Wissen und Gesundheit
31.05.2017

"Mittelohrentzündungen sind keine Bagatelle"

Ein siebenjähriger Bub stirbt an den Folgen einer Mittelohrentzündung, weil er nur mit Homöopathie behandelt wurde. Was Ärzte dazu sagen.

Der Fall des siebenjährigen Francesco, der in Italien an den Folgen einer Mittelohrentzündung starb, sorgt für Trauer und Entsetzen. Laut Medienberichten wurden dem kleinen Buben aus Marken keine Antibiotika verabreicht, stattdessen setzten seine Eltern auf eine rein homöopathische Behandlung. Francesco wurde immer schwächer, verlor am 23. Mai das Bewusstsein, im Krankenhaus zeigte die Computertomographie, dass die Entzündung bereits auf das Gehirn übergegriffen hatte. Der sofortige Einsatz von Antibiotika kam zu spät, der Bub war längst in einem „schwer komatösen“ Zustand, so ein Sprecher der Klinik in Ancona. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung und laut Nachrichtenagentur Ansa werden auch Ermittlungen gegen die Eltern eingeleitet.

"Rasch zum Arzt"

Mittelohrentzündungen zählen zu den häufigsten Erkrankungen bei Kindern. Der Grund liegt vor allem in der Anatomie des kindlichen Ohrs. „Die Eustach‘sche Röhre ist noch sehr kurz und viel steiler. Daher können Keime leichter darin aufsteigen“, erklärt Assoz. PD Claudia Lill, HNO-Ärztin an der MedUni Wien. Dazu komme, dass sich bei Kindern im Rachen oft Polypen (Rachenmandeln) bilden, die auf die Ohrtrompete drücken und die sensible Region des Mittelohres anfällig machen. Bei einer akuten Mittelohrentzündung entzündet sich die Schleimhaut durch meist über den Nasen- und Rachenraum eingedrungene Keime, etwa Bakterien. Im abgeschlossenen Mittelohr können sie sich gut vermehren – die Schleimhäute schwellen an, Eiter bildet sich. „In der Regel entleert sich der Eiter über das Trommelfell nach außen. Im Fall des Buben in Italien dürfte dies nach innen, in Richtung Gehirn passiert sein.“ Es verursachte dort offenbar eine Gehirnentzündung, die dem Buben letztendlich das Leben gekostet haben dürfte. Da das Gehirn sehr nahe am Mittelohr liegt, ist die Gefahr einer derartigen Komplikation gegeben. „Eine Mittelohrentzündung ist keine Bagatelle. Ohrenschmerzen sollten bei Kindern so früh wie möglich vom Kinder- oder HNO-Arzt abgeklärt werden.“

Homöopathie maximal als Ergänzung

Die Behandlung richtet sich nach den Symptomen. Lill: „Ist das Mittelohr völlig frei und nur gerötet, muss nicht sofort ein Antibiotikum gegeben werden. Aber bei einer akuten Mittelohrentzündung keine abschwellenden Nasentropfen zu geben, ist fahrlässig.“ Neben derartigen Tropfen sind bei eitriger Mittelohrentzündung auch Schmerzmittel empfohlen. „Dann kann man in vielen Fällen auch zwei Tage zuwarten, ob die Symptome abklingen. Es kommt aber dabei sehr auf die Mitarbeit der Eltern und auf das Alter des Kindes an. In manchen Fällen sollte man gleich Antibiotika geben.“ Ausschließlich homöopathische Behandlungen empfiehlt die Expertin keinesfalls. Auch Lill hat immer wieder mit Eltern zu tun, die Angst vor Antibiotika äußern. Sie setzt dann vor allem auf Aufklärung. „Zwingen kann man niemanden.“ Wenn, sollten Homöopathika maximal als Ergänzung angewendet werden. Außer Nasentropfen, Schmerzmittel und Antibiotika können Eltern wenig tun. Ohrspülungen bringen nichts. „Sie gelangen gar nicht erst ins Mittelohr.“ Auch inhalieren sollte vermieden werden. Lill rät eher zu „sekretverdünnenden Tees, etwa Thymian“.

„Zirka 80 Prozent der Mittelohrentzündungen werden durch Viren verursacht, in diesem Fall sind Antibiotika nutzlos“, sagt der Arzt für Allgemeinmedizin und Homöopathie Erfried Pichler, auch Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathie. Umso wichtiger sei es, dass der homöopathisch arbeitende Arzt den Krankheitsverlauf genau beobachtet. „Kommt es nach zwei Tagen nicht zu einer Besserung oder gar zu einer Verschlimmerung der Beschwerden, muss sich jeder Arzt – egal, ob Homöopath oder Schulmediziner - eine andere Behandlungsstrategie überlegen und an eine bakterielle Infektion denken, bei der Antibiotika indiziert sind. Da muss man reagieren.“

Antibiotika - richtig eingesetzt

„In Österreich ist Homöopathie eine Methode, die ausschließlich von ausgebildeten Schulmedizinern mit homöopathischer Ausbildung angewendet werden darf. Sie sind in der Lage zu entscheiden, wann welche Behandlung angezeigt ist“, betont Ilse Fleck-Vaclavik, homöopathische Ärztin aus Wien. Manchmal komme es aber auch vor, dass verunsicherte Eltern eine Antibiotikatherapie verweigern, weil sie auf sanfte Methoden setzen wollen. Hier gäbe es leider Missverständnisse, denn: „Antibiotika werden zwar manchmal zu leichtfertig verschrieben, aber in bestimmten Fällen sind sie berechtigt und lebensrettend. Wir müssen froh sein, solche Medikamente zu haben.“