Wissen und Gesundheit
30.10.2016

"Bis zu 30 Prozent der Arbeiten sind unsauber"

Stefan Weber kämpft seit Jahren gegen Plagiate, Fälschungen und Ghostwriting an Universitäten. Er hat viel zu tun, denn diese unredlichen Praktiken nehmen zu. Um 8000 Euro ist eine Dissertation im Internet zu haben.

KURIER: Wie schlecht ist es um die Redlichkeit der Studierenden, um wissenschaftliche Arbeiten bestellt? Sie machten jüngst im Rahmen einer Podiumsdiskussion darauf aufmerksam, dass Interessierte um 8000 Euro eine Dissertation kaufen können. Dass dies nicht nur theoretisch möglich, sondern auch Praxis sei.

Stefan Weber: Oh ja, in der Tat, Ghostwriting ist mittlerweile ein Riesenproblem, es beginnt schon in der Schule mit der Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA) und zieht sich bis zur Dissertation. Googeln Sie mal die einschlägigen Angebote! Was generelle Zahlen zu Plagiarismus, Datenfälschung und Ghostwriting anbelangt, kann ich keine genauen Angaben machen, da die Universitäten die Fälle nicht systematisch erheben und dokumentieren, wie eine parlamentarische Anfrage vom Sommer 2016 wieder gezeigt hat. Das ist ein Riesenmanko.

Ghostwriter, die ihr Know-how für Arbeiten aller Disziplinen anbieten, finden sich etwa auf www.freelancer.com. Um 250 bis 750 Euro kann ich dort eine wissenschaftliche Arbeit in Auftrag geben. Sie haben die Probe aufs Exempel gemacht. Waren Sie mit dem Resultat zufrieden?

Ja, es war absolut erstaunlich. Meinem Ghostwriter ist es gelungen, sich binnen 48 Stunden Informationen über die Philosophie Josef Mitterers so aus dem Netz zu ziehen und diese so zu kompilieren, dass der Anschein einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung erweckt wurde. Er hat keine Zeile der Primärliteratur des Philosophen selbst gelesen, diese gibt es nur in Buchform und auf Deutsch! Diese Quellen hat er über den Umweg des Webs zitiert.

Wen vermuten Sie hinter den Ghostwritern?

Sicher intelligente, gebildete Leute, die womöglich keine universitäre Karriere machen konnten. Ich weiß nicht, inwieweit das schon weltweit organisiert ist. Mein Ghostwriter stammte aus Pakistan. Es gibt ein neues Darknet des Wissenschaftsbetriebs, in dem Ghostwriter aus Ländern wie Pakistan oder Indien ihre akademischen Dienste anbieten.

Haben Lehrende an Universitäten oder Fachhochschulen die Möglichkeit, der falschen Urheberschaft auf die Schliche zu kommen?

Die Stilometrie-Software steckt erst in den Kinderschuhen. Es gibt aber die Möglichkeit, Studierende live ein kurzes Essay zu einem vorher unbekannten Thema schreiben zu lassen. Wenn sich in diesem Schwierigkeiten mit der Groß- und Kleinschreibung offenbaren und in der schriftlichen Arbeit dann später die Wendung "proprium nudum" (lat.; in der Arbeit als "leere Worthülse" übersetzt) einfach so auftaucht, dann stimmt was nicht.

Diplomarbeiten oder Dissertationen, die heute digital eingereicht werden müssen, werden mittels Plagiatssoftware geprüft. Das setzt voraus, dass Universitäten bereits von der Hehlerei geistigen Eigentums ausgehen. Ein Armutszeugnis für die Studierenden?

Nein, ganz und gar nicht. Plagiatssoftware-Checks dienen doch der Qualitätssicherung und sollten mittlerweile Routine sein wie das nächste Autoservice. Leider gibt es auch hier noch Probleme: Viele Universitäten setzen die falsche Software ein, und bei vielen wird noch nicht flächendeckend geprüft. Aus meiner Sicht ist das größte Problem, dass die Google-Buchsuche derzeit nicht mit Software nach Plagiatsquellen durchsucht werden kann. Wenn Google hier Gutes tun will, dann bitte ich sehr darum!

Sind diese Softwares ein probates Mittel, um Plagiaten auf die Spur zu kommen? Oder ist immer noch zusätzlich das menschliche Ermessen nötig?

Letzteres. Vor allem muss man die beste Software am Markt einsetzen, und das ist derzeit eindeutig der "Originality Check" von Turnitin. Jedes Protokoll von Turnitin muss der Mensch nachprüfen. Software erkennt nur Textübereinstimmungen. Ob diese Plagiate sind oder nicht, muss der Prüfer beurteilen. Und wie gesagt: Auch Turnitin operiert exklusive der Google-Buchsuche. Ich hoffe, ich erlebe hier noch den nächsten notwendigen Schritt.

Wie hoch schätzen Sie den Plagiatsanteil jener Diplom- wie Doktorarbeiten in Österreich, die vor der Digitalisierungspflicht eingereicht wurden?

Es gibt keine validen Daten. Ich gehe aufgrund der bei mir zur Plagiatsprüfung eingereichten Werke von 10 bis 30 Prozent unsauberen Arbeiten und von einem bis fünf Prozent an Arbeiten aus, die erhebliche Plagiatsstellen enthalten.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Plagiaten, gelten als "Plagiatsjäger". Wann kamen Sie erstmals mit einem Plagiat in Berührung, und: Welche Arbeiten sind Ihnen nachhaltig in Erinnerung, weil sie allzu plump oder besonders gut gemacht waren? In Erinnerung ist noch, dass Sie Karl-Heinz Grassers Diplomarbeit prüften.

Ach, Karl-Heinz Grasser war, was Plagiat anbelangt, nahezu unverdächtig. Mit einem Plagiat, und zwar aus meiner eigenen Dissertation, wurde ich erstmals 2002 konfrontiert. Wenn ich zurückdenke, da gab es 2006 den Herrn vom Bundesheer, der die ersten einhundert Seiten seiner Dissertation aus einem Schweizer PDF 1:1 rauskopierte. Oder zwei Dissertationen an der Universität Klagenfurt, die sich nicht nur selbst ähnelten, sondern auch noch aus dem Internet abgeschrieben waren. Alle drei Doktorgrade wurden aberkannt, ein Fall ging bis zum Verwaltungsgerichtshof, die Universität bekam recht. Aber es geht auch andersrum: Society-Prinz Schaumburg-Lippe hat fast alles abgeschrieben, seinen Innsbrucker Doktorgrad durfte er erstaunlicherweise behalten.

Wie kann sich ein Laie ihre Arbeitsmethode vorstellen?

Digitalisieren, OCR-Software (Zeichenerkennung), Plagiatssoftware, manuelle Kontrolle, dann Bestellen der verdächtigen Literaturtitel, und das Spiel wiederholt sich: Digitalisieren, OCR-Software, Text-mit-Text-Vergleichssoftware, manuelle Kontrolle. Am Schluss steht das Gutachten.

Gibt es Disziplinen, die für Plagiate gänzlich ungeeignet sind? Oder anders gefragt: geradezu dazu prädestiniert sind?

Also, ich kann bestätigen, dass in den Soft Sciences, also den Geistes- und Sozialwissenschaften, mehr plagiiert wird als in den Naturwissenschaften. Interessanterweise sind auch Einführungs- und Diskussionsteile von medizinischen Dissertationen sehr anfällig.

Ketzerische Frage im Zeitalter des Postfaktischen: Was ist unlauter oder moralisch verwerflich daran zu plagiieren?

Wenn man die zynische These unterschreiben will, dass in der Wirtschaft später eh nur das geschickte Blenden zählt, rein gar nichts! Insofern wären all meine Mühen umsonst. Aber es geht ja auch leichter: Man muss doch nicht plagiieren, um Doktor zu werden. Man kann sich "Prof. Dr." einfach auf die Visitenkarte schreiben! Sie würden gar nicht glauben, wie viele Fälle nicht nachweisbarer Titel ich in den vergangenen Jahren hatte.

Einen gewissen Prozentsatz zu plagiieren ist in Ordnung. Denken Sie, dass es bei einer Toleranzgrenze von Null-Prozent weniger Dissertationen oder Magisterarbeiten geben würde?Beginnt ein Plagiat mit einem Satz, mit einem Prozent oder mit zehn Prozent eines Gesamttextes? Die deutsche Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff sagt, ein Plagiat kann mit einem Satz, ja einem Halbsatz beginnen, wenn die Quelle des Plagiats ausreichend Originalität aufweist. Das entspricht auch einem Urteil des OGH, dem Jura-Soyfer-Urteil. (Das Zitat "Voll Leben und voll Tod ist diese Erde" aus einem Gedicht Jura Soyfers wurde als Titel für ein Buch verwendet, ohne die Erben Jura Soyfers um Genehmigung gefragt und vor allem ohne Anführungszeichen gesetzt zu haben. Der OGH entschied, dass dies unzulässig ist.) Aber die Frage, wie relevant nun mehrere solche Plagiatsfragmente, die in der Tat mit einem abgeschriebenen Satz beginnen können, für eine Arbeit insgesamt sind, wie wesentlich sie sind, wenn es um die Nichtigerklärung einer Beurteilung geht, bemisst sich auch nach qualitativen Kriterien. Insofern bringt eine Prozentzahl-Grenze nichts. Und ja, null Prozent Plagiat sollte für jede Abschlussarbeit mit positiver Beurteilung gelten.

Karl-Theodor zu Guttenberg musste ob seines Plagiats als deutscher Verteidigungsminister zurücktreten. Die jetzige Verteidigungsministerin, Ursula von der Leyen, hat gleichsam die Kurve gekratzt. Sie behielt ihren Titel und auch das Amt. Ist Letzteres für Sie in Ordnung?

Die Arbeit war ein Grenzfall. Medizinische Dissertationen enthalten ja kaum jemals Plagiate im empirischen Teil. Insofern kann man bei diesen immer argumentieren, der Kern der Arbeit sei plagiatsfrei. Mich hat schockiert, wie ungemein schlampig diese Arbeit neben den Plagiaten verfasst wurde.

Sind Ghostwriter- oder Plagiatsarbeiten nicht nur jenen vorbehalten, die schnell einen Abschluss wollen, sondern auch im Universitätsbetrieb möglich und real? Können Sie ein Beispiel nennen?

Was heißt ein Beispiel! Ich könnte Ihnen aus dem Stand acht nennen: Vom Berliner Jus-Professor bis zur Professorin der Kommunikationswissenschaft. Sie alle haben abgeschrieben, meist hat dies die Universität auch explizit "Plagiat" genannt, und alle erfreuen sich weiter ihrer Ämter und bester Bezahlung! Mehrere weitere Fälle finden Sie im Wiki VroniPlag im Internet.

Wenn Lehrende die Gesetze des wissenschaftlichen Arbeitens nicht einhalten und nicht dafür belangt werden, heißt das im Umkehrschluss, dass Studierenden Tür und Tor für Plagiate geöffnet sind, das falsche System sich weiter aufrechterhält.

Absolut, ja. Ich würde mir nur wünschen, dass die Universitäten das endlich ernst nehmen, Statistiken führen und Präventionsstellen schaffen. Das Budget dafür muss da sein, wenn man sieht, wofür sonst so Geld ausgegeben wird. Wie ein Plagiatsforscher einmal sagte: Wenn in Betrugsprävention fast nichts investiert ist, kann die ganze Investition in Bildung eine Fehlinvestition sein.