Wissen und Gesundheit
31.07.2017

Sehnsuchtsort Wasser: Warum uns das Meer so fasziniert

Spiegel der Seele und heilende Kraft: Seit der Antike zieht es die Menschen ans Meer. Was hinter der Faszination steckt.

Keine andere Landschaft bietet so vielfältige Glückskulissen wie das Meer. Nirgendwo sonst fällt es leichter, aus dem Alltag ab- und in die Natur einzutauchen", schreibt Eva Tenzer in "Einfach Schweben. Wie das Meer den Menschen glücklich macht". Damit hat die Autorin und Wissenschaftsjournalistin eine scheinbar einfache Erklärung dafür gefunden, warum jedes Jahr Millionen von Menschen an die Küsten dieser Welt pilgern, um im Meer zu schwimmen, zu tauchen, sich darin treiben zu lassen oder einfach nur davor zu stehen und darauf zu starren. Stundenlang. Nichts scheint Menschen einfacher zufriedenzustellen als der Blick auf die nicht enden wollenenden, tiefblauen Wassermassen. Viele verbinden damit Erinnerungen – an ihre Kindheit an der Ostsee, an eine vergangene Urlaubsliebe, an die französische Leichtigkeit des Seins oder das Dolcefarniente im vergangenen Sommer auf Sardinien. Ob die schäumenden Wellen im Atlantik oder das kristallklare Wasser im Indischen Ozean – das Meer ist ein Ort der Sehnsucht, der Freiheit verkörpert und glücklich macht. Aber warum fühlen wir uns von ihm so angezogen?

Unerforschte Tiefen

Niemandem scheint es zu gelingen, diese Frage rational zu beantworten – gleich wenig, wie das Meer in seiner ganzen Vielfalt zu erfassen. Erst etwa fünf Prozent der Weltmeere sind erforscht. Damit wissen Wissenschaftler über Ozeane weniger als über die Rückseite des Mondes und ebenso wenig, warum sich Menschen von ihnen so angezogen fühlen. Psychologen beschäftigen sich erst seit Kurzem mit der Wirkung von Landschaften auf das menschliche Gemüt. Einige Annäherungen gibt es aber schon: So sollen sich vor allem Extrovertierte vom Meer angezogen fühlen. Introvertierte Menschen zieht es eher in die Berge. Das hat eine Forschungsgruppe der University of Virginia 2015 in einer kleinen Serie von Experimenten herausgefunden. Mit dem Meer hätten die Probanden eher Geselligkeit verbunden als mit einer Berglandschaft.

Die psychologische Begründung für den Zusammenhang von Persönlichkeitstyp und Landschaftsvorliebe bleibt aber offen. Unumstritten ist: Meer tut dem menschlichen Organismus gut. Seine heilende Wirkung wurde bereits in der Antike eingesetzt. Heute wissen wir dank eigenen Forschungsinstituten, welche Stoffe aus der "Meeresapotheke", wie sie Tenzer nennt, Balsam für den Körper sind – wobei auch "erst ein Bruchteil der heilenden Meeressubstanzen bekannt ist". Im Laufe der Geschichte musste sich die Zuneigung für den Ozean laut Tenzer aber erst entwickeln: "Das Meer wurde schon immer ambivalent wahrgenommen, als geheimnisvolles und rätselhaftes Element, von unerschöpflichem Reichtum, aber auch tückisch und voller Gefahren." Im Mittelalter sei vor allem die Angst vor dem Ungewissen in der Tiefe mit Erzählungen von monströsen Meeresungeheuern geschürt worden. Auch später dienten das Meer und seine Bewohner noch als Stoff für schlaflose Nächte: So erzählte "Moby Dick" 1851 von einem rachsüchtigen Kapitän, der einen riesigen Wal verfolgt. 1975 wurde mit "Der weiße Hai" ein neues Monster geschaffen. Doch keinem Ungeheuer und keiner Tragödie konnte es je gelingen, das Meer als maritime Glücksoase zu entwerten – es übt eine "magische Anziehungskraft aus, gerade auf diejenigen, die nicht davon leben müssen", meint Tenzer. Die See wecke die Sinne und lasse eine knisternde Sinnlichkeit entstehen. Auch unsere eigene Rolle, die wir am Wasser einnehmen, beeinflusst unser Empfinden: Mit dem Blick auf die unendlichen Weiten des Ozeans sind wir plötzlich nichtig und klein – damit kann sich auch die Sicht auf die eigenen Probleme verändern. Tenzer bezeichnet das als eine "glückliche Apathie, die vom Strand erweckt wird".

Meer der Gefühle

"Wellen wecken Erinnerungen, Sehnsüchte, beflügeln die Fantasie", schreibt auch Florence Hervé – die mit "Am Meer – Erzählungen und Gedichte" ein ganzes Buch als Hommage an die Meere dieser Welt herausgegeben hat. "Die See als Spiegelung menschlicher Gefühle erscheint als Ort der Kindheit, der Heimat, der Geborgenheit, der Liebe und des Glücks", resümiert sie die Erzählungen der Autorinnen. Eines scheint sicher: Geht es um das Meer, geht es immer auch um Gefühle. Während die einen am Meer aufgewachsen sind, haben es andere im ersten Urlaub mit ihren Eltern kennen – und lieben – gelernt. So auch Elisabeth Mann Borgese, jüngste Tochter des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Er ist mit ihr in den 20er-Jahren quer durch Deutschland gereist, um der Vierjährigen mit stolzer Brust "sein Meer", die Ostsee bei Travemünde, zu zeigen. Ein Moment, den auch Mann Borgese nie vergessen konnte – und der ihre Leidenschaft für Ozeane ein Leben lang prägte.

In "Das Drama der Meere" beschäftigt sich die Wissenschaftlerin und Aktivistin bereits 1974 mit der Begründung der menschlichen Zuneigung für die ungebändigte See. Wie Hervé sieht auch Mann Borgese im Meer eine Projektionsfläche menschlicher Gefühle: "Warum sind die Meere der Spiegel unserer Seele, mehr als die Berge, mehr als die Wüsten, mehr als die Waldes- oder Himmelshöhen im Puls ihrer ewigen Rhythmen?" Eine Antwort darauf konnte auch Mann Borgese nicht wirklich finden.

Für Liebe braucht es eben keine rationale Erklärung. Genießen Sie den Meerblick!