten Tiere präventiv geimpft.

Wie werden Antibiotika in der Geflügelzucht eingesetzt?
„ Die Strategie bei den Hühnern ist, dass die Tiere gesund aufgezogen werden und möglichst bald in den Schlachthof kommen“, meint Hess. Wenn eine Krankheit ausbricht, bei der ein Einsatz von Antibiotika notwendig ist, werden diese über das Trinkwasser verabreicht. Danach gebe es eine gewisse Wartezeit, bis die Hühner in den Schlachthof kommen. „Wie lange diese dauert, ist je nach Antibiotikum geregelt.“

Können auch Eier von Legehennen mit Antibiotika belastet sein?
Nein. „Bei Hennen, die Eier produzieren, dürfen gar keine Antibiotika eingesetzt werden“, erklärt Hess. Wenn bei Legehennen eine Krankheit ausbricht, ist das – je nach Krankheit – meist ihr Todesurteil.

Ist man mit Bio-Hühnern auf der sicheren Seite?
Ja und nein. „Bei Bio-Hühnern gibt es eigene Regeln – hier dürfen so gut wie gar keine Antibiotika eingesetzt werden“, erklärt der Geflügelmediziner Hess. Auch hier gebe es zwar Ausnahmen, allerdings verlängert sich dafür die Wartezeit bis zur Schlachtung um das Doppelte.

Nehmen wir Antibiotika zu uns, wenn wir mit Antibiotika behandelte Hühner essen?
Nein. „Die Zulassung sieht sicher nicht vor, dass wir mit Hühnerfleisch Antibiotika aufnehmen“, erklärt Hess. „Zumindest nicht in Dosen, die den menschlichen Organismus beeinflussen.“ Es könne allerdings passieren, dass im Fleisch Erreger übrig bleiben, die nicht Ziel der therapeutischen Maßnahme waren – etwa Campylobacter-Bakterien. Diese können beim Menschen Durchfall auslösen.

Kann man sich vor Keimen im Hühnerfleisch schützen?
Ja. „Die meisten Keime und Erreger werden durch den Koch- oder Bratprozess zerstört. Eine entsprechende Küchen- und Zubereitungshygiene verhindert Infektionen beim Menschen.“ Herzog ergänzt: „Die Letztverantwortung hat hier der Verbraucher.“

Erstellt am 10.01.2012