Nicht jede Falte korrigieren

Actress Zellweger poses at the 21st annual ELLE Wo
Foto: REUTERS/MARIO ANZUONI Walther Jungwirth: "Ihre Schlupflider sind wegoperiert – aber damit fehlt das Charakteristische an ihrem Gesicht."

Es gibt einen Trend zu Schönheits-OPs auch in hohem Alter. Beispiel Zellweger weltweit kritisch gesehen.

Seine älteste Patientin ist 82: "Sie ist sehr flott und fühlt sich noch überhaupt nicht wie 82." Und erst vor Kurzem hat er einem 65-jährigen Arzt "ein Face- und ein Halslift" gemacht. "Es gibt einen Trend zu ästhetischen Eingriffen auch in höherem Alter", sagt der Plastische Chirurg Walther Jungwirth, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie. "Ästhetische Eingriffe werden heute auch unter älteren Menschen offener diskutiert. Gleichzeitig steigt der Männeranteil."

Absurde Schönheits-OPs

Der "Face-Slimmer" soll schlaffe Wangen wieder straffen. Das Mundstück soll Gesichtshaut und Muskeln trainieren, indem die Trägerin es mindestens drei Minuten täglich trägt. Während dieser Zeit müssen Mundbewegungen gemacht und Vokale laut ausgesprochen werden, um die Gesichtsmuskeln zu trainieren. Insgesamt zwölf Muskeln kommen angeblich zum Einsatz. Schönheitschirurg Walther Jungwirth: „Der Face Slimmer dehnt, wenn man ihn dauernd trägt, sicherlich die Lippen aus. Das wiederum sorgt für mehr Falten und ist kontraproduktiv, Außerdem kann die Mundöffnung größer werden.“ Die Riesenlippen aus Silikonkautschuk gibt's ab 48 Euro. Nasenkorrektur ohne Skalpell verspricht diese Nasenapparatur. „Beauty Lift High Nose“ heißt die kleine Maschine, die von unten, von vorne und von der Seite Vibrationen auf die Nase ausübt. Für die Anwendung wird das Gerät auf die Nase gesetzt und über einen kleinen Knopf eingeschaltet. Der Hersteller verspricht bei täglicher Nutzung, dass die Nase durch die Vibrationen gerade wird und etwas nach oben geht. „Das Vibrationsgerät wird der Nase nicht schaden, es wird sie aber auch nicht schlanker machen“, meint Jungwirth. Das Gerät kostet 52 Euro inklusive Batterie. Einen ähnlichen Effekt soll der „Hana Tsun Nasenbegradiger“ haben. Der Hersteller empfiehlt täglich 20 Minuten für die perfekte Nasenform. Der Clip, der umgerechnet 36 Euro kostet, wird dazu in die Nasenlöcher gesteckt und soll die Nase ausbalancieren sowie Knochen und Konturen nach oben schieben. Ziel ist eine spitzere, gerade und zierliche Form. Ein schmales Gesicht gilt besonders in Japan als Schönheitsideal. Der „Face Lift“-Gürtel von Kogao soll dabei unterstützen. Laut Hersteller wird er während des Schlafes, beim Entspannen zuhause oder während der Hausarbeit getragen und soll Kinn, den unteren Gesichtsbereich und die Wangen jugendlicher aussehen lassen. „Die Maske kann, wenn man sie dauernd tragen würde, mimische Bewegungen reduzieren. Ähnlich wie bei Botox wird die Bewegung eingeschränkt und damit die Faltenwirkung vermindert. Sie erinnert mich an frühere Schauspieldiven, die versucht haben, nie zu lachen, um Krähenfüßchen zu vermeiden“, sagt Jungwirth. Der Gürtel ist ab elf Euro zu haben. Selbes Prinzip: Die Anti-Faltenmaske, ebenfalls vom japanischen Hersteller Kogao, soll gegen Falten und müde Haut ankämpfen. Sie übt Druck auf die Haut aus und soll Falten wieder „glattbügeln“. Vom Hersteller gelobt wird die Alltagstauglichkeit der Maske. Sie soll besonders Krähenfüße um die Augen verhindern. Kogao, der Name des Herstellers, heißt auf Deutsch übrigens „schmales Gesicht“. Die Gesichtsmaske kann für 30 Euro erworben werden. Ein weiteres Schönheitsideal sind runde Augen. Viele Asiatinnen wollen ihr typisch asiatisches Aussehen ablegen und mit großen Puppenaugen hervorstechen. Für 18 Euro soll der „Eyelid Trainer“ helfen, die Augen zu vergrößern und zwar auf das Doppelte – ohne sich unters Messer legen zu müssen. Dazu soll das Gestell täglich fünf Minuten zwischen Nasenrücken und Augenhöhle geklemmt werden. Schönheitschirurg Walther Jungwirth: "Der Lidtrainer kann gar nichts bewirken. Er kann, solange er getragen wird, höchstens Müdigkeit kaschieren, aber sicherlich nicht auf Dauer. Überschüssige Lidhaut wird so nicht entfernt. Vielmehr ist der Lidtrainer vom Prinzip her wie ein BH – wird er ausgezogen, senken sich die Brüste auch wieder ab.“ Einfache Atemübungen mit dem "Pupeko Mundstück" sollen für ein frischeres und jugendlicheres Aussehen sorgen. Das Mundstück wird zwischen die Zähne gesteckt und dabei ein- und ausgeatmet. So werden laut Hersteller Wangen und Kiefermuskeln trainiert und gestrafft. Das schnullerähnliche Teil wird bei täglich zehn bis 20 Atemübungen im Wechsel angesaugt und durch das Mundstück ausgeatmet. Zusätzlich kann ein „Aroma Spot“ erworben werden, über den Aromen eingeatmet werden. Kosten für das bunte Beauty-Gadget: 23 Euro. Das "Anti-Falten Pad“ von Dr. Fukuoka wird in der Nacht getragen. Es soll nicht nur das Entstehen eines Doppelkinns, sondern auch Falten im Halsbereich verhindern. Das Anti-Falten Pad ist elastisch, übt aber einen leichten Druck auf die Haut aus. Es ist aus Kunststoff und um 42 Euro zu erwerben. Lachfalten verhindern soll der "Hourei Lift Bra“. Dazu wird der Riemen über den Hinterkopf gezogen, der Rahmen aus Silikongummi passt sich vorne an die Nase an. Die Bügel üben laut Hersteller einen sanften Druck auf die Wangen aus. Darüber hinaus sollen die Benutzer während des Tragens Mundübungen machen. Kostenpunkt: 30 Euro. Schönheitschirurg Walther Jungwirth: "Schönheitsapparaturen hat es auch bei uns immer wieder gegeben, etwa im 19. Jahrhundert Ohranlegeplastiken. Auch in alten Hausarztbüchern finden sich Gummi- und Stirnbänder, die abstehende Ohren anlegen sollen. Sie haben aber nichts gebracht, weil sich die Ohren immer wieder zurück stellen - der Knorpel behält seine Form. Ähnlich ist es mit den meisten der asiatischen Gadgets: Sie können das gewünschte Ergebnis maximal zum Teil erreichen, die meisten aber gar nicht." Ein Gerät, das laut Jungwirth tatsächlich ohne chirurgischen Eingriff einen Effekt haben kann, ist das Brava-System zur Brustvergrößerung. Die externen Saugglocken werden für mehrere Monate getragen und regen - über eine kleine Vakuumpumpe reguliert - die Gewebszellen zur Ausdehnung an. "Die Glocke kann die Brustgröße um maximal zehn Prozent erhöhen. Allerdings bringt sie nicht das Ergebnis einer operativen Brustvergrößerung", so Jungwirth. Das System sollte in Absprache mit einem Arzt verwendet werden. Kosten: Ab 1800 Euro.

Ein Trend, der sich auch in Deutschland zeigt: "Unsere Patienten werden älter", hieß es vor Kurzem bei einer Veranstaltung der deutschen Plastischen Chirurgen. Jungwirth: "Ein älterer höherer Beamter hat mir erzählt, dass er seit seinem Facelift wieder mit Aufgaben betraut wird, die früher jüngeren übertragen wurden. Er fühlt sich auch aktiver."

Renee Zellwegger Foto: dapd/Dan Steinberg Wobei in Österreich generell "natürliches Aussehen" im Vordergrund stehe, betont der Plastische Chirurg Peter Durnig aus Klagenfurt. "Die Patienten sagen oft: ,Machen Sie etwas, aber bitte so, dass es keiner merkt.‘ Gleichzeitig wollen sie um zehn Jahre jünger aussehen", so die Erfahrung von Elisabeth Zanon, Plastische Chirurgin in Innsbruck. Jungwirth: "Bei einem gelungenen Eingriff fällt nachher nur die neue Brille auf und die Leute sagen, ,siehst du aber gut aus‘". Kritisch sieht Jungwirth die optische Veränderung von Oscar-Preisträgerin Renée Zellweger: "Ihre Schlupflider sind wegoperiert – aber damit fehlt das Besondere, das Charakteristische an ihrem Gesicht, der leicht laszive Blick. Es wurde etwas von ihrem Typ genommen."

Zanon: "Es geht darum, einige Jahre zu gewinnen – und nicht darum, das Leben aus dem Gesicht zu stehlen." In Europa würden die Folgen von Eingriffen viel genauer überlegt werden, sagt Durnig.

Zu völlig falschen Erwartungshaltungen führe auch das pathologische Nacheifern unrealistischer Vorbilder ("Barbie-Syndrom"), betont Durnig: "Barbies Füße sind zu grazil, um aufrecht gehen zu können und ihre Maße lassen nur Platz für ein paar Zentimeter Darm und eine halbe Leber." Auch TV-Shows würden oft Erwartungen wecken, "die wir nicht erfüllen können", ergänzt Jungwirth: "Ein Eingriff führt nicht zum ewigen Glück. Aber er kann die Selbstzufriedenheit nachhaltig erhöhen."

Beratung

Positiv ausgewirkt habe sich das neue "Schönheitsoperationen-Gesetz", so Zanon. Eingriffe zwischen 16 und 18 dürfen u. a. nur nach psychologischer Beratung und mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten durchgeführt werden. "Das Gesetz hilft, wenn wir den Eindruck haben, wir sollen die Lösung für Probleme sein, die in der Familie nicht gelöst werden konnten." Die Sensibilität bei Körperbildstörungen habe zugenommen: "Operationen bringen hier auch nichts, weil man diese Patienten damit nicht zufriedenstellen kann. Hier hilft nur eine psychologische Beratung."

"Wichtig ist ein vernünftiger Umgang mit dem Alterungsprozess", betont Zanon. Jungwirth: "Ich sage den Patienten immer: Es bringt nichts, jeder Falte hinterherzulaufen." Kunsthistorikerin Univ.-Prof. Martina Pippal: "Schönheit entsteht nicht am OP-Tisch, sondern in unseren Köpfen. Dazu benötigen wir die Philosophie – die spielt aber in unserer Zeit nur eine sehr geringe Rolle."

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?