Wissen
19.02.2018

Neue Oberstufe: Was noch besser werden muss

Das Modell soll erst ab dem Schuljahr 2021/22 in Kraft treten. Wo Praktiker Verbesserungspotenzial sehen.

Jetzt ist sie also verschoben – die bei vielen Schülern, Eltern und auch Pädagogen ungeliebte Neue Oberstufe (NOST). Erst im Schuljahr 2021/22 soll sie österreichweit an allen Gymnasien und berufsbildenden Schulen ab der 6. Schulstufe umgesetzt werden. Die Zeit will Bildungsminister Heinz Faßmann nutzen, "um das Konzept genauer zu evaluieren und die Schulen besser darauf vorzubereiten."

Das Konzept der NOST: Das Schuljahr wird in zwei Semester unterteilt, für die es jeweils ein Zeugnis gibt. Man darf mit bis zu drei Fünfern aufsteigen, muss diese aber bis zur Matura verbessern, Aufstiegsklausel gibt es also nicht mehr. (Details s. u.)

Zu viel Bürokratie

Direktorensprecherin Isabella Zins weiß, warum die Skepsis bei vielen so groß ist: "Der bürokratische Aufwand ist riesig – Lehrer werden zu Buchhalten, weil sie für jeden Schüler dokumentieren müssen, welche Kompetenzen ihm für einen positiven Abschluss noch fehlen."

Hintergrund: Bei einer Prüfung wird nur der Stoff abgefragt, den der Schüler nicht beherrscht hat. Wobei auch das ein Problem werden kann, wie Zins weiß: "Bisher konnte ein Schüler, der in einem bestimmten Bereich Schwächen hatte, diese ausgleichen, indem er ein Referat machte. Das geht bei der NOST nicht."

Falle für Schüler

Ein weiterer Kritikpunkt kommt von Gernot Schreyer, Obmann der Elternvereine an höheren Schulen: "Dass Schüler manche Prüfungen bis kurz vor die Matura hinausschieben dürfen, ist für viele eine Falle. Schaffen Sie diese nicht, stehen sie plötzlich ganz ohne Abschluss da."

Dass die Neue Oberstufe noch nicht ganz ausgereift ist, sagen selbst Befürworter des Systems, wie etwa Johannes Hiller, Direktor des BORG Neulengbach (NÖ). In seiner Schule wird das Konzept schon jahrelang umgesetzt; gemeinsam mit dem Bildungsministerium hat Hiller schon manches an dem ursprünglichen Konzept entschärft. Was er jetzt noch verbessern würde? "Die Schüler haben derzeit zu viele Möglichkeiten, die Prüfung zu wiederholen. Habe ich einen Fünfer, so kann ich noch drei Mal antreten. Bin ich immer noch negativ, so gibt es das, was wir umgangssprachlich ,Parkplatz‘ nennen: Vor der Matura kann ich in dem Fach nochmals antreten. Das verleitet viele Schüler dazu, sich einfach einmal auf gut Glück testen zu lassen, was natürlich den Verwaltungsaufwand erhöht. Ich finde, zwei Prüfungen genügen."

Pädagogisch sinnvoll

Dass die NOST auf jeden Fall mehr Bürokratie bedeutet, sieht auch Hiller so: "Da müsste man sich bei der Vergütung etwas einfallen lassen." Doch unterm Strich habe das Modell einen echten pädagogischen Mehrwert. Und das aus zwei Gründen: "Fünfer-Schüler erhalten einen individuellen Lernbegleiter zur Seite gestellt – ein speziell geschulter Lehrer. Er unterstützt den Schüler organisatorisch und pädagogisch dabei, den Fleck auszubügeln. Und er berät die Jugendlichen – denn manchmal ist eine freiwillige Wiederholung sinnvoller als einen Fünfer in Mathe oder Englisch mitzuschleppen."

Auf die Schwächen konzentrieren

Dieses Schuljahr kann der Schüler effizienter nutzen als im alten System: "Positive Noten bleiben erhalten. Statt sich nochmals in den Geografie- oder Musikunterricht zu setzen, kann er sich voll auf Mathematik konzentrieren und dieses Fach sogar bei zwei Lehrern besuchen." Aufgabe des Lernbegleiters ist es, hier den Schüler richtig zu beraten. Denn wenn ein Schüler zu viele Fünfer anhäuft, kann die Falle zuschnappen: Mehr als drei Fleck darf der Schüler nicht mitnehmen, und plötzlich muss er die Schule verlassen.

Weniger Wiederholer

Dabei war die Idee der NOST, dass weniger sitzen bleiben, indem sie in kleineren Portionen lernen. Edith Dosztal, Direktorin der HAK Neunkirchen beobachtet, dass an ihrer Schule genau das passiert: "Bisher hatten wir auch Schüler, die sich zurücklehnten und erst gegen Schuljahresende oder vor der Wiederholungsprüfung mit dem Lernen begannen. Die Neue Oberstufe zwingt sie dazu, bei der Stange zu bleiben, was den Effekt hat, dass weniger große Lücken entstehen. Von Lehrern und Lernbegleitern erhalten sie die notwendige Unterstützung."

Neue Oberstufe (NOST)

Diese hätte ursprünglich ab dem Schuljahr 2017/’18 für alle AHS und berufsbildenden höheren Schulen mit einer mindestens dreijährigen Oberstufenform ab der 10. Schulstufe gelten sollen. Jetzt wurde der Start auf das Schuljahr 2021/’22 verschoben.

Mit drei Fünfern aufsteigen

Das Neue: Jedes Semester ist ein Modul, welches positiv abgeschlossen werden muss, weshalb man auch nach jedem Semester ein Zeugnis erhält. Bisher gab es nach dem 1. Semester nur eine Semesternachricht. Das heißt: Jeder Fünfer muss spätestens bis zur Matura ausgebügelt werden, wobei man auch mit drei Fünfern aufsteigen darf (das allerdings nur ein Mal pro Oberstufe). Bei der Wiederholungsprüfung wird nicht der gesamte Jahresstoff geprüft, sondern nur die Kompetenzen, die der Schüler noch nicht beherrscht hat. Nach einem Fünfer darf man noch drei Mal zur Prüfung antreten – schafft man diese nicht, hat man noch kurz vor der Matura eine letzte Chance.

Lernbegleiter

Wer ein „Nicht genügend“ in einen Fach hat, dem wird von der Schule ein Lernbegleiter zur Seite gestellt – ein Lehrer, der eine entsprechende pädagogische Ausbildung hat. Er soll gemeinsam mit dem Schüler einen Plan entwickeln, wie dieser die Defizite ausgleichen kann.
Er kann dem Schüler auch raten, freiwillig ein Schuljahr zu wieder- holen. Hochbegabte Schüler haben hingegen die Möglichkeit, Prüfungen vorzuziehen.