Wissen und Gesundheit
18.08.2017

Neustifter Kirtag: Eine Stadt spielt Land

Start der Kirtags-Saison in Wien. Dass Wiener auf traditionelle Feste stehen, ist ein neuer Trend: Schon vor 100 Jahren boomte die Folklore.

In Neustift, im noblen 19. Wiener Gemeindebezirk, wird ab heute wieder zünftig gefeiert. Besonders junge Leute zieht es – anlassgemäß in Dirndl oder Lederhose gekleidet – auf den Kirtag, ein Volksfest, das es schon seit dem 18. Jahrhundert gibt. Der Legende nach soll es auf Kaiserin Maria-Theresia zurückgehen, zu deren Ehren bis heute die Hauerkrone durch die Straßen getragen wird.

Von Nazis vereinnahmt

Für die Ethnologien Helga Maria Wolf ist ein Phänomen, dass Tracht wieder in ist: "In meiner Generation wäre niemand auf die Idee gekommen, sich so zu kleiden. Wir verbanden damit den Nationalsozialismus, der Brauchtum und Heimat vereinnahmt hatte. Deshalb waren bei uns Dirndl und Lederhosen mit einem ,Pickerl‘ versehen. Die jetzige junge Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht mitgemacht hat, hat da weniger Berührungsängste", vermutet sie. Das erklärt aber noch nicht den Hype um die Volksfeste. "Die Rückbesinnung auf traditionelle Werte oder auf das, was man dafür hält, hat sicher auch etwas damit zu tun, dass dies uns ein Stück Sicherheit gibt in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird", sagt Wolf.

Viele sehnen sich zurück nach der "guten alten Zeit", die gar nicht so gut war, wie Günther Jontes, Professor für Volkskunde an der Universität Graz, weiß. "Die Menschen waren sehr arm. Teure Stoffe für die Tracht konnten sie sich gar nicht leisten. Diese kam deshalb erst vor ca. 200 Jahren in den Ostalpen auf und war eigentlich etwas sehr Künstliches. Sie wurde plötzlich modern und zwischen den Dörfern entwickelte sich ein richtiger Wettbewerb, wer die prachtvollste hatte."

Arbeitertrachtenverein

Einen großen Boom erlebten das Brauchtum Ende des 19. Jahrhunderts aber nicht auf dem Land – sondern in der Stadt: "Der erste Trachtenverein wurde von Arbeitern gegründet", weiß Jontes. Und auch das kulturpessimistische Bürgertum setzte auf "das unverdorbene Leben auf dem Land", sagt Ethnologin Wolf. Den zweiten großen Boom erlebte das Brauchtum nach dem Ersten Weltkrieg – auch damals suchten die Menschen Halt in der Vergangenheit.

Ob das heute auch wieder so ist? Weder Wolf noch Jontes wagen sich hier an eine wissenschaftlich fundierte Antwort. Jontes hat aber eine Vermutung: "Schlüpft man in die Tracht, besinnt man sich auf das Lokale und weicht so der Globalisierung aus." Und es zeigt sich auch, dass sich diese weiterentwickelt: "Einen Janker zur Jeanshose zu tragen, ist heute kein Problem. Im Gegenteil – man zeigt, wo man seine Wurzeln hat und demonstriert gleichzeitig, dass man auf der Welt zu Hause ist", sagt Wolf.

Um die Kirche herum

Egal, ob Tradition oder nicht: Gefeiert wurde schon immer. Der Mensch braucht schließlich seine Auszeit, in der er sowohl zeitlich als auch räumlich Außergewöhnliches erlebt: Es wird deftig gegessen, getrunken, getanzt und gelacht. "Kirchweihen sind in Österreich ein sehr alter Brauch, den es schon seit dem Mittelalter gibt. Gefeiert wurde jeweils am Tag des Kirchenpatrons. Neben der kirchlichen gab es die profane Messe. In Österreich gab es so viele verschiedene Feste, dass sich Kaiser Josef II. gezwungen sah, zu verfügen, dass nur noch am einem Tag Kirchweih zu sein hat – am 23. Oktober. Durchgesetzt hat sich das nie. Noch heute hat fast jeder Ort seinen Kirchtag" sagt Wolf.

Allerdings steckt heute meist ein professionelles Eventmanagement dahinter. Im Weinviertel haben das früher meist die unverheirateten Burschen organisiert.