Wissen und Gesundheit
19.07.2017

Schlaganfall-Vorsorge: Die Einsicht fehlt

Übergewicht, Rauchen, hoher Blutdruck: Trotz aller Aufklärung ändert sich bei vielen Menschen der Lebensstil erst dann, wenn etwas passiert ist.

"Vor einem Schlaganfall ist die Motivation gering, etwas an seinem Lebensstil zu ändern – etwa auf seinen Blutdruck, sein Gewicht und die Ernährung zu achten. Hier liegt noch viel Aufklärungsarbeit vor uns." Diese Bilanz zieht die Neurologin Julia Ferrari vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien. Seit 2003 werden in einem Register die Daten von Schlaganfall-Patienten aus Österreich erfasst: "Bei den wichtigsten Risikofaktoren gab es in den vergangenen Jahren mit einer Ausnahme keinen Rückgang." Der Prozentsatz der Patienten mit Bluthochdruck blieb im Wesentlichen gleich, jener mit erhöhten Cholesterinwerten stieg sogar deutlich an: Von 48 Prozent im Jahr 2007 auf 59 Prozent im Jahr 2017.

Lediglich bei den rauchenden Patienten zeigte sich ein – leichter – Rückgang: Vom langjährigen Durchschnittswert (18 Prozent) auf 16 Prozent. "Hier scheinen die gesetzlichen Bestimmungen und auch die Aufklärungsarbeit zu wirken."

Was Prävention bewirken kann, zeigt sich am Beispiel des Blutdrucks: "Nur durch die Behandlung von Hochdruck kann das Schlaganfallrisiko um 32 Prozent gesenkt werden." Wie positiv sich ein genereller Rauchstopp auswirkt, zeigte sich im US-Bundesstaat Arizona: Seit es dort ein Rauchverbot in allen öffentlichen Gebäuden, Arbeitsplätzen und Restaurants gibt, ging die Schlaganfall-Häufigkeit um 14 Prozent zurück.

Zeitfenster

In rund 85 Prozent der Fälle kommt es bei einem Schlaganfall zu einem Verschluss eines Gehirngefäßes. Maximal viereinhalb Stunden beträgt das Zeitfenster, um nach dem Auftreten der ersten Symptome mit einer gerinnselauflösenden Therapie zu beginnen. Dazu wird das Medikament intravenös verabreicht.

Bei einem Verschluss großer Gehirngefäße (etwa zehn Prozent aller Schlaganfälle) reicht die medikamentöse Therapie aber nicht aus – das Blutgerinnsel muss mechanisch entfernt werden. Dazu wird ein Katheter über die Leiste eingeführt und bis in das Gehirn vorgeschoben.

"Bisher gingen wir davon aus, dass diese Therapie nur in einem Zeitfenster von weniger als sechs Stunden erfolgversprechend ist", sagt die Neurologin Elisabeth Fertl, Präsidentin derÖsterreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN). In bestimmten Fällen ist auch nach sechs Stunden noch mit einem Erfolg zu rechnen: In einer kleinen Studie hat fast die Hälfte der Betroffenen einen länger als sechs Stunden zurückliegenden Schlaganfall dank des Herausziehens des gefäßverschließenden Gerinnsels ohne schwere Behinderung überstanden – in einer Vergleichsgruppe ohne diese Therapie waren es nur 13 %. Zuwarten sollte man aber natürlich nicht - je früher eine Schlaganfalltherapie durchgeführt wird, umso größer die Erfolgsaussichten.

"Weltweit ereignen sich stündlich 2000 Schlaganfälle", sagt der Neurologe Wolfgang Grisold, Generalsekretär der "World Federation of Neurology". Der Welttag des Gehirns am 22. Juli ist heuer dem Schlaganfall gewidmet: "Jedes Jahr verlieren mehr Menschen durch Schlaganfälle ihr Leben als durch AIDS, Tuberkulose und Malaria zusammengenommen."

Vorbildliche Versorgung

Mit seinen 38 Stroke Units (Stationen zur Akutbehandlung des Schlaganfalls) ist Österreich in der Versorgung international vorbildlich. Fertl: "Wir können zu Recht auf unsere Versorgungsdaten stolz sein, die international empfohlene Standards erfüllen. Die Mehrheit aller Schlaganfall-Patienten wird in einer Stroke Unit behandelt."