NASA-Vizechefin: Die Hürden auf dem Weg zum Mars

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Foto: flickr/cc by NASA HQ PHOTO Dava Newman, stellvertretende Administratorin der NASA.

Dava Newman sprach in Wien über die nächsten Schritte zur bemannten Mars-Mission.

Sechs Menschen stehen in einem engen Aufzug, mittendrin eine zierliche Amerikanerin: "Ladys, das hier ist Luxus, in einer Raumkapsel ist es noch viel enger." Dava Newman muss es wissen – die stellvertretende Leiterin  der US-Raumfahrtorganisation NASA ist für Planung und strategische Ausrichtung der Behörde zuständig und forschte zuvor als MIT-Professorin an den Bewegungsabläufen von Astronauten. Bei einem Vortrag im Naturhistorischen Museum Wien erzählte sie von den nächsten Schritten der Mission Richtung Mars. Dabei ließ sie keine Zweifel daran, dass bald die ersten Stiefelabdrücke im roten Sand zu sehen sein werden.

KURIER: Seit 50 Jahren versucht die NASA, zum Mars zu kommen. 2030 soll es so weit sein. Was sind die größten Herausforderungen?
Dava Newmann: Es gibt noch sehr viel zu tun (lacht). Zuerst müssen wir die Trägerrakete „Space Launch System“ mit der Orion-Kapsel ausprobieren. Diese Dekade nennen wir „Exploration Mission 1“, sie startet 2018. In den frühen 2020er-Jahren werden wir mit bemannten Missionen starten und in die Mondumlaufbahn fliegen. Zuvor müssen wir  aber noch viele Technologien testen. Zum Beispiel den Hochantrieb für Raketen,  Lebenserhaltungssysteme sowie Wohnkapseln, die für den Aufenthalt auf dem Mars taugen. In den frühen 2030er-Jahren sollten wir mit einer bemannten Mission die Mars-Umlaufbahn erreichen und dann die ersten Menschen  landen.  Die ersten Stiefelabdrücke werden alles verändern.

Ein Risikofaktor ist die Gesundheit der Astronauten. Scott Kelly, der ein Jahr auf der ISS war und im März zurückkehrte, hat Schmerzen in den Füßen, seine Haut brennt ... Er kam vor zwei Monaten zurück und es geht ihm gut, aber ja, sein Körper muss sich noch immer erholen. Jetzt haben wir Jeff Williams auf der ISS (Internationale Raumstation), der den US-Rekord für den längsten Gesamtaufenthalt im Weltall brechen wird. Wir testen noch, wie es Astronauten bei solchen Langzeitmissionen geht. Auf der ISS trainieren sie mehrere Stunden pro Tag gegen den Knochen- und Muskelschwund. Eine Mars-Mission wird aber zweieinhalb Jahre dauern (Hin- und Rückflug, Anm.). Sie müssen sich an die geringe Schwerkraft anpassen und daran, dass der Mars eine dünne Atmosphäre hat. Wenn sie wieder zurückfliegen, werden sie sich auch an Bord einem intensiven Spezialtraining unterziehen.

Generell werden sie  auf  engstem Raum zusammenleben  und arbeiten. Gibt es dazu auch ein spezielles Training?
Das psychologische Wohlbefinden, die mentale Gesundheit der Crew, speziell bei Langzeitmissionen, steht ganz oben auf unserer Liste. Wir haben Analog-Missionen und Simulationen, etwa in U-Booten oder in der Antarktis – dabei schauen wir uns an, wie Teams  in isolierter und abgeschlossener Umwelt zurechtkommen. Aber wir schauen auch auf den Strahlenschutz. Der Curiosity Rover hat hier Daten gesammelt. Bei künftigen Astronauten müssen wir uns individuell ansehen, wie wir sie am besten vor Strahlen schützen können. Wir beobachten   gerade auch ein anderes Phänomen: Manche Astronauten haben Probleme mit dem Augeninnendruck.  Da suchen wir noch nach Gegenmaßnahmen.

NHM Dava Newman… Foto: /Hischam MOMEN NHM-Wien Vergangene Woche wurde die Wohnkapsel „BEAM“  auf der Internationalen Raumstation aufgepumpt. Was erhoffen Sie sich davon?
Sie wird in den nächsten zwei Jahren getestet, da stecken viele Instrumente drinnen. Es war schon interessant zu sehen, wie sie aufgepumpt wird und wie dabei alles mit der Ausdehnung und dem Material funktioniert.  „BEAM“ ist eine Test-Version für  kleinere Wohn- und Labormodule, die  später im tieferen Weltall stationiert sein werden.

Sie haben als Forscherin  zwölf Jahre an speziellen Raumanzügen gearbeitet. Wie können diese nützlich sein?
Wir gehen nicht zum Mars, um dort herumzuhängen (lacht). Wir wollen zum Mars, um zu entdecken, deshalb brauchen wir auch exzellente Rover und sehr gute, leichte und bewegliche Anzüge. Der Raumanzug ist das kleinste Raumfahrzeug, du musst das ganze System einbauen, um zu überleben.

Neben den USA arbeiten auch viele andere Nationen an einer Mars-Mission. Wird es  eine Art Wettlauf geben?
Wir erforschen den Mars seit 50 Jahren, ebenso die ehemalige Sowjetunion. Wir arbeiten viel mit anderen Ländern zusammen. Viele unserer Instrumente stammen aus Frankreich, Spanien oder aus Österreich. Wir laden aber auch immer internationale Partner ein, zum Beispiel die Inder – sie nutzen unser Weltraumnetzwerk und unsere Navigation. Es ist mehr eine weltweite Kooperation.

Haben Sie selbst nie versucht, Astronautin zu werden?
Ich habe mich nie beworben, aber ich habe Freunde, die Astronauten sind. Ich habe einige trainiert und darüber geforscht. Die nächste Generation sind meine Studenten, die als Astronauten auf dem Mars landen.

Zuletzt war die NASA wieder auf der Suche nach Astronauten ...
... und mehr als 18.000 Menschen haben sich beworben – für zehn Stellen.

Woher kommt die Faszination?
Weil wir zum Mars fliegen und alle wollen dabei sein.  Viele, die sich bewerben, wollen das ihr ganzes Leben lang machen.

Wenn es nach dem Investor Elon Musk geht, werden sie den Mars auch kolonialisieren. Was halten Sie davon?
Ich glaube, dass Menschen künftig auf der Erde und am Mars sein werden – also hin- und zurückfliegen. Aber: Der Mars ist ein kalter und unwirtlicher Ort. Die Erde ist unser Heimatplanet und doch um einiges netter, auch wenn der Mars faszinierend ist.

Zur Person: Die passionierte Seglerin verbrachte ihre Kindheit in Helena, Montana. Inspiriert von den Apollo-Missionen der 60er-Jahre, wusste sie schon als Kind, dass   sie Raumfahrtwissenschaftlerin werden will. Bevor sie im Mai 2015 zu NASA-Chef Charles Boldens (siehe Foto) Stellvertreterin wurde, war sie Professorin für Luft- und Raumfahrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort forschte sie etwa an  Hochleistungsraumanzügen, Dynamik und Kontrolle von Bewegungsabläufen von Astronauten und Missionsanalysen. Nachwuchsforschern, die im Bereich der Raumfahrt künftig arbeiten wollen, rät sie zu Studienfachkombinationen, etwa Geologie und Raumfahrtwissenschaft. 

(kurier / sl) Erstellt am
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