Neue Wege in der Alkoholthera­pie

Foto: Roland Pittner

Totale Abstinenz ist nicht mehr oberstes Ziel in der Alkoholtherapie. International setzt man auf gezielte Reduktion mit Medikamenten.

Es gleicht einem Paradigmenwechsel: Anstatt eines - meist stationären - Entzugs und darauffolgender - im Idealfall lebenslanger - Abstinenz setzen Suchtexperten stärker auf neue Konzepte. Vor allem mithilfe moderner Medikamente, die das Verlangen auf Alkohol reduzieren, weil sie auf das Belohnungssystem unseres Gehirns wirken. "Wir wissen heute, dass viele Alkoholabhängige ihr Trinken mit richtiger Begleitung allmählich in den Griff bekommen können", sagt Univ.-Prof. Henriette Walter, Sozialpsychiaterin an der MedUni Wien. "In vielen Fällen ist dadurch gar kein schwerer, stationärer Entzug mehr nötig und auch Faktoren wie Blutdruck oder Leberwerte verbessern sich rasch."

Univ.-Prof. Otto Lesch, Präsident der Gesellschaft für Suchtmedizin, ergänzt: "Es macht auch für den Organismus einen großen Unterschied, ob jemand von zum Beispiel vier Liter Wein auf null gesetzt wird, oder ob diese tägliche Trinkmenge schon geringer ist." Durch dieses "cut down drinking" (engl. für: das Trinken reduzieren, Anm.) wird auch eine Art Jo-jo-Effekt vermieden. "Nach einem Entzug rückfällig Gewordene trinken oft mehr als zuvor."

Lebensqualität

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Diese neuen Erkenntnisse nutzen andere Länder bereits in der Praxis. Nach dem Motto: Nicht Suchtmittelfreiheit, sondern Betreuung und mehr Lebensqualität für die Betroffenen. Walter: "In den deutschsprachigen Ländern und den USA liegt es offenbar in der Kultur, dass völlige Abstinenz noch immer oberstes Ziel ist."

Aktuelle Entwicklungen zum Thema werden auch am derzeit in Wien laufenden Kongress der Europäischen Gesellschaft für Biomedizinische Forschung diskutiert. "Das neue Wissen fließt noch viel zu selten in die Behandlung ein. Da müssen die Fachrichtungen stärker zusammenarbeiten", betont Lesch. Statistiken zeigen, dass Alkoholmissbrauch 29 Prozent aller Aufnahmen auf internen und 25 Prozent auf psychiatrischen Abteilungen ausmachen. In der Chirurgie sind es immerhin zwölf Prozent.

Wesentlich für den Erfolg ist aber, eine maßgeschneiderte Therapie mit und eine Beziehung zum Patienten zu entwickeln. Walter: "Der erste und wichtigste Schritt ist die Motivationsarbeit. Wir vereinbaren realistische Ziele und versuchen, Dinge zu finden, die es wert sind, den Alkohol wegzulassen. Das kann gesundheitliche oder familiäre Faktoren ebenso betreffen, wie simples Autofahren."

Folgen: Chronische Erkrankungen
Zahlen
In Österreich konsumieren rund 900.000 Menschen Alkohol in gesundheitsschädigendem Ausmaß. 8000 sterben pro Jahr. In der EU ist Alkoholmissbrauch die dritthäufigste Ursache (hinter Nikotin und erhöhtem Blutdruck) eines vorzeitigen Todes oder einer chronischen Krankheit.

Organismus
Von Alkoholmissbrauch ist das gesamte Organsystem betroffen, besonders aber die inneren Organe. Die Sucht zieht schwere chronische Folgeerkrankungen nach sich: Leberschäden, Entzündungen im Magen-Darm-Trakt, Herz- und Nierenprobleme, Nervensystem. Vielfach sind die Therapiemöglichkeiten beschränkt. Beim Entgiftungsorgan Leber etwa ist bei Schäden nur eine Transplantation möglich.

(kurier) Erstellt am
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