Frauen rauchen häufiger in Belastungssituationen

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Unterschied
01/07/2015

Rauchen wirkt bei Frauen anders

Auswirkungen auf Körper und Psyche sind verschieden. Rückfallquote bei Frauen höher.

von Ernst Mauritz

So erstaunlich wie brisant: Die gleiche Zahl an gerauchten Zigaretten führt bei Frauen eher zu Atemwegsproblemen: "Ihre Lungenoberfläche ist kleiner, dadurch kommt es zu einer höheren Konzentration von schädlichen Rauchinhaltsstoffen", sagt die Medizinerin Andjela Bäwert von der MedUni Wien, stv. Vorsitzende der Österr. Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin. Bei Frauen wird Nikotin auch rascher abgebaut als bei Männern – deshalb spüren sie einen Nikotinentzug häufig stärker.

Auf solche Unterschiede im Rauchverhalten von Frauen und Männern weist Bäwert anlässlich des Jahresbeginns hin: Immerhin wollen laut IMAS-Umfrage 22 Prozent der Raucherinnen und Raucher heuer rauchfrei werden – für einen erfolgreichen Ausstieg sei es wichtig, diese Unterschiede zu beachten.

"Frauen rauchen gehäuft bei Stress und generell in Belastungssituationen. Bei Männern hingegen steigt der Zigarettenkonsum, wenn es ihnen gut geht, wenn sie weggehen oder in einer lockeren Gesellschaft sind."

Versuchen Frauen, mit dem Rauchen aufzuhören, treten deutlich häufiger als bei Männern psychische Beschwerden auf: Dauerhaft bedrückte, traurige Stimmung, Depressionen, Angststörungen.

Bremse fällt weg

Dazu kommt die Gewichtsproblematik: Nikotin reduziert den Einbau von bestimmten Blutfetten (Triglyzeriden) in die Zellen des weiblichen Unterhautfettgewebes. "Ohne Nikotin fällt diese Bremse weg, und bei gleichbleibender Kalorienmenge kann man um drei bis vier Kilogramm zunehmen."

All das sind Gründe, warum Frauen nicht mit dem Rauchen aufhören oder dies erst in einem höheren Alter versuchen – und auch häufiger Rückfälle haben. Bäwert: "Männer schwören vermehrt zwischen 40 und 50 den Zigaretten ab, bei Frauen ist es oft später."

Gleichzeitig greifen sie aber immer öfter bereits in sehr jungen Jahren erstmals zur Zigarette: Bei der sogenannten HBSC-Studie gaben mehr 15-jährige Mädchen als gleichaltrige Burschen an, täglich zu rauchen (siehe Grafik). "Aber je früher man beginnt, desto größer ist das Risiko einer Abhängigkeit."

Umfassend aufklären

Es wäre daher wichtig, dass in den Schulen eine umfassende Aufklärung über die unterschiedliche Wirkung von Zigaretten auf Mädchen und Burschen stattfindet: "Derzeit wird das in der Regel einmal kurz besprochen, aber das reicht nicht aus."

Die Aufklärung müsste viel ausführlicher und genauer sein – und stärker geschlechtsspezifische Punkte hervorheben. Etwa bei den Folgen für die Fruchtbarkeit: "Mädchen müssen wissen, dass rauchen die Anzahl von reifen Eizellen reduziert, und Burschen, dass ihr Samen geschädigt wird."

Und auch bei Angeboten zum Ausstieg müsste besonders bei Frauen stärker auf den psychischen Faktor und die Gewichtsproblematik eingegangen werden. Bäwert: "Dann wird auch die Erfolgsrate höher sein."

Psychischer Entzug als Knackpunkt

"Ich will sie nicht verteufeln – aber noch ist die Datenlage zu gering, um E-Zigaretten als Hilfsmittel für den Rauchausstieg zu empfehlen", sagt Medizinerin Andjela Bäwert. Zum einen wisse man viel zu wenig über die langfristige Wirkung der in E-Zigaretten enthaltenen Substanzen wie Aroma- und Duftstoffe.

"Das andere Problem aber ist: Ich komme nicht von dem Verhalten weg, eine Zigarette in der Hand zu halten und zu inhalieren." Aber gerade beim psychischen Entzug – "und der ist die eigentliche Herausforderung" – könne dies den Rückfall zum Rauchen herkömmlicher Zigaretten begünstigen.

Die schlechtere Wirksamkeit von Nikotin-Ersatzpräparaten bei Frauen (bedingt durch den rascheren Nikotinabbau) könnte ebenfalls ein Grund für ihre höhere Rückfallsrate sein: "Möglicherweise sind die angegebenen Dosierungen für Frauen zu gering – hier wären spezielle Studien notwendig." Dass Nikotin-Ersatzpräparate grundsätzlich gut wirken, bestätigte kürzlich eine Untersuchung der Zeitschrift Öko-Test in Kooperation mit der Arbeiterkammer Oberösterreich. Allerdings: "Sie helfen nur in den ersten Wochen gegen den körperlichen Entzug, aber nicht gegen den psychischen", so Bäwert. Hier könnten u. a. Entspannungstechniken, eine Gruppe Gleichgesinnter, evt. auch Medikamente und Psychotherapie eine Unterstützung sein: "Im ersten Schritt würde ich aber mit dem Hausarzt reden, welche Angebote er Ihnen empfehlen kann."

Weitere Infos: http://rauchfrei.at

Rauchentwöhnung mit dem Zyklus

Frauen, die mit dem Rauchen aufhören möchten, sollten den Zeitpunkt der letzten Zigarette bewusst wählen: Erfolgt der finale Zug nämlich in einer bestimmten Phase des Menstruationszyklus, sind die Chancen auf eine dauerhafte Entwöhnung besser. Eine aktuelle Studie der University of Montreal, die im Fachjournal Psychiatry Journal veröffentlicht wurde, zeigt, dass der weibliche Zyklus und das Verlangen nach Nikotin in direktem Zusammenhang stehen. Studienautorin und Neurowissenschafterin Adrianna Mendrek: "Unsere Daten zeigen, dass der Drang zu rauchen am Beginn der follikulären Phase, die gleich nach der Menstruation beginnt, stärker ist. Möglicherweise verstärkt der Rückgang von Östrogen und Progesteron die Entzugserscheinungen." In der Lutealphase, die nach dem Eisprung beginnt, könnte es Frauen leichter fallen, Entzugserscheinungen zu überwinden, glaubt Mendrek. In dieser Phase sind Östrogen- und Progesteronspiegel erhöht.

Psychische Faktoren

Für ihre Studie arbeiteten die Forscher mit 34 Männern und Frauen zusammen, die jeweils mehr als 15 Zigaretten am Tag rauchen. Den Personen wurden zwei Arten von Bildern gezeigt: neutrale und solche, die ihr Verlangen nach Zigaretten anregen sollten. Dabei wurde die Gehirnaktivität der Testpersonen gemessen.

Den Frauen wurden die Bilder jeweils am Beginn und in der Mitte ihres Zyklus gezeigt. Dabei stellte sich heraus, dass ihre Gehirnaktivität je nach Phase des Menstruationszyklus deutlich variierte. In der follikulären Phase reagierten die weiblichen Testpersonen viel stärker auf die Bilder, während in der Lutealphase nur eingeschränkte Aktivität gemessen wurde.

Schon Versuche mit Nagetieren hatten gezeigt, dass weibliche Ratten schneller abhängig werden als männliche. Neben den Sexualhormonen spielen aber vor allem psychische Faktoren wie Stress und Angstzustände eine Rolle, betont Mendrek.