Wissen und Gesundheit
25.08.2017

So wirkt sich Stress auf die Arbeitsleistung aus

100 Prozent Arbeitszeit, 50 Prozent Leistung: Eine österreichische Studie zeigt, wie hoher Arbeitsstress und Leistungsfähigkeit zusammenhängen.

"Das macht nicht nur krank. Es ist auch ökonomisch verrückt." So kommentiert der Neurologe Univ.-Prof. Wolfgang Lalouschek vom Gesundheitszentrum "The Tree" in Wien die Ergebnisse einer Studie: Bei berufstätigen Menschen, die einen hohen Stresslevel aufweisen, sinkt die Leistungsfähigkeit um bis zu 50 Prozent ab. Und: Werden sie zusätzlich noch ständig abgelenkt, zeigen sich messbare Auswirkungen auf die Gesundheit. Die Studie wurde mit 40 Probanden im Alter zwischen 25 und 40 Jahren im Rahmen einer Diplomarbeit an der MedUni Wien durchgeführt.

KURIER: Was ist das Neue an Ihren Ergebnissen?

Wolfgang Lalouschek: Aus früheren Studien wussten wir bereits, dass unter Multitasking die geistige Leistungsfähigkeit um bis zu 40 Prozent abfällt. Jetzt konnten wir zeigen, dass bei Personen mit hohem Stresslevel die Leistungsfähigkeit sogar um bis zu 50 Prozent sinken kann. Wir haben bei unseren Studienteilnehmern zunächst die Herzratenvariabilität gemessen. Je mehr Stress jemand ausgesetzt ist, umso regelmäßiger schlägt sein Herz. Diese Veränderungen im Bereich von Millisekunden sind messbar. Alle Studienteilnehmer mussten verschiedene Aufgaben durchführen, bei denen es zum Beispiel um Merkfähigkeit und Gedächtnisleistungen ging. Bei jenen Probanden mit dem höchsten Stressniveau fiel die Leistungsfähigkeit auf die Hälfte der möglichen Kapazität ab. Das heißt: Die Probanden mit einem Stresspegel unterhalb des Mittelwertes hatten eine doppelt so hohe Merkfähigkeit wie jene über dem Mittelwert.

Haben Sie auch gesundheitliche Auswirkungen gemessen?

Wir haben bei allen Teilnehmern auch untersucht was passiert, wenn sie mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen müssen. Und dabei zeigte sich, dass sich Werte, die ein Maßstab für die körperliche Regenerationsfähigkeit sind, deutlich verschlechtert haben. Kleine Regenerationszyklen, die wir zur Erholung brauchen, führt der Körper nicht mehr durch.

Ein Beispiel?

Tiefes Ausatmen hat einen entspannenden Effekt auf das Nervensystem, der Herzschlag verlangsamt sich ein wenig, für Herz und Organismus ist das eine Erholungsphase. Bei Multitasking funktionieren diese Entspannungszyklen schlechter – der entspannende Effekt des Ausatmens auf das Nervensystem bleibt aus, der Herzschlag verlangsamt sich nicht mehr.Das hat langfristige negative Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit. Auch bei Untersuchungen in Firmen sehen wir immer wieder: Viele Mitarbeiter sind schon – wenn ich den Organismus mit einem Auto vergleiche – in der Früh im roten Drehzahlbereich. Gleichzeitig funktionieren die belastungsmindernden Stoßdämpfer bzw. Bremsen nicht oder nur schlecht.

Aber es gibt doch so etwas wie einen positiven Stress?

Natürlich, es gibt so etwas wie einen optimalen Stressbereich, der uns motiviert, antreibt. Aber schlecht konzipierte Großraumbüros, viele Sitzungen ohne greifbare Ergebnisse und ein ausufernder, wenig effizienter Mailverkehr zum Beispiel – solche Dinge bringen Mitarbeiter in einen maximalen Stressbereich, in dem sie ihre Leistung nicht erbringen können. In vielen Firmen scheint das den Verantwortlichen nicht bewusst zu sein: Die Mitarbeiter arbeiten bei zu hohem (Dauer-)Stresspegel und bei ständigem Multitasking massiv unter ihrer eigentlichen Leistungsfähigkeit, was Konzentration, Kreativität und Merkfähigkeit betrifft. Viele Firmen schaffen Rahmenbedingungen, die die Leistung ihrer Mitarbeiter dauerhaft reduzieren.

Was kann man tun?

Natürlich kann jeder Einzelne versuchen, in seinen Alltag bewusst Momente der Entspannung einzubauen. Es hilft oft schon, den Bauch nicht einzuziehen – was viele tun – und bewusst tief auszuatmen. Aber letztlich sind Untersuchungen wie unsere eine Vorgabe für Firmen, ständige Stress- und Ablenkungsquellen zu reduzieren – und wenn es nur aus rein ökonomischen Interesse ist.