Walther Jungwirth: "Ihre Schlupflider sind wegoperiert – aber damit fehlt das Charakteristische an ihrem Gesicht."

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Ästhetische Chirurgie
10/25/2014

Nicht jede Falte korrigieren

Es gibt einen Trend zu Schönheits-OPs auch in hohem Alter. Beispiel Zellweger weltweit kritisch gesehen.

von Ernst Mauritz

Seine älteste Patientin ist 82: "Sie ist sehr flott und fühlt sich noch überhaupt nicht wie 82." Und erst vor Kurzem hat er einem 65-jährigen Arzt "ein Face- und ein Halslift" gemacht. "Es gibt einen Trend zu ästhetischen Eingriffen auch in höherem Alter", sagt der Plastische Chirurg Walther Jungwirth, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie. "Ästhetische Eingriffe werden heute auch unter älteren Menschen offener diskutiert. Gleichzeitig steigt der Männeranteil."

Absurde Schönheits-OPs

Ein Trend, der sich auch in Deutschland zeigt: "Unsere Patienten werden älter", hieß es vor Kurzem bei einer Veranstaltung der deutschen Plastischen Chirurgen. Jungwirth: "Ein älterer höherer Beamter hat mir erzählt, dass er seit seinem Facelift wieder mit Aufgaben betraut wird, die früher jüngeren übertragen wurden. Er fühlt sich auch aktiver."

Wobei in Österreich generell "natürliches Aussehen" im Vordergrund stehe, betont der Plastische ChirurgPeter Durnigaus Klagenfurt. "Die Patienten sagen oft: ,Machen Sie etwas, aber bitte so, dass es keiner merkt.‘ Gleichzeitig wollen sie um zehn Jahre jünger aussehen", so die Erfahrung vonElisabeth Zanon, Plastische Chirurgin in Innsbruck. Jungwirth: "Bei einem gelungenen Eingriff fällt nachher nur die neue Brille auf und die Leute sagen, ,siehst du aber gut aus‘". Kritisch sieht Jungwirth die optische Veränderung von Oscar-Preisträgerin Renée Zellweger: "Ihre Schlupflider sind wegoperiert – aber damit fehlt das Besondere, das Charakteristische an ihrem Gesicht, der leicht laszive Blick. Es wurde etwas von ihrem Typ genommen."

Zanon: "Es geht darum, einige Jahre zu gewinnen – und nicht darum, das Leben aus dem Gesicht zu stehlen." In Europa würden die Folgen von Eingriffen viel genauer überlegt werden, sagt Durnig.

Zu völlig falschen Erwartungshaltungen führe auch das pathologische Nacheifern unrealistischer Vorbilder ("Barbie-Syndrom"), betont Durnig: "Barbies Füße sind zu grazil, um aufrecht gehen zu können und ihre Maße lassen nur Platz für ein paar Zentimeter Darm und eine halbe Leber." Auch TV-Shows würden oft Erwartungen wecken, "die wir nicht erfüllen können", ergänzt Jungwirth: "Ein Eingriff führt nicht zum ewigen Glück. Aber er kann die Selbstzufriedenheit nachhaltig erhöhen."

Beratung

Positiv ausgewirkt habe sich das neue "Schönheitsoperationen-Gesetz", so Zanon. Eingriffe zwischen 16 und 18 dürfen u. a. nur nach psychologischer Beratung und mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten durchgeführt werden. "Das Gesetz hilft, wenn wir den Eindruck haben, wir sollen die Lösung für Probleme sein, die in der Familie nicht gelöst werden konnten." Die Sensibilität bei Körperbildstörungen habe zugenommen: "Operationen bringen hier auch nichts, weil man diese Patienten damit nicht zufriedenstellen kann. Hier hilft nur eine psychologische Beratung."

"Wichtig ist ein vernünftiger Umgang mit dem Alterungsprozess", betont Zanon. Jungwirth: "Ich sage den Patienten immer: Es bringt nichts, jeder Falte hinterherzulaufen." Kunsthistorikerin Univ.-Prof. Martina Pippal: "Schönheit entsteht nicht am OP-Tisch, sondern in unseren Köpfen. Dazu benötigen wir die Philosophie – die spielt aber in unserer Zeit nur eine sehr geringe Rolle."

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