Analysiert
03/08/2017

Neandertaler kannten schon "Aspirin"

Sie hatten bereits natürliche Schmerzmittel und natürliche Antibiotika. Und auch vor 50.000 Jahren gab es bereits Vegetarier.

von Ernst Mauritz

Schon die Neandertaler verwendeten den Wirkstoff von Aspirin und auch natürliche Antibiotika: Das fand jetzt ein internationales Forscherteam unter Beteiligung einer österreichischen Privatuniversität heraus. Die Studie wurde im Fachjournal Nature veröffentlicht.

Die Forscher haben Zahnstein (Plaque) von fünf Neandertaler-Gebissen analysiert, die in Italien (ein Fund) sowie Belgien und Spanien (je zwei Funde) schon vor länger Zeit entdeckt wurden. Sie sind zwischen 42.000 und 50.000 Jahre alt.

"Im Zahnstein bleiben auch Nahrungsmittelteilchen enthalten", erklärt die australische Hauptautorin Laura Weyrich in einerMitteilungder Universität von Adelaide. Erste Erkenntnis von DNA-Analysen: Die belgischen Neandertaler ernährten sich vorwiegend von Wollnashörnern, Wildschafen (Mufflons) und verschiedenen Pilzen. Jene, deren Skelette in der nordspanischen HöhleEl Sidróngefunden wurden, waren offenbar Vegetarier: Samen, Pilze, Moos, Rindenstücke und was sie sonst im Wald so alles an Pflanzen und Früchten fanden, machten ihre Nahrung aus.

Doch noch viel überraschender war eine zweite Entdeckung: Die Analysen des Oberkiefers einer der Neandertaler aus der El-Sidrón-Höhle zeigten, dass er an einem Zahnabszess ("Eiterbeule") gelitten hatte. In seinem Zahnschmelz fanden sie Spuren des Erbmaterials von Pappeln. Die Triebe, Blätter und die Rinde von Pappeln enthalten den natürlichen Schmerzkiller Salicylsäure – die Vorstufe von Acetylsalicylsäure, dem Wirkstoff des Schmerzmittels Aspirin.

Und sie fanden DNA-Spuren eines penicillin-ähnlichen Pilzes, der offenbar als natürliches Antibiotikum eingesetzt wurde. "Diese Erkenntnis ist unglaublich spannend", sagt der aus Deutschland stammende Zahnmediziner und Anthropologe Kurt W. Alt zum KURIER.
Er leitet das Zentrum für Natur- und Kulturgeschichte derDanube Private University(DPU) in Krems, NÖ, und ist einer der Studienautoren. "Sie zeigt die große Bedeutung von Naturheilverfahren schon in der damaligen Zeit – und dass dieses alte Wissen bis heute aktuell ist."

Die Neandertaler hatten zwar nicht Karies, aber sie verwendeten die Zähne "als dritte Hand", erklärt Alt. Dadurch wurden sie aber extrem abgenützt, die äußeren harten Zahnsubstanzen abgeschert. Konnten sie nicht rasch genug nachgebildet werden, trat das Zahnmark (Pulpa) zum Vorschein: "Infektionen waren die Folge, es kam zu Entzündungen, der Zahn faulte ab, bis nichts mehr vorhanden war."

Ziehen konnten sich die Neandertaler den Zahn nicht – "sie probierten aber, welche Substanzen aus der Natur ihnen gegen den Schmerz am besten halfen". Und: Ein Zufall sei es wahrscheinlich nicht, dass ausgerechnet bei dem Neandertaler mit einem Zahnabszess die Hinweise auf Salizylsäure und ein natürliches Antibiotikum gefunden wurden.

Alt hat für die Studie zum Vergleich unter anderem Analysen von Zahnsteinproben von Affen aus anderen Epochen (etwa Jungsteinzeit, Steinzeit und Mittelalter) beigesteuert: "Und daran sieht man, dass sich die Bakterienzusammensetzung im Zahnstein komplett verändert hat."

"Wir könnten uns heute – wären wir darauf angewiesen – mit pflanzlichen Mitteln bei Zahnschmerz nicht helfen", sagt Alt: "Aber das zeigt, welches enorme Wissen die Neandertaler eigentlich schon hatten."