Wissen
11.07.2017

"Weg von der Schulbürokratie"

Integration, Kindergarten, Lehrerbildung – diese Reformen müssen angegangen werden, meinen Experten.

Nicht erst seit der KURIER mit seiner Serie "Plan K" begonnen hat, steht fest: Den Österreichern ist die Schule ein Anliegen. Doch wohin soll die Bildungsreise gehen?, das interessiert auch die "Initiative Neustart Schule" der Industriellenvereinigung und ihrer Partner. Sie thematisiert die Zukunft von Bildung in Österreich, will auf die Notwendigkeit einer Bildungsreform aufmerksam machen und die Politik dafür gewinnen. Bisher wird sie von rund 24.000 Personen unterstützt. Jetzt lud sie vier Experten - Heidi Schrodt (Verein Bildung Grenzenlos), Wolfgang Feller (Agenda Austria), Paul Kimberger (Gewerkschaft der Pflichtschullehrer) und Christian Friesl (Neustart Schule, Industriellenvereinigung) - zur Diskussion.

KURIER: Obwohl die Schule dauernd reformiert wird, bleiben wir Mittelmaß. Welche Bereiche müsste man zuerst angehen?

Heidi Schrodt: Die Bildung im Kindergarten muss verbessert und die Qualifikation der Pflichtschulabgänger erhöht werden.

Wolfgang Feller: Wir brauchen ein neues Lehrerdienstrecht. Die Definition anhand der Unterrichtszeit ist problematisch, die Besoldung bietet keinen Leistungsanreiz.

Paul Kimberger: Wir müssen weg von Organisations- hin zu inhaltlichen Debatten. Themen wären z.B. die Eltern, die eine maßgebliche Rolle für die erste Prägung spielen, die Frühkind- und Elementarpädagogik oder das Thema Sonderpädagogik in der gesamten Bandbreite.

Christian Friesl: Der Fokus muss auf der Grundbildung der Vier- bis 14-Jährigen liegen, auf ihrer Persönlichkeits- und Wissensbildung. Wir brauchen einen neue Weg, mit Reformen umzugehen – nicht nur Kompromisse, die frustrieren. Weiters müssen wir ein Bewusstsein in der Bevölkerung fördern, wie wichtig Bildung ist.

Jedem ist klar, wie wichtig die Elementarpädagogik ist, dennoch tut sich wenig.

Kimberger: Das Problem jeder Bildungsreform in Österreich ist, dass sie kostenneutral sein muss, was beinahe ja skurril und dumm ist. Wir brauchen endlich parteiübergreifende Ziele, die außer Streit stehen und in einem ganzheitlichen Ansatz gemeinsam mit den Betroffenen umgesetzt werden. Wir evaluieren alles Mögliche, Konsequenzen gibt es selten, die bräuchten wir aber ganz besonders für die Elementarpädagogik als Basis.

Feller: Wir müssen nicht nur Inhalte, sondern auch Organisationen ändern, um z.B. die Elementarbildung aufzuwerten. Dazu gehört die Ausbildung und Bezahlung der Pädagogen. Knackpunkt ist immer die Bund-Länder-Linie bei der Finanzierung. Die Politik muss sich bemühen, eine neue Gesprächsbasis aufzubauen und Kompetenzbereiche abtauschen.

Schrodt: Das große politische Interesse für die Aufwertung der Kindergärten sehe ich nicht. Mein Vorschlag: Die Bildung für Kinder von Null bis 19 Jahren gehört in eine Kompetenz, ins Bildungsministerium.

Friesl: Wir brauchen bundesweit einheitliche Rahmenbedingungen für mehr Qualität, und wir müssen endlich das zweite verpflichtende Kindergartenjahr einführen.

Schrodt: Ein Minimalkonsens, wo wir hinwollen, fehlt. Der wurde noch nie formuliert.

Feller: Ich sehe keine Differenz zwischen organisatorischen Reformen und Reformen zum Wohle der Kinder. Natürlich kommt es in der Klasse an, wenn ein besserer Lehrer gewählt wird. Wie kommen wir zu besseren Inhalten in den Schulen? Wir müssen die Fortbildungsverpflichtung der Lehrer erhöhen, die Ausbildung verbessern. Zentralmatura und Bildungsstandards zeigen doch, wo die Schulen stehen.

Friesl: Ich sehe – gerade nach der aktuellen Debatte um das Autonomiepaket – ein Problem darin, wie wir bei der Umsetzung von Reformen vorgehen. Bei jedem großen Anliegen geht es darum, zuerst Visionen und Ziele zu definieren und dann entsprechende Maßnahmen zu setzen. Man kann die Menschen gewinnen, wenn sie das Gefühl haben, dass es in die richtige Richtung geht.

Schrodt: In der Bevölkerung ist ein großes Bewusstsein da, dass Bildung wichtiger ist denn je. Das Schießen aus den ideologischen Schützengräben bei den Reformen ist kaum mehr erträglich. Ich muss aber eine Lanze für die Lehrer brechen. Es gibt natürlich eine Reihe, die nicht so gute Arbeit leisten. Doch unter den Bedingungen in unseren Pflichtschulen ist es erstaunlich, wie trotzdem gearbeitet wird. Es gibt keinen wissenschaftlichen Befund, dass das Ansehen der Lehrerschaft so schlecht ist.

Kimberger: Das Image ist besser geworden, auch weil z.B. die Flüchtlingskrise gut bewältigt wird. Wir müssen bei der Lehrerauswahl ansetzen und ungeeignete früher aussortieren. Studenten müssen früh mit der Praxis im Klassenzimmer konfrontiert werden.

Feller: Die Bildungsreform ist viele Dinge nicht angegangen: Auswahl der Lehrer, Attraktivierung des Berufs, Dienstrecht oder Verpflichtung zur Weiterbildung. Ziel müsste sein, dass jeder Lehrer in zehn Jahren einen Arbeitsplatz in der Schule hat. Das kostet Geld: Wenn wir es schaffen, für die Bahn eine Investitionsinitiative zu setzen, sollte das auch für die Bildung möglich sein.

Schrodt: Wir müssen uns auch Direktoren und Schulbehörden anschauen. Es hängt von der Leitung ab, ob sich ein Lehrer mit einem Problem allein gelassen fühlt oder nicht. Die nächste Ebene, die Inspektoren, sollten Berater sein und weniger Aufsicht. Ich weiß, das ist geplant, aber ob das mit den handelnden Personen so schnell geht, weiß ich nicht. Ich hätte es gut gefunden, wenn die Bildungsdirektionen auf kleiner überschaubaren Ebenen stattfinden würden.

Friesl: Wir müssen weg von der Schulbürokratie hin zur Schulkultur. Da sind neue Initiativen gefragt, weil sie Schulen zu einem anderen Ort der Zusammenarbeit machen. Der Lehrer ist immer noch Einzelkämpfer, Teamarbeit ist derzeit noch nicht Standard.

Schrodt: Für Pädagogik bleibt wenig Zeit, wenn es kein Sekretariat gibt, wie es bei uns in Pflichtschulen der Normalfall ist. Das gibt es in so gut wie keinem Land auf der Welt.

Kimberger: Als 2009 die Talis-Studie gezeigt hat, dass Österreich beim Unterstützungspersonal international Schlusslicht ist, hat die Gewerkschaft darauf hingewiesen. In der Folge ist das Bildungsministerium aus der Studie ausgestiegen, um sich mit den Fakten nicht weiter konfrontieren zu müssen. Es ist verantwortungslos, dass wir für unsere Kinder immer noch kein Unterstützungspersonal in den Schulen haben.

Friesl: Da sind sich alle einig, multiprofessionelle Teams brauchen wir unbedingt.

Thema Integration: Wie können wir Migranten zu besseren Ergebnissen bringen?

Feller: Die Hoffnungslosigkeit der Lehrer ist enorm. In Wien ist etwas entstanden, was im Schulsystem nie hätte passieren dürfen. Das ist eine Notfallsituation die besonderer Maßnahmen bedarf. Es sollten keine Kinder an die weiterführende Schule, die nicht in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen.

Schrodt: Wie lange soll das gehen, dass ein Kind z.B. in der Volksschule bleibt? Mein Vorschlag: Man muss ganz früh, auch in den Familien ansetzen. Schulen mit besonderen Herausforderungen brauchen mehr Ressourcen. Das geht sicherlich nicht kostenneutral.

Friesl: Integration ist nicht nur Aufgabe der Schule. In Wien haben wir keine Sondersituation, das wird so bleiben. Da muss man investieren, besonders auch in Elternarbeit – aufsuchend, aber auch einfordernd. Irgendwann müssen die Integrationsbemühungen erfolgreich sein. Es braucht die Zusammenarbeit vieler Institutionen.

Kimberger: Viele Flüchtlingskinder und ihre Familien haben den Wunsch, sich zu integrieren. Wir haben manchmal größere Probleme mit Migrantenkindern der zweiten und dritten Generation. Integration ist nicht nur Aufgabe der Schule, aber Schule ist wahrscheinlich die wichtigste Sicherheitseinrichtung unserer Republik. Alles, was wir dort auffangen können, bewahrt uns davor, dass wir in zehn, 15 Jahren ein Riesenproblem haben. Man sollte über finanzielle Anreizsysteme nachdenken in diesem Bereich und muss dann verpflichtende Maßnahmen mit möglichen Konsequenzen setzen. In der Schule geht es für mich um Menschenbildung, Werte, Ethik, Moral, Gleichstellung von Mann und Frau – letztendlich geht's auch um unsere Demokratie. Da sind wir bei manchen Dingen sicherlich zu tolerant.

Feller: Die Institution muss verantwortlich sein, dass der Schüler am Ende ein gewisses Niveau erreicht. Das geht nur in Zusammenhang mit einer stärkeren Autonomie und der Möglichkeit, die Mittel stärker umzuschichten. Es gibt im System genug Geld, aber wir wissen nicht genau, wo es ist.

Werden die Privatschulen noch mehr Zulauf bekommen?

Schrodt: Der Trend läuft schon. Das kommt jetzt darauf an, wie wir den öffentlichen Sektor angehen, v.a in den Brennpunktschulen – wenn man hier investiert, wird sich der Trend nicht so fortsetzen.

Feller:Die teuersten Privatschulen bekommen am meisten Subventionen vom Staat. Zu erwarten, dass hier Bewegung reinkommen wird, ist falsch. Ein Element eines beginnenden Wettbewerbs könnte sein, wenn die Privatschulen die gleichen staatlichen Mittel bekommen - aber gleichzeitig fördert es die Segregation, also die Trennung der sozialen Schichten.

Kimberger: Der Run wird sichtbar größer. Man glaubt gar nicht, mit welchen Methoden Eltern ihre Kinder dort unterbringen wollen. Es ist jedenfalls notwendig, hier Chancengleichheit zwischen den Schulen herzustellen. Ich habe kein Verständnis, dass dort brilliert wird, und alle anderen sollen sich dann um die großen gesellschaftspolitische Herausforderungenunserer Zeit kümmern.

Friesl: Privatschulen sind sicher ein innovatives Element. Aber das nimmt uns nicht aus der Pflicht, dass die öffentlichen Schulen niemanden zurücklassen dürfen und die Guten fördern können. Zu 70 bis 80 Prozent wird unser Schulwesen weiterhin aus öffentlichen Schulen bestehen.

Facebook www.facebook.com/neustartschule